Donnerstag, 31. Juli 2025

Tag 20 - Himmel und Hölle

Wohl noch nie haben wir so viel Aufwand betrieben und so viele Entbehrungen auf uns genommen, um eines unserer Wunschziele erreichen zu können: erbitterter Aktualisierungsmarathon bei der Campground-Reservierung, Beschaffungs- und Transportmühen für das Zelt-Equipment, der übliche Stress der Shuttlebusfahrt, Starkregen und Hagel am Anreisetag, eine bitterkalte Nacht in einem pitschnassen Zelt und schließlich dessen frühmorgendlicher Abbau mit blaugefrorenen Fingerkuppen. Und hier ist er nun: Unser Tag auf dem Opabin Plateau!

Nach der - einer näheren Darlegung nicht würdigen - Verladung der unverändert tropfnassen Zeltplanen in der dazugehörigen Tragetasche schreiten wir gegen 7:30 Uhr frühstückslos Richtung Lake O'Hara. Der Himmel zeigt sich strahlend blau; kein Wölkchen ist zu sehen. Am Westufer des Sees zweigt rechtsseitig ein Weg hoch zum Opabin Plateau ab, auf den wir unsere Schritte lenken. Zunächst geht es östlich am Mary Lake entlang und sodann 200 Höhenmeter steil nach oben. Gar nicht so einfach ohne energetische Grundlage, die weiterhin auf etwas Sonnenschein wartend in unseren Rucksäcken harrt.

Nach etwa einer Stunde haben wir das Opabin Plateau erreicht und biegen zunächst nach links ab, um einen der berühmtesten Ausblicke in den kanadischen Rocky Mountains genießen zu können: den Blick vom Opabin Prospect. Nach weiteren fünfzehn Minuten stehen wir dann auch schon an der entsprechenden Felskante und warten - unsere mitgebrachten Bagel verzehrend - darauf, dass die Sonne zunächst uns, dann den grünlich schimmernden Mary Lake und schließlich den himmelblauen Lake O'Hara zum Leuchten bringt. Nachdem sie uns diesen Gefallen ca. 9:30 Uhr tut, wird erstmal ausgiebig gepost. Warum auch nicht? Außer uns ist kein Mensch hier. Was für ein Privileg, einen solchen Moment ganz allein genießen zu können!

Sowohl als Weitwinkel-...


...als auch als Panorama-Aufnahme ein Knaller - der Blick vom Opabin Prospect:

Gegen 10:00 Uhr geht es weiter. Wir haben schließlich noch viel vor. Immerhin soll das gesamte Opabin Plateau durchschritten werden. Also lenken wir unsere Füße wieder nach Süden und beginnen eine Expedition in eine so kitschig-schöne Traumwelt, dass man sich bisweilen die Augen reiben muss. Überall rauschen Bächlein durch wildblumendurchzogene Auen und münden in perlenschnurartig aneinandergereihte kristallklare Bergseen. Alle 200 Meter auf den wunderbar naturnah angelegten Wegen ergibt sich ein neuer Ausblick, der zum Schwärmen einlädt. Himmlisch! Ich lasse einfach mal die Bilder sprechen.

Cascade Lakes:


Moor Lakes:


Hungabee Lake:


Bis zum Scheitelpunkt unserer Wanderung am Opabin Lake treffen wir bis auf einen einzigen, uns entgegenkommenden Hiker überhaupt niemanden. Das frühe Aufstehen hat sich also absolut gelohnt. Am Opabin Lake sehen wir dann schon aus der Entfernung zwei Grüppchen stehen, lassen diesen deswegen kurzerhand aus und machen uns stattdessen sogleich auf der gegenüberliegenden Seite des Plateaus auf den Rückweg. Wir haben ohnehin schon einen absoluten Lake-Overload! Noch ein paar Impressionen von der anderen Seite der Hochebene.


Die Kehrseite der Medaille soll nicht verschwiegen werden. Das Opabin Plateau ist ein Nonstop-Paradies im wahrsten Sinne des Wortes. Man darf niemals länger als fünf Minuten rasten, muss also pausenlos laufen und laufen und wieder laufen. Warum? Weil man sonst riesigen Insektenschwärmen zum Opfer fällt, die sich erbarmungslos auf jedes Lebewesen stürzen, das sich nicht in steter Bewegung befindet. Allem Bugspray zum Trotz kommen sie und stechen unentwegt durch Hosen und Shorts, Jacken und Mützen, bis sie schließlich alles Blut aus ihrem Ziel gesogen haben. Die reinste Moskito-Hölle! Bedingt hilfreich ist nur eins: Immer in Bewegung bleiben.

Wieder unten am Lake O'Hara angekommen, ist von der Insektenplage auf dem Opabin Plateau nichts mehr zu spüren. Wir rasten endlich und verarbeiten die unglaublichen Eindrücke der letzten Stunden. Was für eine Wanderung!

Da ist es auch nur ein kleiner Wermutstropfen, dass es im Schmalspurcafé "Le Relais" am Trailhead keinen Karottenkuchen mehr gibt und wir noch 90 Minuten auf unseren Shuttle zurück zum Parkplatz am Rande des Highways warten müssen, auf welchem unser liebes Wohnmobil treudoof seiner Besitzer harrt.

Was für ein schönes Gefühl endlich wieder dessen wohlig-vertrautes Innenleben zu betreten! Hier sind sie, die lang vermissten Annehmlichkeiten moderner Zivilisation: Ein kuschelig warmes Bett, ein gut gefüllter Kühlschrank und vor allem ein eigenes Klo ohne die wohl unvermeidlichen Spuren aller sonstigen Benutzer!

Nach einem leckeren Mittag und einem kleinen Einkauf findet Lisa noch Kraft, unser Zeltgepäck ordentlich zu verstauen; ich matte geschafft auf dem Bett ab. Am Abend wird dann geduscht, wobei sich wieder die Frage auftut, warum so viele kanadische Campgrounds nur die Einheitsduschtemperatur "Hummer blau" zur Verfügung stellen, auf dem Spielplatz geturnt und schließlich Abendbrot gegessen. Meine danach verbleibenden Kräfte reichen schlussendlich gerade noch zum Verfassen dieses Blog-Beitrags; dann falle ich in tiefen Schlaf.

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