Sonntag, 12. Juli 2026

Tag 3 - Der Sonne hinterher

Reise ich in die USA, kann ich mir meine Reiseziele nach Ort und Zeitbedarf frei zusammenstellen. Reise ich nach Kanada, gilt das ebenso; ich muss mir aber zusätzlich einen kleinen Zeitpuffer für den Fall schlechten Wetters zurechtlegen. Reise ich nach Island, kann ich mir eine auch nur halbwegs stringente Planung eigentlich komplett sparen. Stattdessen muss ich entweder ausgesprochen gut im Daumen drücken oder aber bereit sein, den raren Sonnenflecken endlos viele Kilometer hinterherzujagen. Denn die Chance, an einem bestimmten Ort in Island zu einer bestimmten Zeit zumindest einigermaßen passables Wetter zu haben, ist einfach verschwindend gering. Jedenfalls sagen mir das übereinstimmend ganze sieben Wetterseiten und zwei Regenradare, die ich nach nur zwei Tagen hier allesamt dauerhaft geöffnet habe und alle 20 Minuten frequentiere.

Und was verheißen mir diese Online-Ressourcen für meine heutigen Ziele? Es wird regnen. Und es wird windig. Und kalt wird es natürlich auch. Genau dort, wo ich bin, und zumindest 80 Kilometer rundherum und das den ganzen Tag und morgen auch und eigentlich immer. Dass an dieser Prognose durchaus etwas dran sein könnte, wird mir schon beim morgendlichen Blick aus dem Fenster klar: Es nieselt, so weit das Auge nur blicken kann. Es ist stürmisch. Und warm sieht es freilich auch nicht gerade aus...

Was also tun? Bloß weg hier - aber mit Plan und Bedacht. Unter eingehender Wertung und Wichtung aller Wetterprognosen meines umfassenden Datenpools ermittle ich am Früstückstisch eine Wahrscheinlichkeit von 82,7 Prozent, dass der einzige Ort in Island ohne Regen am heutigen Tage wohl Landmannalaugar sein wird - und dies auch nur zwischen 14:00 und 18:00 Uhr.

Also lassen wir uns Zeit und starten erst gegen 11:00 Uhr zum 140 Fahrkilometer entfernten Tal der "warmen Quellen". Nach nur einer Stunde Fahrt warnt uns unser noch immer unbenanntes Fahrzeug vor Druckverlust im Reifen, was sich aber an der nächsten Tankstelle erfreulicherweise als Fehlmeldung herausstellt. Tatsächlich ist in allen Reifen viel zu viel Luft! Also lasse ich überall etwas ab und alle sind wieder glücklich. Eine mäßig spektakuläre einstündige Dirtroad-Fahrt später stehen wir dann auch schon bei bestem Wetter am vordersten der Landmannalaugar-Parkplätze. Ich bin einfach ein Wetter-Ass!

Was ist hier geplant? Die Besteigung gleich zweier Erhebungen: Den Bláhnúkur und den Brennisteinsalda.

Wir entscheiden uns, das steilste Stück an den Anfang unserer Tour zu legen, und kraxeln recht zügig 350 Höhenmeter den erstgenannten Hügel hinauf. Immer im Blick: Die gelbschimmernde und schneegesprenkelte Bergwelt.




Oben angekommen vertilgt Sophia ihre mitgebrachten Brote derart schnell, dass ich mich genötigt sehe, ihr die Hälfte meines eigenen Proviants zu überlassen, um schlechter Stimmung vorzubeugen. Dann ein paar Fotos von der Aussicht...



...und schon geht es wieder nach unten mit Blick auf den als nächstes zu besteigenden Brennisteinsalda.


Unten angekommen offenbart sich jedoch zunächst ein kleiner Planungs-Fauxpas: Wir stehen ratlos an einem nicht trockenen Fußes zu querenden Schmelzwasserfluss. Auch eingehende Sondierungen stromabwärts bleiben leider erfolglos. Neoprensocken haben wir für solche Fälle zwar tatsächlich mitgenommen. Die sind aber mangels Kenntnis von einer möglichen Flussquerung sicher im Auto verstaut. Es bleiben also nur zwei Optionen: Barfuß bzw. mit Wechselsocken durch den Fluss oder zurück über den Bláhnúkur. Da letzteres noch weniger verlockend erscheint, ordne ich schließlich erstgenannte Variante an und quere zunächst testweise allein und anschließend nochmal mit Sophia auf den Armen die frostigen Fluten. Anschließend bekreuzige ich mich dreimal, hatte ich mich doch schon mit Sophia in den Armen ein urlaubsgefährdendes Bad im Schmelzwasser nehmen sehen. Lisa folgt fröstelnd nach.


Nachdem die Füße wieder trocken sind, besteigen wir schließlich den Brennisteinsalda. Auf halber Höhe sieht man schön den Bláhnúkur, auf dem wir vor zwei Stunden noch standen.


Den Restweg hätten wir uns sparen können. Oben angekommen pfeift der Wind derart stark, dass man schon Schwierigkeiten hat, einfach nur stehen zu bleiben. An eine gemütliche Pause ist nicht einmal im Ansatz zu denken.



Stattdessen versuchen wir den Berg so schnell es nur irgendwie geht wieder zu verlassen, wobei ich es auf einer Eispassage nur mit viel Glück und Mühe verhindern kann, mich der Länge nach schmerzhaft hinzuschmeißen. Erneut bekreuzige ich mich.

Es folgen sodann noch recht zähe drei Kilometer Rückweg durch Matsch, Schnee und Regen und gegen 19:30 Uhr stehen wir ziemlich fertig wieder am Auto. Jetzt müssen wir ja nur noch nach Hause... Zweieinhalb Stunden lang... Und davon eine Stunde auf einer Dirtroad... Und das bei mittlerweile dichtem Nebel.... Das wird ja ein Klacks!

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