Freitag, 18. Juli 2025

Tag 7 - Sondermaus auf Sondermission

Gespannt schaue ich nach dem Dauerregen von gestern heute aus dem Fenster und sehe: Nebel. Hm, nicht wirklich besser. Christoph behauptet nach wie vor, dass es heute sonnig wird und verfolgt den gleichen Plan wie vorgestern: 5:30 Uhr aufstehen, 7:00 Uhr am Many Glacier Hotel loswandern. Sophia hat bereits gestern Abend ihren Unmut ob der angekündigten frühen Weckzeit kundgetan und hinzu kommt noch die nächtliche Abkühlung auf ca. 2 Grad Celsius. Unter Aufbietung all' meiner Überredungskünste ringe ich daher Christoph den Kompromiss ab, noch bis 6 Uhr im Bett zu bleiben und das Frühstück auf nach der Ankunft in der Many Glacier Area zu verschieben.

Gesagt, getan. Nach Vorlage einer weiteren Buchung des Returnbootes, die lediglich als Eintrittskarte dient, parken wir am Hotel, frühstücken und starten um 07:45 Uhr zur Wanderung zum Iceberg Lake. Christoph verspricht weiterhin einen sonnigen Tag und wer wäre ich denn, das bei diesem morgendlichen Ausblick in Frage zu stellen:

So richtig gemütlich ist das Wetter aktuell jedenfalls noch nicht. Zudem bestehen Zweifel, ob wir die 20 Kilometer heute tatsächlich schaffen, da doch Sophias bisherige Bestmarke bei 18 Kilometern liegt und auch unsere allgemeine Fitness altersbedingt so langsam nachlässt. Und dann sind da noch die bedrohlichen Predatoren, die laut den letzten Bewertungen bei AllTrails in Form von einer Grizzlymama mit zwei Kindern am Wegesrand lauern. Passend dazu erinnert Christoph uns auch gleich daran, dass hier in den vergangenen Jahren schon mehrere Menschen durch Bärenangriffe gestorben sind. Da können wir wohl nur hoffen, dass er im Fall der Fälle tatsächlich - Lucky Luke gleich - sein Bärenspray zücken wird.

Nach den vergangenen Regenfällen geht es nun aber erstmal auf einem etwas matschigen Trail durch den Wald, bevor sich der Weg am Hügel entlang nach oben schlängelt, stets umgeben von jeder Menge Buschwerk und bunten Blümchen. Immer dabei: Der Weitblick auf die umliegende Berglandschaft. Es dauert nicht lang, da hängt der Nebel nur noch hinter uns im Tal über dem See, während die Sonne auf uns scheint.


Der strahlend blaue Himmel, das Zwitschern der Vögel, die vielen bunten Blüten, kaum andere Wanderer unterwegs, weiter unten eine grasende Elchkuh, wärmender Sonnenschein und nicht zuletzt der atemberaubende Ausblick: Dieser Trail ist perfekt! Wir sind hin und weg und können uns gar nicht sattsehen an dieser traumhaften Umgebung. Zwischendrin gibt es immer wieder kleinere Hindernisse wie Schmelzwasserbäche oder überspülte Wegabschnitte zu überwinden, sodass es auch für unsere kleine Wanderin nicht langweilig wird.

Wobei Sophia heute ohnehin gut beschäftigt ist: Wir spielen mal wieder Rollenspiele. Heute wurde ich als Spielpartner auserkoren und darf meinen Hund "Blümchen", der von seinem Vorbesitzer schlecht behandelt wurde, aus dem Tierheim holen, ihn an unser Zuhause gewöhnen, mit ihm eine Hunde-Erstausstattung einkaufen, bevor ich ihn an meine Tochter verschenke und später auch seine Halbgeschwister aus dem Tierheim adoptiere... Zwischendrin gibt es mehrere Rollenwechsel (mal bin ich die Mama, mal die Tochter, mal der Hund) und wir ziehen es tatsächlich bis zur Ankunft am Iceberg Lake durch: Eine dreistündige Geschichte über Hundekind "Blümchen" und seine neue Familie. Da denke ich doch kurz sehnsüchtig an meine Tage in der Laienspiel-AG in der Grundschule zurück, als ich eine feste Rolle hatte und die Stücke maximal 45 Minuten dauerten. Aber was tut man nicht alles, damit das Töchterchen glücklich ist (und gut gelaunt mitwandert).

Jedenfalls kommen wir ohne Probleme nach etwa 10 Kilometern am Iceberg Lake an, der in einem Halbrund hoher Felswände eingebettet liegt und auf dem auch im Juli noch Eisschollen schwimmen.




Wir machen eine ausgedehnte Pause, vertilgen den Großteil unseres Proviants, spielen, fotografieren und genießen.

Dieser Aufstieg ist wohl kaum zu toppen: Wir hatten Seen, Flüsse und Wasserfälle, Elche, Rehe, Hörnchen und beeindruckend große Schmetterlinge, bestes Wetter, gute Laune und nicht zu vergessen das süßeste Plumpsklo mitten im Wald:

Was soll da auf dem Rückweg schon noch Spannendes passieren? Naja, zunächst gebe ich nach weiteren Szenen der Hundegeschichte die Aufgabe der Mitwirkung beim kindlichen Rollenspiel an Christoph ab. Dies führt zu ungeahnten Wendungen in der Geschichte und aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen ist Sophia kurze Zeit später eine Maus. Aber nicht irgendeine langweilige Feldmaus, nein. Sophia ist eine Sondermaus! Was diese Sondermäuse ausmacht ist in so einem kurzen Text unmöglich zu beschreiben, aber so viel sei gesagt: Sie ist besonders und toll und besonders toll. Da Sophia von Geburt an schon immer unsere "Mausi" war, ist sie nun also unsere Sondermausi und das beschreibt sie doch ganz gut.

Nun ist der Tag also schon bestens gefüllt und eigentlich könnten wir Schluss machen, aber halt: Da fehlt doch noch was! Was war denn mit den Bären? Wir hatten das Glück, ihnen nicht allein zu begegnen, aber als wir auf dem Rückweg auf eine Menschentraube treffen, die vorsichtig die Köpfe um die nächste Kurve recken, wird schnell klar, dass da ein Bär im Spiel sein muss. Genau genommen ist es ein Grizzly, der sich blöderweise auf dem Trail aufhält. Rettung naht jedoch bereits in Form eines schon leicht betagten Rangers, der glücklicherweise gerade des Weges kommt. Er scheint eine Art Bärenscout zu sein und nimmt das Geschehen direkt in die Hand. Der Bär befindet sich neben dem Trail im Gebüsch und der Ranger tastet sich langsam auf dem Weg voran, während er nach dem Bären ruft und tatsächlich zum testen auch Steine ins Gebüsch wirft. Er erklärt uns, dass der Bär aus seiner Sicht friedlich zu sein scheint, da er den vorbeigehenden Ranger nicht weiter zur Kenntnis genommen und auch keinerlei drohende Geräusche von sich gegeben hat. Er schlägt vor, unsere Gruppe bestehend aus etwa 20 Leuten in zwei Gruppen zu teilen und diese nacheinander an der entsprechenden Stelle vorbei zu führen. Wir lassen mal vorsichtshalber den anderen den Vortritt, denn wie der Ranger selbst sagt: Hundertprozentige Sicherheit gibt es hier nicht. Nachdem Gruppe eins erfolgreich auf der anderen Seite angekommen ist, wagen auch wir uns im Gänsemarsch dem Ranger folgend am entsprechenden Busch vorbei. So ganz geheuer ist uns das nicht, denn den Bären können wir alle in dem dichten Gebüsch nicht mehr ausmachen, sodass nicht ganz klar ist, wie weit er sich tatsächlich vom Weg entfernt hat. Und als wir an der Stelle vorbeikommen, erhasche ich auch einen Blick auf sein wuscheliges Rückenfell, das nur zum Teil aus dem Gebüsch ragt - vielleicht 15 Meter neben uns. Definitiv keine sichere Entfernung, aber dank der Umsicht des Rangers konnten sowohl Bär als auch Menschen sicher weiter ihrer Wege gehen. So konnten wir zwar kein wirklich tolles Foto von dem Grizzly machen, aber so nah wollten wir natürlich auch eigentlich gar nicht heran, sodass wir froh über die Hilfe waren.


Das wären dann aber auch wirklich genug Abenteuer für heute! Wir kommen ohne weitere Zwischenfälle wieder beim Wohnmobil an und haben am Ende etwas über 21 Kilometer zurück gelegt. Ohne Probleme am Iceberg Lake angekommen und eine neue persönliche Bestleistung erreicht: Unsere Sondermaus hat ihre Sondermission erfüllt.

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