Das Ziel der Ziele naht: Nachdem unser geplanter Kanu-und-Zelt-Ausflug zu Spirit Island ja bereits wetterbedingt ausfallen musste, soll es nun wenigstens mit unserer Zeltübernachtung am Lake O'Hara klappen, die Christoph uns als DAS Highlight der Reise angepriesen hat. Der Weg hierhin war schon mal nicht leicht, aber tatsächlich sind wir im Besitz von Reservierungen für die (leider unvermeidliche) Fahrt mit dem Shuttle sowie die Übernachtung auf dem dortigen Campingplatz. So weit, so gut. Da unser restlicher Urlaub bekanntermaßen im Wohnmobil stattfindet, steht uns zunächst die überraschend schwierige Aufgabe bevor, unser Gepäck für eine Zeltnacht vorzubereiten. Gar nicht so leicht, sämtliche benötigte Ausrüstung vom Zelt über selbstaufblasende Isomatten, Schlafsäcke, Kopfkissen, Klamotten für alle Eventualitäten, Essen und Getränke für 2 Tage bis hin zu einer begrenzten Auswahl an elektronischen Geräten in das im Shuttle zugelassene Gepäck zu quetschen. Irgendwie gelingt es aber und wir stehen pünktlich mit einer Stunde Vorlauf am Parkplatz, den wir selbstverständlich in den vergangenen Tagen schon ausgekundschaftet haben. Christoph wird angesichts der sich bereits am Treffpunkt befindlichen Ansammlung wartender Gestalten direkt nervös und macht sich auf den Weg, herauszufinden, ob wir uns trotz mehrfacher Kontrolle vielleicht doch in der Uhrzeit geirrt haben. Aber nein, wenig überraschend warten die Herrschaften mit einem durchschnittlichen Alter von 65 Jahren, blitzblank geputzten Köfferchen und Denkerschals auf den Shuttle zur Lodge, die sich ebenfalls am Ufer des Sees befindet.
Eine Stunde später sitzen dann auch wir in unserem Bus, nachdem unser Gepäck verladen wurde, und lauschen der Belehrung des Rangers, die nichts Neues für uns bereithält. Wettertechnisch kündigt er eine geringe Regenwahrscheinlichkeit von dreißig Prozent für den späten Nachmittag an, meint aber gleichzeitig, dass sich das Gebiet rund um den See manchmal in einer kleinen Bubble befindet und daher auch von Niederschlag verschont bleiben könne. Das klingt ja schon mal nicht schlecht.
Auf dem Campingplatz angekommen gibt es weitere Hinweise, bevor alle neuen Camper losgeschickt werden, um sich einen freien Platz ihrer Wahl auszusuchen. Mit all unserem Gepäck watscheln wir also los und hoffen auf ein ruhiges Plätzchen in der hintersten Ecke. Leider sind unsere Mitcamper schneller zu Fuß und auch entscheidungsfreudiger, sodass wir erstmal den halben Platz umrunden, bevor eine freie Site in Sicht kommt. Aus der anderen Richtung und noch etwas weiter entfernt nähert sich die Quasselstrippe, die uns schon im Bus genervt hat. Als sie gewahr wird, dass sich eine vollbepackte Familie mit Kind einem ruhig gelegenen Platz nähert, setzt sie überraschend zum Sprint an und grinst uns gehässig entgegen, als sie den Bruchteil einer Sekunde vor uns auf das Tentpad springt und nach der Handtuch-auf-der-Liege-Methode ihr Revier markierend ihren Rucksack auf Site Nummer 17 fallen lässt. Bei so viel Dreistigkeit sind wir erstmal sprachlos. Der einzige freie Platz ist nun der, der sich direkt am Lagerfeuer und damit am gesellschaftlichen Zentrum des Campgrounds befindet, wo sich abends alle geselligen Camper einfinden, um vermeintlich spannende Geschichten über ihre bisherigen Reisen auszutauschen. Drei Mal dürft ihr raten, wer dort abends nahezu als Alleinunterhalter von seinen Abenteuern berichtet und wer im Zelt liegt und einfach nur seine Ruhe haben will...
Sei wie es sei, jedenfalls bauen wir unser Zelt auf und richten uns häuslich ein. Sogar die Schnüre werden an den umliegenden Bäumen befestigt - sicher ist sicher! Sodann verstauen wir all unsere Lebensmittelvorräte im uns zugewiesenen Food Locker, bevor gegen halb eins zu einer ersten Wanderung aufgebrochen wird. Das Highlight mit dem Blick vom Opabin Plateau will Christoph sich für morgen früh aufheben, bevor die ersten Tagestouristen den Lake O'Hara erreichen, sodass heute zunächst der Lake Oesa unser Ziel sein soll. Bei herrlichem Sonnenschein starten wir mit einem ersten Blick auf den Lake O'Hara und folgen ein Stück seinem Ufer.
Die Farbe des Sees ist schon mal vielversprechend. Kurze Zeit später beginnen wir den Aufstieg zum heutigen Ziel, der uns zunächst über Wurzeln und Steine recht steil nach oben...
...und später auch über große Geröllfelder sowie an weiteren Seen vorbei bis zum Lake Oesa führt. Herrlich ist es hier oben, das Wetter spielt mit und wir treffen auch nur sehr wenige andere Wanderer. Ein toller Auftakt!
Sogar eine Bergziege streift durch die Landschaft!
Wir machen kurz Rast am Lake Oesa und genießen es, dass hier nicht ganz so viele Mücken unterwegs sind.
Die blauen Lücken zwischen den Wolken werden inzwischen merklich kleiner, wobei der Himmel nicht wirklich bedrohlich aussieht. Es ist angesichts der hohen Berge rundherum wirklich schwer einzuschätzen, wie die Wolken sich bewegen werden. Zwar sind wir uns ziemlich sicher, dass die Regenwolken (falls es denn überhaupt welche sind) an uns vorbeiziehen werden, kürzen unsere Pause aber dennoch ab und machen uns sicherheitshalber vorzeitig auf den Rückweg. Wir sind noch nicht allzu weit gekommen, da fängt es minimal an zu nieseln. Das stört uns nicht weiter und wir setzen unseren Weg fort. Wenige Minuten später hat es schon wieder aufgehört. Es dauert allerdings auch nicht lange, da beginnt der Nieselregen von Neuem und wir wechseln vorsorglich auf unsere Regenjacken und bedenken auch die Rucksäcke mit Regenschutz. Nachts im Zelt wäre es wohl eher schwierig, die Sachen zu trocknen... Zwischenzeitlich donnert es in der Ferne hin und wieder. Mal südlich, mal nördlich von uns, mal näher und mal weiter entfernt, zwischendurch ist auch mal zwanzig Minuten Ruhe. Nichts davon wirkt auch nur ansatzweise bedrohlich, dennoch sind wir ganz froh, dass wir uns bereits auf dem Rückweg befinden. Als uns noch etwa fünf Minuten bis zum rettenden Minicafé verbleiben, geht der Nieselregen natürlich in richtigen Regen über und wir legen nochmal einen Zahn zu, um nicht allzu nass am rettenden überdachten Freisitz anzukommen.
Puh, das wäre geschafft! Mit uns warten schon einige weitere Wanderer hier, die sich vermutlich ebenfalls vor dem Regen gerettet haben. Dieser lässt sich nicht lumpen und geht in einen ergiebigen Landregen über - man muss ja auch irgendwie auf die 1,2 mm kommen, die im Wetterbericht angekündigt waren. Egal, dann warten wir einfach die paar Minuten ab, bevor wir die letzten 500m bis zum Campingplatz laufen... Plötzlich wird das Trommeln auf dem Dach merklich lauter und ein etwas überraschtes "Uuuh" geht durch die Menge: Es schüttet wie aus Eimern. Aber so richtig! Noch immer kommen ganz vereinzelt Wanderer in unsere sichere Herberge und man kann sie wirklich nur bemitleiden: Das Bild des begossenen Puddels trifft es nicht ansatzweise. Bei all der Freude, dass wir es zeitlich so gut abgepasst haben und rechtzeitig wieder zurück waren, lässt uns die Ungewissheit über den Zustand unseres Zeltes allerdings zunehmend nervös werden. Wir haben keine Ahnung, ob es wirklich wie angepriesen wasserdicht ist. Zu den Wasserfällen von oben gesellen sich nun auch Blitz und Donner und wenn ich sehe, wie die Wassermassen auf die Erde prasseln, habe ich eigentlich kaum noch Hoffnung auf eine trockene Zeltnacht. Und während wir so darüber philosophieren, wie die Chancen stehen, dass wir mit durchnässter Zeltausrüstung noch heute Abend vorzeitig abreisen müssen, nimmt das Getöse da draußen plötzlich nochmal merklich zu: Es hagelt! Minutenlang dreschen zentimetergroße Eisbälle vom Himmel, die dem sensationslustigen Publikum nun ein ehrfürchtiges "Wooooow!" entlocken. Wir lachen, aber nur aus Verzweiflung... Es sieht jedenfalls nicht danach aus, als könnten wir unseren trockenen (immerhin!) Unterschlupf in den kommenden Minuten verlassen, sodass Christoph uns erstmal in dem Laden eine heiße Schokolade holt. Kommentar des Verkäufers zum Wetter: "Also so etwas habe ich hier noch nie erlebt!" Wir hätten auch lieber darauf verzichtet.
Für eine kleine Aufmunterung zwischendurch sorgt, dass unsere liebste Mitcamperin (die, die uns den schönen Platz geklaut hatte) völlig durchnässt mit ihrer Wandergruppe eintrifft. Zu unserer Verteidigung: Sie kam vor dem Hagel zurück, sonst wäre die Schadenfreude vielleicht wirklich unangebracht. Sophia, die das Platzwegschnappen gar nicht so richtig mitbekommen hatte, lässt sich von uns nochmal erklären, was es damit auf sich hat, dass uns diese ständig laut lachende Frau so sehr auf die Nerven geht. Und sie gibt ihr kurzerhand den Spitznamen "die nervige Nummer 17", was wir sehr passend finden.
Wir verharren bestimmt eine Stunde in dem Unterstand und beobachten das Unwetter, bevor sich der Niederschlag so weit abschwächt, dass wir uns im nachlassenden Nieselregen zum Campingplatz begeben können. Welches Bild der Zerstörung wird uns dort wohl erwarten? Da wir - dank der nervigen Nummer 17 - die Site ganz vorn haben, können wir es schon recht schnell erkennen: Das Zelt steht noch! Das ist schon mal ein guter Anfang. Neben und links unter dem Zelt hat sich eine ziemliche Pfütze gebildet und das Vorzelt ist natürlich nass und schlammbespritzt, aber im Zelt ist wie durch ein Wunder alles trocken geblieben! Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal derart erleichtert war. Viel weiter kommen wir allerdings nicht, denn der Regen nimmt wieder zu und wir verziehen uns erstmal in eine der beiden Holzhütten auf dem Campingplatz, die eigentlich zur Mahlzeitenzubereitung gedacht sind. Hier können wir zumindest unsere Jacken an Haken hängen und etwas essen. Es dauert nicht lang, da füllt sich der Cooking Shelter zusehends mit Mitcampern, denn draußen - Trommelwirbel, große Überraschung! - regnet und gewittert es. Ich meine, klar, immerhin hagelt es dieses Mal nicht, aber das Wetter meint es mit uns in diesem Urlaub wirklich nicht gut. Weitere zwei Stunden sitzen wir bei anhaltendem Regen und immer wiederkehrenden Gewittern in der Holzhütte fest. Nach einer Weile wird der Holzofen angeworfen und die ersten Camper packen ihre Gaskocher aus, um sich ihr Abendessen zuzubereiten.
So gut sind wir natürlich nicht ausgestattet, aber wir haben auch so genug Vorräte, um nicht hungern zu müssen. Eigentlich könnte das alles ganz gemütlich sein, wenn man auf Reisen Gesellschaft statt Ruhe suchen würde. So wie die nervige Nummer 17, die selbstredend den Weg in unser Cooking Shelter findet und fortan alle Umstehenden unterhält, denn sie hat natürlich alles schon gesehen und alles schon gemacht und ein Mal, da haben ihre Schwester und sie... Ich weiß nicht mehr, was sie Tolles erlebt haben, denn ich habe währenddessen mit Sophia Tiere und andere Gegenstände aus einem Stück runder Alufolie gefaltet. Sophia ist zum Glück noch in einem Alter, in dem man auch ohne eigenes Zutun von anderen liebevoll bedacht wird, sodass sie im Laufe des Abends von Mitcampern erst eine heiße Schokolade und später bei nachlassendem Regen einen gegrillten Marshmallow mit Schokolade zwischen zwei Keksen ("Smore") spendiert bekommt.
Irgendwann hört es tatsächlich wieder auf zu regnen und wir verkrümeln uns endlich in unser Zelt, das erstaunlicherweise nach wie vor innen trocken ist. Wir kuscheln uns in unsere Schlafsäcke und lassen den Abend mit Büchern und Hörspielen ausklingen. Während wir nach diesem mehr als aufregenden Tag und einem letzten Toilettengang gemütlich im Zelt liegen und darauf hoffen, bald einschlafen zu können, gibt die nervige Nummer 17 wenige Meter neben uns am Lagerfeuer lautstark weitere Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten, während ihr Zelt einsam und verlassen am anderen Ende des Campgrounds in einer ruhigen Nische unter inzwischen fast sternklarem Himmel steht und der Rückkehr seiner Besitzerin harrt.