Dienstag, 14. Juli 2026

Tag 5 - Landestypische Küche

Tja. Heute hat es in ganz Island bei starkem Wind und Nebel geregnet. Also nix mit wandern und erkunden. Wer mir bei solcher Witterung mit der ebenso scheinheiligen wie unsinnigen Plattitude "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung" daherkommen will, den mag doch bitte ein vom Sturm mitgerissenes Islandpferd erschlagen. Ganz ehrlich: Wer mit klarem Verstand hat denn ernsthaft Spaß daran, sich in klatschnassen Klamotten stundenlang bei zehn Metern Sichtweite Wasser ins Gesicht blasen zu lassen?

Zur Vermeidung eines Lagerkollers fahren wir gegen Mittag nach Reykjavik. Dort kaufen wir ein paar Wanderstöcke zur Entlastung meiner Knie, schauen uns die recht bekannte Hallgrimskirche an und kehren schließlich in eine typisch isländische Schankwirtschaft ein... 



Anschließend stocken wir noch unsere knapper werdenden Vorräte auf, wobei uns erneut die interessante Produktauswahl erfreut.



Und viel mehr ist auch tatsächlich nicht geschehen. Na gut, es gab später noch Buchstabensuppe zum Abendbrot. Und ich musste eine Stunde mit Sophias selbst gebastelter Papierfamilie spielen. Und ich habe Trockenübungen mit meinen neuen Stöcken gemacht. Ach lieber Wettergott, lass doch bitte morgen wieder etwas Sonne zu uns durch...

Tag 4 - Running up that hill

Heute steht uns der erste Unterkunftswechsel bevor. Also erstmal all' unsere Habseligkeiten zusammensuchen und gleichermaßen platzsparend und gut sortiert verstauen. Wir überlegen kurz, ob wir abwarten sollen, bis der alles durchdringende Nieselregen nachlässt, um alles trocken ins Auto zu bekommen, verwerfen diese Idee aufgrund ihrer Aussichtslosigkeit aber schnell wieder und stürzen uns frohgemut in das typisch isländische Wetter aus Wind und Regen - wir sind eben schon voll angepasst an die hiesigen Verhältnisse.

Wobei, ehrlicherweise können wir uns längere Wanderungen bei dieser Witterung noch immer schlecht vorstellen, weswegen wir heute mal wieder ein paar Umwege in Kauf nehmen. Gegen Mittag steigen wir nach längerer Fahrt aus unserem Gefährt, um uns am Sigöldugljúfur Canyon ein wenig die Beine zu vertreten. Das türkisfarbene Wasser bildet einen tollen Kontrast zu dem dunklen Gestein. Die vielen Wasserfälle und die moosbewachsenen Hänge komplettieren das Bild einer sehr lebendigen Schlucht inmitten der Einöde. Nur die Sonne fehlt leider.


Nach einem entspannten Spaziergang am Canyonrand entlang machen wir einen Zwischenstopp an der gestern bereits besuchten Tankstelle, um uns im angeschlossenen Restaurant ein Mittagessen zu gönnen. Wenig überraschend trauen wir uns nicht an typisch isländische Speisen heran, sondern bleiben bei den altbewährten Pommes - wahlweise nur mit Ketchup oder mit Burger dazu.

Als nächster Halt auf dem Rückweg steht mit dem Háifoss mal wieder ein Wasserfall auf dem Programm. Leider zeichnet sich schon auf dem Weg dahin ab, dass die versprochene Wetterbesserung hier wohl nicht eintreten wird. Was umso ärgerlicher ist, da auf dem Hinweg am Vormittag hier ein ganz klein wenig Sonnenschein zu erahnen war - allerdings war für den Nachmittag noch weiter aufklarender Himmel vorausgesagt, was sich nun leider als Fehlinformation herausstellt. Vor Ort begrüßen uns der altbekannte Nieselregen und vor allem starker Wind. Da der Wasserfall selbst und vor allem der Wanderweg dahin einen guten Eindruck machen, belassen wir es bei einer kurzen Fotosession vom Aussichtspunkt aus und heben uns die vielversprechende Wanderung für einen anderen Tag auf.

Was nun? Wir müssen improvisieren und nach intensiver Befragung aller Wettervorhersagen und Regenradare und Abwägung aller noch offenen Ziele in der Region entscheiden wir uns für eine längere Fahrt auf einer Dirtroad zu einem bunten Vulkankrater. Nachdem wir inzwischen schon einige Zeit im Auto unterwegs waren und Sophias Musikmix (Taylor Swift, zwei vereinzelte Lieder von Shakira und noch viel mehr Taylor Swift) so langsam nicht mehr hören können, übernimmt Christoph die Aufgabe des DJs und so düsen wir zu den mystischen Klängen von Kate Bushs "Running up that hill" durch die wieder karger werdende Umgebung, die am ehesten an eine Mondlandschaft erinnert - sehr passend. Die Dirtroad überrascht uns kurz vor dem anvisierten Parkplatz mit einer sehr rauen Streckenführung, sodass wir uns entscheiden, das Auto sicherheitshalber einige hundert Meter früher abzustellen. Tatsächlich scheint hier im Bergland aber mal die Sonne und wir machen uns an die Besteigung des Rauðaskál-Kraters.


Jeder, der schon mal so einen sandigen Krater hinaufgeklettert ist, weiß, wie anstrengend das sein kann. Christoph hatte uns für heute eigentlich Erholung versprochen, aber diese rückt gerade in weite Ferne. Aber wer den Ausblick will, der muss eben nach oben. Meine Taktik dieses Mal: Konzentriert auf den Boden schauen und einen Fuß vor den anderen setzen, bis man einmal "Running up that hill" im Kopf durchgesungen hat, dann Pause machen und wieder von vorn. Nach relativ kurzer Zeit sind wir alle oben und könnten den tollen Ausblick genießen... Aber halt, da ist er ja wieder: der orkanartige Wind, der hier auf jedem Berggipfel pfeift und vor allem Sophia die Laune vermiest. Also suchen wir uns einige hundert Meter weiter ein windgeschütztes Plätzchen hinter Felsen - zwar kein besonderer Ausblick, aber dafür ein glücklich seinen Müsliriegel verzehrendes Kind. Anschließend dürfen Christoph und ich kurz zum Kraterrand gehen, um ein paar Fotos zu machen, bevor wir die Flucht vor dem Wind antreten.



Froh über diesen gelungenen Tagesausklang fahren wir zu unserer neuen Unterkunft für die kommenden sieben Nächte, die sich als voller Erfolg entpuppt. Für Sophia das Größte: Es gibt ein Schlafzimmer mit Doppelstockbett (unten Doppelbett, oben Einzelbett), sodass sie über uns schlafen kann. Ob wir das auch so praktisch finden, muss sich erst noch zeigen...

Sonntag, 12. Juli 2026

Tag 3 - Der Sonne hinterher

Reise ich in die USA, kann ich mir meine Reiseziele nach Ort und Zeitbedarf frei zusammenstellen. Reise ich nach Kanada, gilt das ebenso; ich muss mir aber zusätzlich einen kleinen Zeitpuffer für den Fall schlechten Wetters zurechtlegen. Reise ich nach Island, kann ich mir eine auch nur halbwegs stringente Planung eigentlich komplett sparen. Stattdessen muss ich entweder ausgesprochen gut im Daumen drücken oder aber bereit sein, den raren Sonnenflecken endlos viele Kilometer hinterherzujagen. Denn die Chance, an einem bestimmten Ort in Island zu einer bestimmten Zeit zumindest einigermaßen passables Wetter zu haben, ist einfach verschwindend gering. Jedenfalls sagen mir das übereinstimmend ganze sieben Wetterseiten und zwei Regenradare, die ich nach nur zwei Tagen hier allesamt dauerhaft geöffnet habe und alle 20 Minuten frequentiere.

Und was verheißen mir diese Online-Ressourcen für meine heutigen Ziele? Es wird regnen. Und es wird windig. Und kalt wird es natürlich auch. Genau dort, wo ich bin, und zumindest 80 Kilometer rundherum und das den ganzen Tag und morgen auch und eigentlich immer. Dass an dieser Prognose durchaus etwas dran sein könnte, wird mir schon beim morgendlichen Blick aus dem Fenster klar: Es nieselt, so weit das Auge nur blicken kann. Es ist stürmisch. Und warm sieht es freilich auch nicht gerade aus...

Was also tun? Bloß weg hier - aber mit Plan und Bedacht. Unter eingehender Wertung und Wichtung aller Wetterprognosen meines umfassenden Datenpools ermittle ich am Früstückstisch eine Wahrscheinlichkeit von 82,7 Prozent, dass der einzige Ort in Island ohne Regen am heutigen Tage wohl Landmannalaugar sein wird - und dies auch nur zwischen 14:00 und 18:00 Uhr.

Also lassen wir uns Zeit und starten erst gegen 11:00 Uhr zum 140 Fahrkilometer entfernten Tal der "warmen Quellen". Nach nur einer Stunde Fahrt warnt uns unser noch immer unbenanntes Fahrzeug vor Druckverlust im Reifen, was sich aber an der nächsten Tankstelle erfreulicherweise als Fehlmeldung herausstellt. Tatsächlich ist in allen Reifen viel zu viel Luft! Also lasse ich überall etwas ab und alle sind wieder glücklich. Eine mäßig spektakuläre einstündige Dirtroad-Fahrt später stehen wir dann auch schon bei bestem Wetter am vordersten der Landmannalaugar-Parkplätze. Ich bin einfach ein Wetter-Ass!

Was ist hier geplant? Die Besteigung gleich zweier Erhebungen: Den Bláhnúkur und den Brennisteinsalda.

Wir entscheiden uns, das steilste Stück an den Anfang unserer Tour zu legen, und kraxeln recht zügig 350 Höhenmeter den erstgenannten Hügel hinauf. Immer im Blick: Die gelbschimmernde und schneegesprenkelte Bergwelt.




Oben angekommen vertilgt Sophia ihre mitgebrachten Brote derart schnell, dass ich mich genötigt sehe, ihr die Hälfte meines eigenen Proviants zu überlassen, um schlechter Stimmung vorzubeugen. Dann ein paar Fotos von der Aussicht...



...und schon geht es wieder nach unten mit Blick auf den als nächstes zu besteigenden Brennisteinsalda.


Unten angekommen offenbart sich jedoch zunächst ein kleiner Planungs-Fauxpas: Wir stehen ratlos an einem nicht trockenen Fußes zu querenden Schmelzwasserfluss. Auch eingehende Sondierungen stromabwärts bleiben leider erfolglos. Neoprensocken haben wir für solche Fälle zwar tatsächlich mitgenommen. Die sind aber mangels Kenntnis von einer möglichen Flussquerung sicher im Auto verstaut. Es bleiben also nur zwei Optionen: Barfuß bzw. mit Wechselsocken durch den Fluss oder zurück über den Bláhnúkur. Da letzteres noch weniger verlockend erscheint, ordne ich schließlich erstgenannte Variante an und quere zunächst testweise allein und anschließend nochmal mit Sophia auf den Armen die frostigen Fluten. Anschließend bekreuzige ich mich dreimal, hatte ich mich doch schon mit Sophia in den Armen ein urlaubsgefährdendes Bad im Schmelzwasser nehmen sehen. Lisa folgt fröstelnd nach.


Nachdem die Füße wieder trocken sind, besteigen wir schließlich den Brennisteinsalda. Auf halber Höhe sieht man schön den Bláhnúkur, auf dem wir vor zwei Stunden noch standen.


Den Restweg hätten wir uns sparen können. Oben angekommen pfeift der Wind derart stark, dass man schon Schwierigkeiten hat, einfach nur stehen zu bleiben. An eine gemütliche Pause ist nicht einmal im Ansatz zu denken.



Stattdessen versuchen wir den Berg so schnell es nur irgendwie geht wieder zu verlassen, wobei ich es auf einer Eispassage nur mit viel Glück und Mühe verhindern kann, mich der Länge nach schmerzhaft hinzuschmeißen. Erneut bekreuzige ich mich.

Es folgen sodann noch recht zähe drei Kilometer Rückweg durch Matsch, Schnee und Regen und gegen 19:30 Uhr stehen wir ziemlich fertig wieder am Auto. Jetzt müssen wir ja nur noch nach Hause... Zweieinhalb Stunden lang... Und davon eine Stunde auf einer Dirtroad... Und das bei mittlerweile dichtem Nebel.... Das wird ja ein Klacks!

Tag 2 - Island für Anfänger

Wie im Urlaub leider üblich, verlässt Christoph am frühen Morgen das Bett und tigert durch unser Ferienhaus. Meine Versuche, ihn zu ignorieren und einfach weiter zu schlafen, gebe ich schließlich genervt auf, als ich ihn das Haus verlassen höre. Was hat er denn nur vor um 06:30 Uhr? Nun siegt bei mir doch die Neugier und ich verlasse mein Bett und finde ihn - im Hot Tub auf unserer Terrasse!

Draußen ist es ganz schön kalt und ich habe eigentlich gar keine Lust auf ein heißes Bad am frühen Morgen. Aber irgendwie gehört das ja auf Island quasi zum guten Ton, oder? Also überwinde ich mich dann doch und muss zugeben: Es ist eigentlich ein ganz angenehmer Start in den Tag, trotz des düsteren Wetters.

Etwa zwei Stunden später starten wir unsere ersten Erkundungen im für uns vollkommen neuen Reiseland mit einer Ausfahrt zum Brúarfoss. Kurze Anfahrt und ein kleiner Spaziergang vom Parkplatz aus, aber trotzdem nur sehr wenig los - genau das Richtige für den Anfang. Und ganz hübsch anzusehen ist der Wasserfall auch.


Weiter geht es zum Faxafoss mit gleichem Spiel: Vergleichsweise kurze Autofahrt, kleiner Spaziergang, sehr wenige Menschen.


Gut, so langsam haben wir uns eingegroovt und könnten wenigstens ein bisschen Bewegung vertragen. Daher nächstes Ziel: Der Strokkur Geysir. Leider wie erwartet viele Menschen. Ganze Busladungen werden hier ausgekippt. Aber sei es drum, wir schauen uns trotzdem die heißen Quellen und den Geysir an, der zuverlässig alle paar Minuten ausbricht. Nichts, was einen vom Hocker haut, wenn man schon im Yellowstone National Park war, aber eine ungewöhnlich anmutende Erscheinung in der ansonsten sehr grünen Umgebung. Die Miniwanderung auf einen Aussichtspunkt hinter dem Geysir macht aufgrund der zum Glück noch reich blühenden Lupinen und des vereinzelt aufklarenden Himmels jedenfalls Freude.




Weiter geht es zum recht bekannten Gullfoss, dem wir in Folge der Menschenmassen nur einen kurzen Blick von oben zuwerfen und uns die "Wanderung" auf überfüllten Wegen näher heran sparen.

Jetzt haben wir aber langsam genug von diesen Zielen, bei denen man nur kurz aus dem Auto springt und einen schnellen Blick darauf wirft. Die Wettervorhersage meint, es bestehe die geringe Chance, dass in den kommenden Stunden im Bergland vereinzelt die Sonne zu sehen sein könnte. Also Aussicht auf eine längere Fahrt auf Dirtroads (hier: F-Straßen), weniger Menschen und ein lohnendes Ziel mit Wanderung bei besserem Wetter? Da sind wir sofort dabei!

Also geht es über Schotterpisten nach Hveradalir, einem Geothermalgebiet im Kerlingarfjöll-Gebirge. Die Fahrt verläuft reibungslos, aber beim Verlassen des Autos bemerken wir sofort: Hier ist es windig. Und kalt. Wir kramen erstmal alle wind- und wetterfesten Klamotten zusammen, die wir dabei haben, und mummeln uns in mehrere Schichten ein. Gemütlich ist es immer noch nicht, aber zumindest erträglich. Zunächst geht es viele Stufen bergab in die braun-gelben Hügel. Wir sind anfangs so mit dem ungemütlichen Wetter beschäftigt, dass wir den Anblick gar nicht genießen können. Und es wird nicht besser: Wir gehen in Richtung Aussichtspunkt natürlich bergauf und der lehmige Untergrund ist enorm schlammig. Trotz der provisorischen Stufen sind unsere Schuhe bereits nach kurzer Zeit durch den hartnäckig daran haftenden Matsch mindestens doppelt so schwer wie üblich und wenn man auf den Stufen zu lange innehält, kommt man nicht mehr vom Fleck, weil der Lehm einen richtiggehend einsaugt. Dazu Kälte und Wind. Kurz gesagt: Es macht nur mäßig viel Spaß.

Sophia verkündet zwischenzeitlich, dass sie Island hasst und nach Hause möchte, aber die meiste Zeit müssen wir dann doch lachen über diesen Einstand in Sachen Wanderungen auf Island. Wenigstens hat man von oben eine schöne Aussicht und ganz vereinzelt kommt tatsächlich mal die Sonne raus.


Zurück am Auto stellen sich uns zwei Fragen: Warum zur Hölle habe ich mir in den vergangenen Tagen den Stress gemacht und sämtliche zu packende Kleidungsstücke nochmal gewaschen, wenn diese doch direkt nach der ersten Wanderung aussehen, als hätten wir uns im Schlamm gewälzt? Und gibt es hier überhaupt so etwas wie gutes Wetter? Zumindest auf die zweite Frage werden wir sicherlich in den kommenden 3,5 Wochen eine Antwort finden - und ich hoffe inständig, dass diese "Ja!" lautet...

Samstag, 11. Juli 2026

Tag 1 - Geplatzte Ohrhäute

Ein neues Jahr - eine neue Reise. Und dieses mal ausnahmsweise nicht nach Nordamerika, sondern in das recht nah gelegene "Land aus Feuer und Eis". Das erfordert zwar eine nur wenig elegante Anpassung des Blog-Titels, bedeutet aber auch eine dankenswerterweise kurze Fluganreise von lediglich 3,5 Stunden. Diese wiederum nutze ich für ein kulturell wertvolles Biopic über Simbas Vater "Mustafa", welches den Zuschauer leider etwas ratlos zurücklässt. "Mustafa" wurde wohl nicht König der Tiere wegen seiner Kraft und Weisheit, sondern allein wegen seiner guten Ohren... Ganz anders übrigens als Sophia, die sich routinemäßig einmal wieder darüber beschwert, dass ihre "Ohrhäute" bei Start und Landung zu spät platzen und bis dahin schmerzen würden. Nichtsdestotrotz kommen wir alle termingerecht und wohlbehalten in Keflavik an.


Von dort aus geht es zu unserem Mietwagenanbieter Lotus, der sich vor allem durch maximale Flexibilität in der Kundenverarsche auszeichnet. Schon im Vorfeld der Reise bekamen wir kurzfristig zwei E-Mails, wonach sich der vertraglich verabredete Preis leider im jeweils dreistelligen Bereich erhöhe, weil einerseits nunmehr eine Steuer dazukomme, die Lotus nicht selbst bezahlen, sondern an seine Kunden weiterreichen wolle, und man andererseits die Inhalte der Leistungspakete eigenmächtig so geändert habe, dass die wertvollen Versicherungsinhalte jetzt nicht mehr in unserem gebuchten "Platinum-Paket", sondern im aufpreispflichtigen "Premium-Plus-Irgendwas-Quatsch-Paket" enthalten seien. Im "Platinum-Paket" ist jetzt nur noch Käse statt der von uns gebuchten Absicherung im Hochland. Das überzeugt mich kaum, aber was bleibt einem groß übrig außer zahlen oder stornieren und dann kein Auto haben? An der Mietwagenstation angekommen wird uns dann wenig erfreulich ein weißer Dacia Duster mit stolzen 104.000 Kilometern auf dem Tacho und diversen Vorschäden zugewiesen, dessen Restwert weit unterhalb der von uns zu zahlenden Vier-Wochen-Miete liegen dürfte. Nachdem ich dann bei der Umschau noch weitere größere und nicht dokumentierte Schäden finde, unter anderem herausgebrochene Verblendungen, heißt es von Vermieter-Seite nur, dass das doch egal sei, weil man sich das Auto bei Rückkehr aufgrund der von uns gebuchten Pakete ohnehin nicht anschauen werde. Ob das ein erneuter Versuch, uns zu neppen, oder aber ein Freifahrtsschein ist, werden wir wohl erst am Ende der Reise erfahren.

Jedenfalls fährt sich der Dacia trotz seines Alters bemerkenswert ruhig und trägt uns zuverlässig zunächst zum Supermarkt und anschließend in unsere erste Unterkunft. Dort angekommen wird noch das erste Viertelfinale geschaut, Abendbrot gegessen und dann geht es auch schon ab ins Bett.

Samstag, 4. Juli 2026

Tag 27 - 4.732 beinahe vergessene Schritte

Nachtrag nach ca. 11 Monaten...

Sind wir doch mal ehrlich: Die Rückreise ist weder besonders schön noch spannend. Eigentlich gibt es nichts Interessantes zu berichten, aber wenn es schon zu jedem Urlaubstag einen Beitrag gibt, darf der letzte eben auch nicht fehlen. Ich halt mich kurz, versprochen!

Entspanntes Aufstehen am Morgen und ein letztes Urlaubsfrühstück bei herrlichem Ausblick genießen.

Dann Reste zusammenpacken, problemlose Fahrt zum Wohnmobilvermieter, Shuttle zum Flughafen. Klappt alles wie am Schnürchen, was einerseits schön ist, andererseits die Wartezeiten verlängert, weil eingeplante Zeitpuffer nicht benötigt werden. Wir wollen uns mal nicht beschweren und nutzen die Zeit, um uns in Ruhe von Kanada zu verabschieden.

Nach unspektakulärem Flug mit geringer Verspätung erwartet uns beim Zwischenstopp in Frankfurt die beinahe längste Wanderung des gesamten Urlaubs: Der Weg zum Gate A56. Wir brauchen genau 4.732 Schritte bis zum Gate und bezweifeln zwischenzeitlich, dass es überhaupt existiert. Aber doch, ganz am hintersten Ende des Terminals, fernab jeglicher Einkaufsmöglichkeiten und sanitärer Einrichtungen, finden wir schließlich das bereits verloren geglaubte Gate. Lediglich eine Raucherlounge hat es noch in diesen entlegenen Teil des Flughafens geschafft. Egal, wir kommen jedenfalls irgendwie in unser Flugzeug nach Leipzig und in der Folge dann auch wohlbehalten nach Hause - todmüde, aber mit unzähligen schönen Erinnerungen an unsere Kanadareise im Gepäck.

Dienstag, 5. August 2025

Tag 26 - Der (fast) perfekte Abschluss

Bestenfalls schließt ein toller Urlaub mit einem Tag, an dem alles gelingt und alles zusammenpasst. Und ein eben solcher Tag soll uns heute tatsächlich (fast) beschieden sein. Der nahezu perfekte Abschluss dieser Reise.

5:00 Uhr morgens klingelt planmäßig der Wecker. Der stockfinsteren Nacht trotzend schlüpfen wir in unsere Klamotten, machen das Wohnmobil fahrbereit und zuckeln über 26 Kilometer Gravelroad zum Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung, dem Horseshoe Tent Ridge Trail im Kananaskis Country. An der passenden Parkbucht angekommen wird nur noch fix gefrühstückt; dann schnüren wir auch schon die Wanderschuhe.

Zunächst geht es über einen recht steilen Matschepfad durch dichten Wald bis wir eine schöne Lichtung erreichen, um die sich hufeisenförmig der von uns zu besteigende Bergrücken schlingt.



Der Weg führt uns nach links und weiter die Berge hinauf zur Baumgrenze. Dort entledigen wir uns unserer Jacken, erwarten wir doch trotz der frühmorgendlichen Temperaturen bald gehörig ins Schwitzen zu kommen. Es geht nämlich nach oben. Steil nach oben. Über nur einen Kilometer Distanz wollen 300 Höhenmeter bezwungen werden. Also steigen, kraxeln und klettern wir bei immer besser werdenden Aussichten den Felsrücken hinauf.




An einer auf dem ersten Gipfel befindlichen Wetterstation wird kurz gerastet; dann geht es weiter. Immer dem Gebirgskamm folgend laufen wir zunächst wieder nach unten und an der Grenze einer Sperrzone wegen erhöhter Grizzly-Aktivität entlang. Entgegen Lisas dahingehender Befürchtungen lässt sich aber natürlich keiner der lieben Pelzfreunde blicken. Dann beginnt ein weiterer Aufstieg, der uns nochmal ein Stück höher bis zur höchsten Erhebung der Ridge führt. Schnaufend erreichen wir diese gegen 9:30 Uhr und erholen unsere müden Knochen, die zu so früher Stunde bereits 850 Höhenmeter erklommen haben. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf die Hufeisenform des Bergrückens und den darauf verlaufenden Weg!


Sodann wird weiter gekraxelt mit immer wieder tollen Ausblicken.



Auf halbem Weg zum Abstieg begegnen wir ein paar anderen Wanderern, welche wir rasch passieren. Ansonsten werden wir hier oben ganz für uns sein. So auch auf der letzten Erhebung des Bergkamms, die einen traumhaften Blick auf das Spray Lakes Reservoir offenbart.


Kaum, dass wir uns an den Abstieg machen, verdunkelt sich der Himmel und es donnert bedrohlich. Offenbar hat es sich gelohnt, dem Wetterbericht Glauben schenkend äußerst früh aufzubrechen. Eine Stunde lang quälen wir fortan Zehen und Knie auf steilen Switchbacks bergab, wechselweise die Aussicht genießend und misstrauisch den Himmel beäugend. Kaum haben wir die Baumgrenze durchschritten, kommt auch das Mückenspray noch ein letztes Mal zum Einsatz. Hier nämlich tummeln sich wieder die lästigen Mistviecher. Der letzte Kilometer wird halb rennend, halb im Stechschritt laufend überwunden, da das Gewitter nur noch wenige hundert Meter entfernt erscheint. Tatsächlich war das ein wenig übervorsichtig, aber etwa 30 Minuten nach Ankunft im Camper setzt der Regen dann wirklich ein. Wir sitzen glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt bereits im Trockenen und mümmeln fröhlich unser wohlverdientes Mittagessen.

Sodann düsen wir weitere 30 Kilometer auf dem trotz Gravel gut befahrbaren Smith-Dorrien-Trail entlang und dann dem Highway 40 folgend wieder nach Norden. Um uns herum eine traumhafte Berglandschaft, die mal in Regen, mal in Sonnenschein getaucht wird. Plötzlich huscht rechts von mir ein brauner Fleck am Straßenrand vorbei und Lisa ruft "Bär!". Mit nur wenig gutem Zureden bringe ich sie zur Kehrtwende und tatsächlich läuft dort ein gut gelaunter Grizzly am Hang entlang und knabbert Beeren. So sicher und ungestört konnten wir einen dieser Kuschelbärchen in diesem Urlaub noch gar nicht aus der Nähe beobachten. Toll!



Zumindest bis nach etwa zehn Minuten eine Rangerette erscheint und uns zur Weiterfahrt auffordert. Wo kommen die nur immer plötzlich her? Warum wissen die stets sofort Bescheid, wenn sich ein Bär blicken lässt? Sind die Bären etwa alle gechipt? Das wäre doch mal was für eine Verschwörungstheorie...

Wir fahren jedenfalls glücklich zu unserem letzten Campground, der von den "Stoney"-Indianern geführt wird. Und wie bei Indianer-Einrichtungen leider üblich, sieht hier alles verwahrlost und zugemüllt aus. Die Wege eine zerfahrene Matschlandschaft, herrenlose Hunde, die umherirren, Autoreifen, Schrott und verfallene Bruchbuden am Wegesrand, die von zerbrochenen Träumen künden. Auch die Dump-Station ist nicht mehr als ein stinkendes und müllflankiertes Loch im Boden.


Offenbar unterscheiden sich die Stoneys da in keiner Weise von den Navajos und anderen indigenen Stämmen Nordamerikas, deren Gastfreundschaft wir bereits genießen durften. Warum nur sieht es bei Indianern immer so schlimm aus? Auch dies wird für uns auf ewig ein Mysterium bleiben. 

Egal. Dessen ungeachtet haben wir nämlich von unserer Campsite einen absoluten Traumblick auf den unter uns verlaufenden Bow River und die sich dahinter erstreckenden Rocky Mountains.


Zudem lässt sich jetzt auch die Sonne wieder blicken, sodass wir endlich unsere noch immer versiffte Zeltausrüstung trocknen und anschließend draußen Koffer packen können. Guten Internetempfang haben wir hier natürlich auch, welchen wir sogleich für den Online-Check-In nutzen. Alles fügt sich wunderbar und wir sind für unsere Abreise ausgezeichnet gerüstet. Nun muss nur noch kurz der Generator angeschaltet werden, um das Laptop für seine erwartbar längere Nutzung im Flugzeug aufzuladen und....  Brbrbrbrbbrrrrrr...... Hmm, der Generator hat wohl nun leider am letzten Tag den Geist aufgegeben; auch weitere Startversuche bleiben erfolglos. Aber naja, da gibt es nun wirklich Schlimmeres. Zumindest für Lisa und mich, die ob dieses wunderbaren Tages noch immer beseelt sind. Hoffentlich kann sich Sophia dieser Meinung auch morgen noch anschließen...