Donnerstag, 31. Juli 2025

Tag 20 - Himmel und Hölle

Wohl noch nie haben wir so viel Aufwand betrieben und so viele Entbehrungen auf uns genommen, um eines unserer Wunschziele erreichen zu können: erbitterter Aktualisierungsmarathon bei der Campground-Reservierung, Beschaffungs- und Transportmühen für das Zelt-Equipment, der übliche Stress der Shuttlebusfahrt, Starkregen und Hagel am Anreisetag, eine bitterkalte Nacht in einem pitschnassen Zelt und schließlich dessen frühmorgendlicher Abbau mit blaugefrorenen Fingerkuppen. Und hier ist er nun: Unser Tag auf dem Opabin Plateau!

Nach der - einer näheren Darlegung nicht würdigen - Verladung der unverändert tropfnassen Zeltplanen in der dazugehörigen Tragetasche schreiten wir gegen 7:30 Uhr frühstückslos Richtung Lake O'Hara. Der Himmel zeigt sich strahlend blau; kein Wölkchen ist zu sehen. Am Westufer des Sees zweigt rechtsseitig ein Weg hoch zum Opabin Plateau ab, auf den wir unsere Schritte lenken. Zunächst geht es östlich am Mary Lake entlang und sodann 200 Höhenmeter steil nach oben. Gar nicht so einfach ohne energetische Grundlage, die weiterhin auf etwas Sonnenschein wartend in unseren Rucksäcken harrt.

Nach etwa einer Stunde haben wir das Opabin Plateau erreicht und biegen zunächst nach links ab, um einen der berühmtesten Ausblicke in den kanadischen Rocky Mountains genießen zu können: den Blick vom Opabin Prospect. Nach weiteren fünfzehn Minuten stehen wir dann auch schon an der entsprechenden Felskante und warten - unsere mitgebrachten Bagel verzehrend - darauf, dass die Sonne zunächst uns, dann den grünlich schimmernden Mary Lake und schließlich den himmelblauen Lake O'Hara zum Leuchten bringt. Nachdem sie uns diesen Gefallen ca. 9:30 Uhr tut, wird erstmal ausgiebig gepost. Warum auch nicht? Außer uns ist kein Mensch hier. Was für ein Privileg, einen solchen Moment ganz allein genießen zu können!

Sowohl als Weitwinkel-...


...als auch als Panorama-Aufnahme ein Knaller - der Blick vom Opabin Prospect:

Gegen 10:00 Uhr geht es weiter. Wir haben schließlich noch viel vor. Immerhin soll das gesamte Opabin Plateau durchschritten werden. Also lenken wir unsere Füße wieder nach Süden und beginnen eine Expedition in eine so kitschig-schöne Traumwelt, dass man sich bisweilen die Augen reiben muss. Überall rauschen Bächlein durch wildblumendurchzogene Auen und münden in perlenschnurartig aneinandergereihte kristallklare Bergseen. Alle 200 Meter auf den wunderbar naturnah angelegten Wegen ergibt sich ein neuer Ausblick, der zum Schwärmen einlädt. Himmlisch! Ich lasse einfach mal die Bilder sprechen.

Cascade Lakes:


Moor Lakes:


Hungabee Lake:


Bis zum Scheitelpunkt unserer Wanderung am Opabin Lake treffen wir bis auf einen einzigen, uns entgegenkommenden Hiker überhaupt niemanden. Das frühe Aufstehen hat sich also absolut gelohnt. Am Opabin Lake sehen wir dann schon aus der Entfernung zwei Grüppchen stehen, lassen diesen deswegen kurzerhand aus und machen uns stattdessen sogleich auf der gegenüberliegenden Seite des Plateaus auf den Rückweg. Wir haben ohnehin schon einen absoluten Lake-Overload! Noch ein paar Impressionen von der anderen Seite der Hochebene.


Die Kehrseite der Medaille soll nicht verschwiegen werden. Das Opabin Plateau ist ein Nonstop-Paradies im wahrsten Sinne des Wortes. Man darf niemals länger als fünf Minuten rasten, muss also pausenlos laufen und laufen und wieder laufen. Warum? Weil man sonst riesigen Insektenschwärmen zum Opfer fällt, die sich erbarmungslos auf jedes Lebewesen stürzen, das sich nicht in steter Bewegung befindet. Allem Bugspray zum Trotz kommen sie und stechen unentwegt durch Hosen und Shorts, Jacken und Mützen, bis sie schließlich alles Blut aus ihrem Ziel gesogen haben. Die reinste Moskito-Hölle! Bedingt hilfreich ist nur eins: Immer in Bewegung bleiben.

Wieder unten am Lake O'Hara angekommen, ist von der Insektenplage auf dem Opabin Plateau nichts mehr zu spüren. Wir rasten endlich und verarbeiten die unglaublichen Eindrücke der letzten Stunden. Was für eine Wanderung!

Da ist es auch nur ein kleiner Wermutstropfen, dass es im Schmalspurcafé "Le Relais" am Trailhead keinen Karottenkuchen mehr gibt und wir noch 90 Minuten auf unseren Shuttle zurück zum Parkplatz am Rande des Highways warten müssen, auf welchem unser liebes Wohnmobil treudoof seiner Besitzer harrt.

Was für ein schönes Gefühl endlich wieder dessen wohlig-vertrautes Innenleben zu betreten! Hier sind sie, die lang vermissten Annehmlichkeiten moderner Zivilisation: Ein kuschelig warmes Bett, ein gut gefüllter Kühlschrank und vor allem ein eigenes Klo ohne die wohl unvermeidlichen Spuren aller sonstigen Benutzer!

Nach einem leckeren Mittag und einem kleinen Einkauf findet Lisa noch Kraft, unser Zeltgepäck ordentlich zu verstauen; ich matte geschafft auf dem Bett ab. Am Abend wird dann geduscht, wobei sich wieder die Frage auftut, warum so viele kanadische Campgrounds nur die Einheitsduschtemperatur "Hummer blau" zur Verfügung stellen, auf dem Spielplatz geturnt und schließlich Abendbrot gegessen. Meine danach verbleibenden Kräfte reichen schlussendlich gerade noch zum Verfassen dieses Blog-Beitrags; dann falle ich in tiefen Schlaf.

Tag 19 - Die nervige Nummer 17

Das Ziel der Ziele naht: Nachdem unser geplanter Kanu-und-Zelt-Ausflug zu Spirit Island ja bereits wetterbedingt ausfallen musste, soll es nun wenigstens mit unserer Zeltübernachtung am Lake O'Hara klappen, die Christoph uns als DAS Highlight der Reise angepriesen hat. Der Weg hierhin war schon mal nicht leicht, aber tatsächlich sind wir im Besitz von Reservierungen für die (leider unvermeidliche) Fahrt mit dem Shuttle sowie die Übernachtung auf dem dortigen Campingplatz. So weit, so gut. Da unser restlicher Urlaub bekanntermaßen im Wohnmobil stattfindet, steht uns zunächst die überraschend schwierige Aufgabe bevor, unser Gepäck für eine Zeltnacht vorzubereiten. Gar nicht so leicht, sämtliche benötigte Ausrüstung vom Zelt über selbstaufblasende Isomatten, Schlafsäcke, Kopfkissen, Klamotten für alle Eventualitäten, Essen und Getränke für 2 Tage bis hin zu einer begrenzten Auswahl an elektronischen Geräten in das im Shuttle zugelassene Gepäck zu quetschen. Irgendwie gelingt es aber und wir stehen pünktlich mit einer Stunde Vorlauf am Parkplatz, den wir selbstverständlich in den vergangenen Tagen schon ausgekundschaftet haben. Christoph wird angesichts der sich bereits am Treffpunkt befindlichen Ansammlung wartender Gestalten direkt nervös und macht sich auf den Weg, herauszufinden, ob wir uns trotz mehrfacher Kontrolle vielleicht doch in der Uhrzeit geirrt haben. Aber nein, wenig überraschend warten die Herrschaften mit einem durchschnittlichen Alter von 65 Jahren, blitzblank geputzten Köfferchen und Denkerschals auf den Shuttle zur Lodge, die sich ebenfalls am Ufer des Sees befindet.

Eine Stunde später sitzen dann auch wir in unserem Bus, nachdem unser Gepäck verladen wurde, und lauschen der Belehrung des Rangers, die nichts Neues für uns bereithält. Wettertechnisch kündigt er eine geringe Regenwahrscheinlichkeit von dreißig Prozent für den späten Nachmittag an, meint aber gleichzeitig, dass sich das Gebiet rund um den See manchmal in einer kleinen Bubble befindet und daher auch von Niederschlag verschont bleiben könne. Das klingt ja schon mal nicht schlecht.

Auf dem Campingplatz angekommen gibt es weitere Hinweise, bevor alle neuen Camper losgeschickt werden, um sich einen freien Platz ihrer Wahl auszusuchen. Mit all unserem Gepäck watscheln wir also los und hoffen auf ein ruhiges Plätzchen in der hintersten Ecke. Leider sind unsere Mitcamper schneller zu Fuß und auch entscheidungsfreudiger, sodass wir erstmal den halben Platz umrunden, bevor eine freie Site in Sicht kommt. Aus der anderen Richtung und noch etwas weiter entfernt nähert sich die Quasselstrippe, die uns schon im Bus genervt hat. Als sie gewahr wird, dass sich eine vollbepackte Familie mit Kind einem ruhig gelegenen Platz nähert, setzt sie überraschend zum Sprint an und grinst uns gehässig entgegen, als sie den Bruchteil einer Sekunde vor uns auf das Tentpad springt und nach der Handtuch-auf-der-Liege-Methode ihr Revier markierend ihren Rucksack auf Site Nummer 17 fallen lässt. Bei so viel Dreistigkeit sind wir erstmal sprachlos. Der einzige freie Platz ist nun der, der sich direkt am Lagerfeuer und damit am gesellschaftlichen Zentrum des Campgrounds befindet, wo sich abends alle geselligen Camper einfinden, um vermeintlich spannende Geschichten über ihre bisherigen Reisen auszutauschen. Drei Mal dürft ihr raten, wer dort abends nahezu als Alleinunterhalter von seinen Abenteuern berichtet und wer im Zelt liegt und einfach nur seine Ruhe haben will...

Sei wie es sei, jedenfalls bauen wir unser Zelt auf und richten uns häuslich ein. Sogar die Schnüre werden an den umliegenden Bäumen befestigt - sicher ist sicher! Sodann verstauen wir all unsere Lebensmittelvorräte im uns zugewiesenen Food Locker, bevor gegen halb eins zu einer ersten Wanderung aufgebrochen wird. Das Highlight mit dem Blick vom Opabin Plateau will Christoph sich für morgen früh aufheben, bevor die ersten Tagestouristen den Lake O'Hara erreichen, sodass heute zunächst der Lake Oesa unser Ziel sein soll. Bei herrlichem Sonnenschein starten wir mit einem ersten Blick auf den Lake O'Hara und folgen ein Stück seinem Ufer.

Die Farbe des Sees ist schon mal vielversprechend. Kurze Zeit später beginnen wir den Aufstieg zum heutigen Ziel, der uns zunächst über Wurzeln und Steine recht steil nach oben...


...und später auch über große Geröllfelder sowie an weiteren Seen vorbei bis zum Lake Oesa führt. Herrlich ist es hier oben, das Wetter spielt mit und wir treffen auch nur sehr wenige andere Wanderer. Ein toller Auftakt!

Sogar eine Bergziege streift durch die Landschaft!


Wir machen kurz Rast am Lake Oesa und genießen es, dass hier nicht ganz so viele Mücken unterwegs sind.


Die blauen Lücken zwischen den Wolken werden inzwischen merklich kleiner, wobei der Himmel nicht wirklich bedrohlich aussieht. Es ist angesichts der hohen Berge rundherum wirklich schwer einzuschätzen, wie die Wolken sich bewegen werden. Zwar sind wir uns ziemlich sicher, dass die Regenwolken (falls es denn überhaupt welche sind) an uns vorbeiziehen werden, kürzen unsere Pause aber dennoch ab und machen uns sicherheitshalber vorzeitig auf den Rückweg. Wir sind noch nicht allzu weit gekommen, da fängt es minimal an zu nieseln. Das stört uns nicht weiter und wir setzen unseren Weg fort. Wenige Minuten später hat es schon wieder aufgehört. Es dauert allerdings auch nicht lange, da beginnt der Nieselregen von Neuem und wir wechseln vorsorglich auf unsere Regenjacken und bedenken auch die Rucksäcke mit Regenschutz. Nachts im Zelt wäre es wohl eher schwierig, die Sachen zu trocknen... Zwischenzeitlich donnert es in der Ferne hin und wieder. Mal südlich, mal nördlich von uns, mal näher und mal weiter entfernt, zwischendurch ist auch mal zwanzig Minuten Ruhe. Nichts davon wirkt auch nur ansatzweise bedrohlich, dennoch sind wir ganz froh, dass wir uns bereits auf dem Rückweg befinden. Als uns noch etwa fünf Minuten bis zum rettenden Minicafé verbleiben, geht der Nieselregen natürlich in richtigen Regen über und wir legen nochmal einen Zahn zu, um nicht allzu nass am rettenden überdachten Freisitz anzukommen.

Puh, das wäre geschafft! Mit uns warten schon einige weitere Wanderer hier, die sich vermutlich ebenfalls vor dem Regen gerettet haben. Dieser lässt sich nicht lumpen und geht in einen ergiebigen Landregen über - man muss ja auch irgendwie auf die 1,2 mm kommen, die im Wetterbericht angekündigt waren. Egal, dann warten wir einfach die paar Minuten ab, bevor wir die letzten 500m bis zum Campingplatz laufen... Plötzlich wird das Trommeln auf dem Dach merklich lauter und ein etwas überraschtes "Uuuh" geht durch die Menge: Es schüttet wie aus Eimern. Aber so richtig! Noch immer kommen ganz vereinzelt Wanderer in unsere sichere Herberge und man kann sie wirklich nur bemitleiden: Das Bild des begossenen Puddels trifft es nicht ansatzweise. Bei all der Freude, dass wir es zeitlich so gut abgepasst haben und rechtzeitig wieder zurück waren, lässt uns die Ungewissheit über den Zustand unseres Zeltes allerdings zunehmend nervös werden. Wir haben keine Ahnung, ob es wirklich wie angepriesen wasserdicht ist. Zu den Wasserfällen von oben gesellen sich nun auch Blitz und Donner und wenn ich sehe, wie die Wassermassen auf die Erde prasseln, habe ich eigentlich kaum noch Hoffnung auf eine trockene Zeltnacht. Und während wir so darüber philosophieren, wie die Chancen stehen, dass wir mit durchnässter Zeltausrüstung noch heute Abend vorzeitig abreisen müssen, nimmt das Getöse da draußen plötzlich nochmal merklich zu: Es hagelt! Minutenlang dreschen zentimetergroße Eisbälle vom Himmel, die dem sensationslustigen Publikum nun ein ehrfürchtiges "Wooooow!" entlocken. Wir lachen, aber nur aus Verzweiflung... Es sieht jedenfalls nicht danach aus, als könnten wir unseren trockenen (immerhin!) Unterschlupf in den kommenden Minuten verlassen, sodass Christoph uns erstmal in dem Laden eine heiße Schokolade holt. Kommentar des Verkäufers zum Wetter: "Also so etwas habe ich hier noch nie erlebt!" Wir hätten auch lieber darauf verzichtet.


Für eine kleine Aufmunterung zwischendurch sorgt, dass unsere liebste Mitcamperin (die, die uns den schönen Platz geklaut hatte) völlig durchnässt mit ihrer Wandergruppe eintrifft. Zu unserer Verteidigung: Sie kam vor dem Hagel zurück, sonst wäre die Schadenfreude vielleicht wirklich unangebracht. Sophia, die das Platzwegschnappen gar nicht so richtig mitbekommen hatte, lässt sich von uns nochmal erklären, was es damit auf sich hat, dass uns diese ständig laut lachende Frau so sehr auf die Nerven geht. Und sie gibt ihr kurzerhand den Spitznamen "die nervige Nummer 17", was wir sehr passend finden.

Wir verharren bestimmt eine Stunde in dem Unterstand und beobachten das Unwetter, bevor sich der Niederschlag so weit abschwächt, dass wir uns im nachlassenden Nieselregen zum Campingplatz begeben können. Welches Bild der Zerstörung wird uns dort wohl erwarten? Da wir - dank der nervigen Nummer 17 - die Site ganz vorn haben, können wir es schon recht schnell erkennen: Das Zelt steht noch! Das ist schon mal ein guter Anfang. Neben und links unter dem Zelt hat sich eine ziemliche Pfütze gebildet und das Vorzelt ist natürlich nass und schlammbespritzt, aber im Zelt ist wie durch ein Wunder alles trocken geblieben! Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal derart erleichtert war. Viel weiter kommen wir allerdings nicht, denn der Regen nimmt wieder zu und wir verziehen uns erstmal in eine der beiden Holzhütten auf dem Campingplatz, die eigentlich zur Mahlzeitenzubereitung gedacht sind. Hier können wir zumindest unsere Jacken an Haken hängen und etwas essen. Es dauert nicht lang, da füllt sich der Cooking Shelter zusehends mit Mitcampern, denn draußen - Trommelwirbel, große Überraschung! - regnet und gewittert es. Ich meine, klar, immerhin hagelt es dieses Mal nicht, aber das Wetter meint es mit uns in diesem Urlaub wirklich nicht gut. Weitere zwei Stunden sitzen wir bei anhaltendem Regen und immer wiederkehrenden Gewittern in der Holzhütte fest. Nach einer Weile wird der Holzofen angeworfen und die ersten Camper packen ihre Gaskocher aus, um sich ihr Abendessen zuzubereiten.


So gut sind wir natürlich nicht ausgestattet, aber wir haben auch so genug Vorräte, um nicht hungern zu müssen. Eigentlich könnte das alles ganz gemütlich sein, wenn man auf Reisen Gesellschaft statt Ruhe suchen würde. So wie die nervige Nummer 17, die selbstredend den Weg in unser Cooking Shelter findet und fortan alle Umstehenden unterhält, denn sie hat natürlich alles schon gesehen und alles schon gemacht und ein Mal, da haben ihre Schwester und sie... Ich weiß nicht mehr, was sie Tolles erlebt haben, denn ich habe währenddessen mit Sophia Tiere und andere Gegenstände aus einem Stück runder Alufolie gefaltet. Sophia ist zum Glück noch in einem Alter, in dem man auch ohne eigenes Zutun von anderen liebevoll bedacht wird, sodass sie im Laufe des Abends von Mitcampern erst eine heiße Schokolade und später bei nachlassendem Regen einen gegrillten Marshmallow mit Schokolade zwischen zwei Keksen ("Smore") spendiert bekommt.

Irgendwann hört es tatsächlich wieder auf zu regnen und wir verkrümeln uns endlich in unser Zelt, das erstaunlicherweise nach wie vor innen trocken ist. Wir kuscheln uns in unsere Schlafsäcke und lassen den Abend mit Büchern und Hörspielen ausklingen. Während wir nach diesem mehr als aufregenden Tag und einem letzten Toilettengang gemütlich im Zelt liegen und darauf hoffen, bald einschlafen zu können, gibt die nervige Nummer 17 wenige Meter neben uns am Lagerfeuer lautstark weitere Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten, während ihr Zelt einsam und verlassen am anderen Ende des Campgrounds in einer ruhigen Nische unter inzwischen fast sternklarem Himmel steht und der Rückkehr seiner Besitzerin harrt.

Dienstag, 29. Juli 2025

Tag 18 - Der Weg der grünen Paprika

5:00 Uhr morgens, der Wecker klingelt, ich hüpfe aus dem Bett. Tatsächlich schaffen es innerhalb der nächsten zehn Minuten auch Lisa und Sophia, ihre Schlafstätten zu verlassen. 5:20 Uhr sind wir dann auch schon startklar und rollen vom Campingplatz. 

Warum? Wir wollen parken. Und zwar am Ufer des Lake Louise, wo ab Sonnenaufgang alle Parkplätze belegt sein sollen. Da Sonntag ist und wir einen längeren Wohnmobil-Parkplatz brauchen, schien uns dreißig Minuten vor Sonnenaufgang vernünftig. Die einzige andere Alternative wäre ein Shuttle-Bus. Und ich hasse Shuttle-Busse.

Als wir gegen 5:30 Uhr am Parkplatz ankommen, zeigt sich, dass wir doch etwas übervorsichtig gewesen sind - 6:00 Uhr hätte locker gereicht. Aber sei es drum; lieber zu früh als zu spät. Also wird noch schnell gefrühstückt und dann geht es auch schon los. Wir wollen heute den Lake Louise von oben sehen, wofür man zunächst hoch zum Lake Agnes Tea House und dann je nach Verfassung noch ein wenig oder sehr viel weiter wandern muss. Zur Wahl stehen der Little Beehive Trail mit 10 Kilometern Länge und 500 Höhenmetern, der Big Beehive Trail mit 11,5 Kilometern Länge und 700 Höhenmetern und der Devil's Thumb Trail mit 14 Kilometern Länge und knapp 900 Höhenmetern. Welchen wir schaffen können, möchte ich erst am Teehaus entscheiden.

Zu Beginn der Wanderung ist es kalt. Sophia meint, ihre Gliedmaßen würden gleich vor Kälte absterben, aber bewahrheitet hat sich das wenig überraschend nicht. Dafür schimmert der Lake Louise mystisch im Morgenlicht.

Das Trailprofil zum Teehaus ist äußerst geradlinig. Es geht nahezu durchgängig recht steil bergan. Allzu tolle Ausblicke gibt es dabei aufgrund der dichten Bewaldung nicht. Nur ab und zu blitzt ein Stückchen See zwischen den Nadelbäumen hindurch.

Sophia hat es heute mir überlassen, ein Thema für ihr wanderungsbegleitendes Rollenspiel zu wählen. Ich entscheide mich dafür, dass sie als grüne Paprika versuchen soll, aus einer Kühlbox zu entkommen. Unfassbar, dass dieses Szenario genug Stoff für sieben Stunden kindliche Fantasie bieten wird. So werden zunächst die Protagonisten nebst Familienmitgliedern in Biografie und Charakter ausgiebig beschrieben, sodann zwei Ausbruchsversuche simuliert und schließlich eine neue Heimat gefunden. Aus irgendeinem nicht näher zu klärenden Grund wird die grüne Paprika am Ende zaubern können und ihre Fähigkeiten damit vergeuden, der fernsehschauenden Sippschaft nach Popcorn schmeckendes Stockbrot in sich von selbst wieder auffüllenden Eimern herbeizuwünschen.

Nach knapp drei Kilometern Wanderung erreichen wir den Mirror Lake, in welchem sich der Big Beehive spiegelt. Ihn zu erklimmen wäre heute die mittelschwere Variante. Von hier unten sieht er doch recht hoch aus...

Etwa einen Kilometer und 150 Höhenmeter weiter stehen wir am Teehaus. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den sich im Lake Agnes spiegelnden Devil's Thumb (der penisförmige Fels links), den wir als schwerste Option heute besteigen könnten. Auch ziemlich steil...

Nach kurzer Klopause entscheiden wir uns dafür, entweder Big Beehive oder Devil's Thumb zu erklimmen. Little Beehive scheidet aus, da wir aufgrund des heute raschen Schrittes dann bereits gegen 10:00 Uhr zurück am Camper wären. Also schlendern wir um den schönen Lake Agnes herum...

...und quälen uns an dessen anderem Ende die Switchbacks hinauf, bis wir zu einer Stelle kommen, wo es links zum Big Beehive und rechts nirgendwohin geht, weil die Besteigung des "Teufelsdaumens" kein offizieller Trail ist. Immer noch unschlüssig ob des weiteren Vorgehens schlage ich vor, zuerst mal zum Big Beehive Viewpoint zu wandern und dann weiter zu entscheiden. Immerhin ist dieser Aussichtspunkt nur 400 Meter entfernt. Gesagt, getan stehen wir zehn Minuten später dort und sehen... nichts. Vielen Dank, lieber Nebel - wie kann man denn selbst bei Sonnenschein noch Pech mit dem Wetter haben?

Nach einem kleinen Snack verrät die Uhr, dass es erst 9:30 Uhr ist. Warum also nicht auch noch den schweren Trail hinauf? So richtig viel weiß ich über selbigen leider nicht. Ich fand lediglich die Fotos bei AllTrails toll, habe aber ansonsten nicht näher dazu recherchiert, weil ich den Weg aufgrund der vielen Höhenmeter als unwahrscheinliche Option ansah. Zum Glück haben wir hier oben Netzempfang. Was sagt denn das Internet dazu? "...steile Dropoffs... Handschuhe und Helm empfohlen...nur für erfahrene Hiker..." Oh Gott, schnell wird die Seite wieder geschlossen. Wir gehen am besten einfach los und schauen ,wie weit wir kommen.

Kurz hinter der Kreuzung zum Big Beehive noch einmal ein Blick nach oben. Da ist unser Ziel; man erkennt von hier mit etwas Mühe sogar zwei Menschen, die auf der Spitze stehen!

Es folgt ein recht steiler Anstieg, gefolgt von einer kleinen Kletterpartie und sodann ein traumhaft schöner Weg am Rande des Teufelsdaumens entlang. Wenn nur der Weg nicht ganz so schmal, der Abgrund nicht ganz so tief wäre! Ich übernehme die stets eingriffsbereite Aufsicht über Sophia (daher der gekrümmte Gang); Lisa lässt sich ab und zu für Fotos zurückfallen. 


Ein uns entgegenkommendes Pärchen warnt uns mit Blick auf Sophia vor dem weiteren Trailverlauf, welchen sie als "sketchy" einschätzen. Unbeirrt gehen wir nach kurzem Dankeswort in der sicheren Annahme weiter, als unverantwortliche Rabeneltern bewertet zu werden. Aber jeder muss sein Kind und dessen Fähigkeiten selbst einschätzen können. Unseres jedenfalls setzt hochkonzentriert einen Fuß vor den anderen, hört pflichtschuldig auf jede Anweisung und findet an diesem Abenteuer großen Gefallen.

An den "Drop-Off"-Abschnitt schließt sich ein äußerst steiles Stück an, das bisweilen nur auf allen Vieren und unter Zuhilfenahme von Wurzeln überwunden werden kann. Vor dem Rückweg graut mir. Die gute Nachricht: Man fällt hier bei Fehltritt nicht mehr direkt in den Tod. Schließlich muss nur noch die felsige Kuppe mit ein paar wenigen Kraxel-Einlagen überwunden werden.

Oben angekommen erwartet uns ein traumhaftes Bild. Links der Lake Agnes, rechts der von aufgestiegenen Nebelschwaden überflogene Lake Louise. In der Mitte thront der von unten einst so hoch erscheinende Big Beehive.


Neben uns sind noch zwei weitere Pärchen hier. Eines davon hatten wir bereits am Beginn des "Devil's Thumb"-Abschnitts getroffen. Die Frau eröffnet uns sogleich, dass sie nicht gedacht hätte, dass wir es mit Sophia hierher schaffen... Ähhm, danke?! Mit der Zeit lichtet sich der Nebel und wenig später sind nur noch wir hier oben. Mutterseelenallein genießen wir die fantastische Aussicht.


Man beachte auch den prächtigen Schnauzer, den ich mir habe wachsen lassen. Zum Abschluss ein Panorama-Foto; dann müssen wir leider den Rückweg antreten. Gegen 13:00 Uhr ist nämlich Regen angekündigt.

Der Weg hinab wird äußerst behutsam angegangen. Sophia zwischen uns nehmend kraxeln wir im Schneckentempo den steilen Pfad sicher hinab. Mal seitlich, mal rückwärts, mal auf allen Vieren, mal auf dem Hosenboden rutschend. Nach etwa einer Stunde stehen wir wieder kurz vor den Switchbacks und genießen ein wohlverdientes Mittagessen. Dabei wird einmal mehr ein Eichhörnchen äußerst aufdringlich.

Sodann folgt nochmal so richtig Balsam für die Seele. Gibt es etwas Schöneres, als einen steilen Weg bergab zu schlendern, während sich fast alle anderen mühsam, keuchend und schwitzend in die Gegenrichtung emporschleppen müssen? Am Lake Agnes angekommen noch ein schickes Schnauzerfoto...


...und dann geht es schnurstracks wieder hinab bis zum Ufer des Lake Louise. Dort lassen wir Sophia bei mittlerweile zugezogenem Himmel aus dokumentarischen Gründen auf die Felsnadel zeigen, auf der wir wenige Stunden zuvor standen.

Kaum zehn Minuten im Wohnmobil, fängt es auch schon an zu regnen. Na, das ist doch mal perfektes Timing!

Heute wird mangels verbleibender Kraftreserven jedenfalls nur noch gegessen, eingekauft und das morgige Abenteuer vorbereitet. Immerhin soll es für zwei Tage einschließlich Zeltübernachtung an den absoluten Topspot in den kanadischen Rockies gehen: den Lake O'Hara.

Tag 17 - Fields of Gold(en)

Wenig überraschend hat es mal wieder die ganze Nacht geregnet und regnet auch am Morgen weiter. Immerhin waren wir durch den Wetterbericht halbwegs vorgewarnt und Christoph hat bereits einen Ausweichplan ersonnen. So kommt es, dass wir nach dem Frühstück das Wohnmobil starten und eine ca. 90-minütige Fahrt auf uns nehmen, um den Regenwolken zu entkommen. Unser Ziel: Die Stadt Golden, wo es heute angeblich nur gegen Nachmittag eine geringe Regenwahrscheinlichkeit gibt.

Ganz entgegen unserer sonstigen Gewohnheiten stehen heute keine Wanderung oder anderweitige Aufenthalte in der möglichst einsamen Natur auf dem Programm, sondern die Golden Skybridge: zwei Hängebrücken, um die herum man eine Art kleinen Freizeitpark errichtet hat. Wir bezahlen also das nicht zu verachtende Eintrittsgeld und sind von zwei Dingen überrascht: Erstens regnet es hier tatsächlich nicht (es zeigt sich sogar vereinzelt blauer Himmel) und zweitens ist es gar nicht so voll wie befürchtet. Zunächst laufen wir über Hängebrücke Nummer 1 und passieren auf der anderen Seite einen Kletterpark sowie weitere Aussichtspunkte auf direktem Weg zum heutigen Highlight: Eine Sommerrodelbahn! Sophia ist sich erst gar nicht sicher, ob sie überhaupt mitfahren will. Ängstlich fragt sie immer wieder, ob die auch nicht zu schnell fährt und ob ich auch wirklich bremsen werde, wenn es ihr zu schnell wird. Ihr Fazit nach der ersten Runde mit mir: "Das war super! Jetzt fahr ich mit Papa, die ganze Zeit Vollspeed!" So bin ich also abgeschrieben und die beiden fahren zwei weitere Runden zusammen, bis unsere Tickets aufgebraucht sind.

Zurück über die zweite Hängebrücke kommen wir zu mehreren Slacklines, die Sophia unbedingt ausprobieren will, weil sie das im Fernsehen gesehen hat. Die für sie enttäuschende erste Erkenntnis: Es ist viel schwerer als es aussieht. Nach einer guten halben Stunde, in der wir alle unseren Spaß haben, dann die zweite Erkenntnis: Mit etwas Übung kann man relativ schnell erste kleine Erfolge erzielen. Sophia und ich schaffen tatsächlich ein paar Schritte und können auch einige Zeit auf der Leine stehen, während Christophs Erfolg eher darin besteht, sich nicht verletzt zu haben. 


Nach einem weiteren langen Zwischenstopp auf dem großen und abwechslungsreichen Spielplatz...


...entscheiden wir uns spontan, vor Ort noch etwas zu essen. Dies ist in zweierlei Hinsicht ein Fehler: Zum einen wählen Christoph und ich einen ziemlich scharfen Hähnchenburger, der nur so mittelgut verträglich ist. Zum anderen schenkt uns währenddessen ein anderer Besucher (natürlich Inder!) spontan zwei weitere Fahrten auf der Rodelbahn. Sophia freut sich zwar wie verrückt; allerdings müssen wir dafür nochmal auf die andere Seite der Schlucht, also nochmal zum Nadelöhr Hängebrücke. Da es inzwischen kurz nach Mittag ist, ist der Park gut gefüllt, sodass sowohl die Brückenüberquerung (Überholen auf einer schmalen Hängebrücke ist eher schwierig...) als auch die Wartezeit an der Rodelbahn laaange dauern, aber so bekommt Sophia als krönenden Abschluss eben noch eine Abfahrt auf der Rodelbahn.

Zufrieden, dass unser Plan aufgegangen ist - wir konnten sogar ohne Jacke in der Sonne sitzen! - machen wir uns auf den Weg zum Campingplatz. Viel mehr passiert heute nicht und Christoph scheucht uns zeitig ins Bett, weil wir morgen schon wieder sehr früh aufstehen sollen.

Sonntag, 27. Juli 2025

Tag 16 - Banff sehen und schnell wieder gehen

Heute gibt es recht wenig zu berichten. Es hat die ganze Nacht geregnet und als wir aufstehen regnet es immer noch. Es regnet auch während wir uns anziehen, frühstücken, den Wagen starten und den Campingplatz verlassen. Es regnet und regnet. Auf der Fahrt den Icefields Parkway entlang gen Süden zeigen die Wassermassen ihre destruktive Kraft. Gewaltige Wasserfälle rasen die Gebirgsketten hinunter, Schotterdämme wurden auf die Straße gespült, der Mistaya River rauscht tosend am Straßenrand. Fotos hiervon gibt es nicht, da ich bei der Witterung wenig Muße hatte, auszusteigen.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt - kurz vor Lake Louise - hört der Regen langsam auf. Ab Banff zeigen sich sogar einige Fetzchen blauer Himmel. Unser Plan, hier einzukaufen und etwas zu Mittag zu essen, scheitert leider an der Parkplatzsituation. Die Stadt ist ein verkehrstechnischer Alptraum; brauchbare Haltemöglichkeiten sind rar gesät und hart umkämpft. Nach etwa 30 Minuten stellen wir unsere erfolglosen Bemühungen daher ein und lenken den Camper wieder Richtung Highway. Die Stadtgrenze passierend können wir ein Kopfschütteln nicht unterdrücken: Am "BANFF"-Ortseingangsschild hat sich tatsächlich eine Schlange von etwa dreißig Personen gebildet, die dafür anstehen, sich mit selbigem verewigen zu dürfen. Hiervon natürlich mindestens achtzehn Inder.

Nächster Stopp: Canmore. Hier muss es doch einfacher sein, ein Lebensmittelgeschäft und eine Fressbude zu erreichen. Das stimmt zwar, ein Kinderspiel ist es aber noch lange nicht. Den Stadtplanern von Canmore ist offenbar entgangen, dass es durchaus Fahrzeuge gibt, die länger als ein normaler Pkw sind, sodass wir auch hier dreißig Minuten mit der Parkplatzsuche verbringen. Irgendwann ist es aber glücklicherweise vollbracht und wir dürfen unsere rar gewordenen Vorräte in einem gut sortierten Safeway auffüllen.

Da wir nicht noch einmal eine halbe Ewigkeit mit der Parkplatzsuche verbringen wollen, kehren wir anschließend mangels geeigneter Alternativen in die benachbarte Fastfood-Bude "Dairy Queen" ein, wo "Dr. Whisper" unsere Bestellung aufnimmt. Auch nach dem zehnten grenzdebilen "Hääähhhh?" meinerseits nuschelt er die immer gleichen unverständlichen Fragen im Flüsterton vor sich her, bis ich irgendwann wohl alle Antworten richtig geraten habe. Überraschenderweise kam nämlich am Ende tatsächlich unser gewünschtes Menü heraus.

Damit wir uns heute überhaupt etwas bewegen, geht es am späten Nachmittag dann noch zu den Grassi Lakes. Der Himmel ist mittlerweile etwas aufgerissen; der freitägliche Menschenansturm hat soweit nachgelassen, dass wir sogar den normalen Parkplatz nutzen können und nicht auf das Overflow-Parking ausweichen müssen. Der Weg zu unserem Ziel ist ziemlich unspektakulär. Die Seen hingegen haben eine wunderschöne Farbe. Nicht so toll jedoch: Die aufdringliche Infrastruktur aus Rohr- und Stromleitungen, die unverständlicherweise gerade hier an den Berg genagelt werden musste. Warum nur?


Der Rückweg auf dem Junkyard Trail ist dann ungleich interessanter, da man zeitweise einem Bachbett folgt und hierbei immer wieder aufpassen muss, sich keine nassen Füße zu holen. Einen Wasserfallblick gibt es gratis dazu.


Anschließend düsen wir zu unserer erst heute Mittag gebuchten Campsite im Tunnel Mountain Village, der letzten verfügbaren staatlichen Campsite in ganz Banff und Umgebung. Romantisch ist es hier nicht gerade. Wir sind aber sehr froh, an einem Freitag in der Hochsaison überhaupt noch ein freies Plätzchen in einer Stadt gefunden zu haben, in der schon das Ortseingangsschild geeignet ist, einen touristischen Verkehrsstau auszulösen.

Tag 15 - Feuer und Eis

Ob die Nacht tatsächlich sternenklar war, kann ich nicht beurteilen: Ich habe gut geschlafen! Und allein die Tatsache, dass Christoph uns nicht spontan halb sechs aus dem Schlaf gerissen hat, verrät mir, dass es keine kurzfristige Wetteränderung gab, die unseren Kanutrip doch wieder in den Bereich des Machbaren gerückt hätte. Sehr schade, aber nicht zu ändern. Zumindest bin ich erstmal beruhigt, dass Christoph halbwegs gut gelaunt neben mir liegt, denn das müsste bedeuten, dass er sich mit der notwendigen Planänderung angefreundet und in der gestrigen stundenlangen Recherche einen Plan B ersonnen hat.

Nach einem gemütlichen Frühstück fahren wir ein kurzes Stück an den Rand von Jasper, um von dort zu einer kleinen Wanderung mit Blick über die Stadt zu starten. Christoph hatte uns schon angekündigt, dass wir durch Waldbrandgebiet laufen und so kommt es dann auch. Geht wohl rund um Jasper auch gar nicht anders: Hier steht wirklich kilometerweit kein einziger lebender Baum mehr! Die erste Hälfte laufen wir also durch den verbrannten Wald und es ist gleichermaßen faszinierend wie beängstigend. Allein die Vorstellung, dass rund um dein zu Hause derartige Brände wüten... Damit es nicht allzu trist wird, erfreuen uns zu Beginn der Wanderung ein paar Hirschkühe und Sophia erwartet zur Ablenkung wie üblich Mitwirkung bei einer ihrer Pferdegeschichten.

Von den Temperaturen her ist es heute sehr angenehm und einige Zeit später zeigt sich sogar ausgiebig die Sonne! Nach einem steilen Aufstieg haben wir einen herrlichen Weitblick.


Anschließend stellt sich die schwierige Frage, wie es weitergehen soll. Die ursprünglich geplante Weiterfahrt nach Norden macht aufgrund des vorhergesagten Wetters leider keinen Sinn, sodass wir den Aufenthalt am Mount Robson schweren Herzens stornieren. Die kommenden drei Tage werden wir also spontan entscheiden müssen und haben auch keine gebuchten Übernachtungsplätze. Naja, wird schon irgendwie schief gehen...

Wir fahren also zurück in Richtung Süden, um nach einigen kurzen Zwischenstopps an Aussichtspunkten auf einem first-come, first-served Campingplatz den erstbesten Platz in Beschlag zu nehmen. Nicht etwa, weil wir Angst haben, jemand könnte ihn uns wegschnappen, während wir nach vermeintlich besseren Plätzen Ausschau halten (so vor zwei Tagen passiert), oder weil wir keine Lust haben, einmal den ganzen Campground abzufahren. Nein, vielmehr wollen wir das gute Wetter - man könnte es heute tatsächlich als nur teilweise bewölkt beschreiben - nutzen und noch eine etwas längere Wanderung von ca. 10 Kilometern auf dem Wilcox Pass Trail machen, dessen Trailhead sich direkt am Beginn der Straße zum Campingplatz befindet. So sichern wir uns also den kürzesten Weg, wofür wir später noch dankbar sein werden.

Los geht es erstmal durch den Wald und auf mit Wurzeln übersäten Wegen steil bergauf. Ganz schön anstrengend! Zumindest für mich und Christoph. Sophia rennt und springt einfach energiegeladen und ohne ersichtliche Anstrengung nach oben. Somit tritt ein von uns bereits erwartetes Ereignis viel schneller ein als gedacht: Uns war klar, dass irgendwann wir der begrenzende Faktor bei der Auswahl von Wanderungen sein werden. Christoph stellt heute wohl richtig fest, dass er bereits ab jetzt bei künftigen Planungen keine Rücksicht mehr auf Sophia nehmen muss, sondern Wanderungen danach aussuchen kann, ob wir zwei "Alten" sie bewältigen können. Und das mit Mitte 30! Vielleicht sollten wir dem Ausbau und der Erhaltung unserer körperlichen Fitness in Zukunft doch wieder etwas mehr Aufmerksamkeit schenken...

Aber zurück zum Trail, der zwar anstrengend ist, aber wunderschön durch die Berge führt.

Kurz vor dem Ziel erwartet uns nochmal ein steiler Aufstieg, der einfach kein Ende nehmen will. Jedes Mal, wenn ich mich mit vermeintlich letzter Kraft einen steilen Hang auf einen Hügel hochgeschleppt habe und erwarte, nun endlich die Aussicht genießen zu können, erblicke ich dasselbe: noch ein Hügel, noch ein steiler Aufstieg. Aber irgendwann ist es doch geschafft und an einem sehr windigen Aussichtspunkt können wir die Columbia Icefields mit dem Athabasca Gletscher bestaunen.


Ein toller Ausblick, aber wie schon erwähnt extrem windig. Wir ziehen uns hinter den letzten Hügel zurück, machen eine Pause und verzehren unseren Proviant. Für einen Plan B war diese Wanderung phänomenal und wir können unser Glück kaum fassen, dass wir immer wieder die Sonne gesehen haben. Da ab etwa 17:00 Uhr allerdings schon wieder Regen angekündigt ist, machen wir uns zeitnah auf den Rückweg.



Und es kommt natürlich, wie es kommen muss: Nur wenige Minuten später fängt es an zu nieseln. Es bleibt immerhin bei Nieselregen, solange wir uns ungeschützt auf der Hochebene befinden, fängt aber stärker zu regnen an, als wir den Teil des Weges erreichen, der uns dank dem hier noch intakten Wald etwas Schutz bietet. Ein Blick zurück verrät uns, dass man von oben nun wohl keine tolle Aussicht mehr hat, denn der Gletscher ist hinter dem Regen kaum noch auszumachen.


Dennoch kommen uns nach wie vor Wanderer entgegen, die gerade erst loslaufen. Was die für einen Plan haben, erschließt sich uns nicht, ist aber eigentlich auch egal. Wir freuen uns jetzt, dass unser Wohnmobil auf dem ersten verfügbaren Platz steht und der Weg durch den Regen daher so kurz wie nur möglich ausfällt. Glücklich und mit lediglich nassen Jacken kommen wir an unserem heutigen Übernachtungsplatz an und machen es uns für den Rest des Abends gemütlich.

Der später einsetzende anhaltende Regen mit Gewittern hat heute ausnahmsweise etwas Tröstliches: Er versöhnt uns mit der Entscheidung, die Kanutour mit Zeltübernachtung gestern abgesagt zu haben. Wie froh sind wir doch, jetzt im trockenen, warmen Camper sitzen und uns in der Mikrowelle eine Portion Nudeln erwärmen zu können! Der heutige Abend wäre sicherlich eine gute Möglichkeit gewesen, um herauszufinden, ob unser Zelt wirklich wasserdicht ist, aber wer will das schon, wenn er sich des Ergebnisses nicht ausreichend sicher sein kann...