Dienstag, 28. Juli 2026

Tag 19 - Timing

Es ist tief in der Nacht, der Montag hat gerade begonnen, alles schläft. Nur ein einsamer Mittdreißiger wischt noch beflissen an seinem Mobiltelefon die Wetterseiten in dem Bemühen hin und her, mehrtägiges Drinnen-Hocken durch ein gewagtes Planungskunststück zu verhindern. Zunächst ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen: Arktische Strömungen drängen unverändert Richtung Island und bringen Wolken, Niederschlag und eisige Temperaturen für den Nordosten der Insel mit sich.

Gegen 0:30 Uhr ändert sich die Witterungsprognose geringfügig, aber für uns wesentlich. Die Großlage bleibt erhalten; in der Überlappungszone zwischen nördlichem und südlichem Wirbel soll aber im Bereich um Bakkagerði gegen Mittag ein wenige Kilometer breiter Streifen ohne Bewölkung und mit wenig Wind entstehen. Reicht das für einen schönen Ausflug?

Eine Überprüfung am nächsten Morgen lässt die Hoffnung wachsen. Der prognostizierte Streifen klaren Himmels ist nun noch etwas breiter; im Gebiet um Bakkagerði soll die dichte Wolkendecke kurz vor 12:00 Uhr aufreißen und sich gegen 16:00 Uhr wieder schließen. Und welche Wanderung befindet sich dort? Eben die nach Stórurð, welche gestern am störrischen Protest meiner Begleiter scheiterte!

Erfreut teile ich meine neuen Erkenntnisse mit Lisa. Sie zieht sich sofort die Bettdecke über den Kopf. Als ich Sophia am Frühstückstisch von der nun für heute angesetzten Wanderung erzähle, bricht diese sogar in Tränen aus. Ich hätte ihr doch versprochen, dass heute nichts anstehen würde. Was ist mit den Frauen in dieser Familie nur los?

Aber es hilft kein Klagen und Murren. Gegen 9:30 Uhr machen wir uns auf den Weg und erreichen circa 10:30 Uhr den Trailhead. Etwas zu früh für meinen Geschmack. Also hören wir noch ein bisschen "Harry Potter" - mittlerweile sind wir bei "Der Gefangene von Askaban" angekommen - und springen erst gegen 11:00 Uhr aus dem Auto. Der Plan ist klar: Zwei Stunden hin, eine Stunde dort, zwei Stunden zurück. Die Sonnenstrahlung dürfte dann hoffentlich verhindern, dass meine notorisch frierenden Damen trotz maximal acht Grad Celsius bibbernd die Mundwinkel hängen lassen. Ohnehin haben sich die beiden wieder in unzählbar viele Schichten Kleidung gehüllt. Lisa kommt mir mittlerweile wie eine dieser russischen Matroschka-Puppen vor: Egal wie vieler Kleidungsstücke sie sich entledigt, es ist immer noch ein weiteres darunter. Ich dagegen gehe wie stets bei kühler Witterung mit nur einer (!) Hose sowie T-Shirt, Fleecejacke und dünner Funktionsjacke.

Wir sind erst fünf Minuten auf dem wunderbar angelegten Trail unterwegs, da bricht bereits das erste Mal die Sonne zu uns durch. Die Wiesen strahlen, die Bäche plätschern, die Schafe blöken und uns begleitet schon bald ein steter Wechsel aus Vollsonne und leichter Schleierbewölkung. Außer einem etwas älteren Pärchen ein ganzes Stück weiter vorn ist sonst niemand hier. Die Ausblicke werden mit den zurückgelegten Höhenmetern immer besser.


Am Pass angekommen überholen wir das Paar vor uns. Bald schon sehen wir auch unser heutiges Ziel - lediglich ein Schneefeld und ein recht steiler Abstieg harren noch der Bewältigung.


Vorsichtig überwinden wir diese letzten Hindernisse und tauchen dann in die Welt der zusammengewürfelten Felsbrocken ein.



Mit Sicherheit das Highlight hier: Der kristallklare See im östlichen Bereich, wo wir eine wohlverdiente längere Pause machen.




Als Panorama:


Zwanzig Minuten dürfen wir den See ganz allein genießen, dann treffen weitere Besucher ein, für die wir unseren Premium-Platz räumen. Ohnehin müssen wir uns auf den Rückweg machen; als wir den Steinen den Rücken kehren, ist es bereits 14:20 Uhr. Also kämpfen wir uns den Abhang unter den lieblichen Klängen einer motivierenden Version von "Mach die Robbe", interpretiert von Sophia L., wieder hinauf, überqueren den Pass und stolpern auf der anderen Seite die Hügelkette wieder hinab.



Meine Aufgabe für den Abstieg: Eine Geschichte ausdenken und je Kapitel fünf Wörter einbauen, die Sophia mir vorgibt. Das klappt zunächst ziemlich gut. Zum Abschluss schlage ich daher vor, aus den letzten fünf Begriffen sowohl ein schlechtes als auch ein gutes Ende zu ersinnen, was begeistert aufgenommen wird. Entsprechend erzähle ich zunächst das schlechte Ende (Prinzessin wird nach fairem Prozess hingerichtet und hinterlässt ihren weinenden Raupenfreund), dann das Happy End (alle glücklich und zufrieden unter Missachtung der geltenden Rechtslage). Nur wenige Minuten danach bricht Sophia in heftiges Schluchzen aus und kann sich erst kurz vor Erreichen des Autos wieder einigermaßen beruhigen. Dass die arme Prinzessin in der ersten Version einen grausigen Tod erlitten hat, belastet sie offenkundig sehr, auch wenn das aus meiner Sicht durchaus folgerichtig und gerecht war, hat die unbelehrbare Edelfrau doch bewusst ein Delikt begangen, als dessen Strafe zu ihrer Kenntnis allein der Tod bestimmt war.

Kaum sind wir im Dacia verstaut, zieht der Himmel vollends zu. Die kurze Zeit des Sonnenscheins ist vorüber; wir haben sie optimal genutzt. Der Rest des Tages geht für Duschen, Essen machen und Chillen drauf. Im Bett liegend weint Sophia nochmal kurz wegen der schlimmen Sache mit der Prinzessin bevor sie selig einschläft. Ich sollte es wohl zukünftig lieber beim Happy End belassen.

Tag 18 - Island hasst uns

Als wir in den ersten vierzehn Tagen unseres Urlaubes im Südwesten der Insel fast permanent schlechtes Wetter hatten (zumindest an unseren jeweiligen Unterkünften, was wir nur durch jede Menge Fahrerei für sonnigere Ziele umgehen konnten), erzählte uns Christoph, dass es im Osten wettertechnisch besser aussehe: Offenbar täglich Sonnenschein und über 20 Grad. Seitdem wir nun im Osten angekommen sind, hören wir ihn abermals lamentieren: Plötzlich ist jetzt hier tagelang Regen bei beachtlichem Kälteeinbruch vorhergesagt, während im Südwesten der Insel die Sonne lachen soll. Aber was nützt all' das Jammern? Nichts. Letzten Endes findet unser lieber Reiseleiter doch immer noch eine Lösung, auch wenn es ihm zunehmend schwerer fällt.

So kommt es, dass er uns heute am Frühstückstisch die folgenden Auswahlmöglichkeiten gibt: Eine längere Wanderung, bei der es zumindest nicht regnen soll. Oder zwei mittlere Wanderungen mit vielen Menschen und mäßig spektakulären Zielen. Am Ende trifft er die Entscheidung doch selbst: Die längere Wanderung zum Stórurð soll es sein, denn lieber gehen wir sie bei bedecktem Himmel als gar nicht. Laut Wettervorhersage haben wir die Chance dazu nur noch heute.

Also werden die Rucksäcke gepackt und die Wanderschuhe geschnürt und wir springen ins Auto. Unterwegs machen wir eine ganz tolle Entdeckung: Ein Stück vor uns auf der Straße huschen vier kleine Polarfüchse umher! Nicht größer als ein Kätzchen und von hellgrau bis schwarz sind sie leider zu schnell im hohen Gras links und rechts der Straße verschwunden, als dass wir hätten Fotos machen können. Aber süß waren sie!

Der Himmel auf der Anfahrt weckt nicht gerade Lust auf lange Ausflüge: Dicke, graue Wolken und Nebelschleier. Wir machen einen Zwischenstopp auf einem Parkplatz kurz vor dem Ziel, weil ich nochmal schnell das dortige Klo besuchen möchte (das erste Plumpsklo übrigens in diesem Urlaub). Christoph und ich steigen beide aus und denken das Gleiche: Wenn das Wetter am Startpunkt der Wanderung nicht besser ist als hier, dann wird das wohl nichts. Es sind fünf Grad und es fegt ein eisiger, stürmischer Wind über die Hügelkuppe. Bangend fahren wir die paar hundert Meter weiter zum Zielparkplatz - immerhin liegt der auf der anderen Seite der Hügelkette, vielleicht ist es dort ja besser? Vom Auto aus sieht es erstmal nicht besser aus. Christoph steigt aus und meint, es würde schon gehen. Das Auto zeigt nun immerhin sieben Grad an, aber windig ist es auch hier und es nieselt leicht. Sophia hat natürlich gar keine Lust und auch ich muss zugeben, dass die Aussicht, mit fünf Schichten Klamotten den Berg hinaufzustapfen und am Ende wahrscheinlich einen vernebelten Ausblick zu haben, mich nicht gerade umhaut. Christoph hingegen vertraut dem Wetterbericht, wonach es bei unserer Ankunft am Ziel für ein bis zwei Stunden leicht sonnig sein soll, und votiert für die Wanderung. Am Ende hängt es also an mir und ich entscheide mich schweren Herzens dagegen.

Weiter geht es stattdessen zu den in der Nähe befindlichen Papageientauchern, deren Besichtigung ohnehin im Anschluss geplant war.

Anschließend machen wir uns auf den Rückweg. Zwei von uns sind erleichtert, dass wir bei dem Wetter nicht wandern müssen, einer ist enttäuscht über unsere Entscheidung und alle sind wir irgendwie genervt von den ständigen Wetterkapriolen, die die Planung hier so schwer machen. Christoph zeigt mir zum Beweis nochmal die Wetteraufzeichnungen der vergangenen vierzehn Tage: In Egilsstaðir, der Stadt unserer aktuellen Unterkunft, waren jeden einzelnen Tag zwischen 21 und 25 Grad und strahlender Sonnenschein. Am Tag vor unserer Anreise waren immerhin noch 18 Grad und leichte Bewölkung. Für die fünf Tage unseres Aufenthaltes sind 8 bis 10 Grad und ständiger Regen vorhergesagt. Es ist zum Verrücktwerden! Die restliche Fahrt vergeht mit Erinnerungen an vergangene USA-Urlaube...

Einige Zeit später finden wir uns am Parkplatz vom Hengifoss wieder. Wir haben uns unterwegs entschieden, den regenfreien Tag dann doch wenigstens für die zwei weniger schönen Ausflugsziele zu nutzen, bevor wir die kommenden zwei Tage wohl bei Dauerregen in unserer Unterkunft verbringen werden. Zwar sind wir wieder halbwegs guter Dinge, nachdem wir uns zwischenzeitlich (vielleicht aus Verzweiflung) über das "böse" Island und seine Hindernisse kaputt gelacht haben, aber Aussteigen will irgendwie trotzdem keiner. Dabei sind die Temperaturen hier immerhin gerade so zweistellig und es regnet nicht. Nachdem wir eine Weile die anderen Besucher beobachtet haben, trauen wir uns irgendwann doch aus dem Auto und starten den Aufstieg zum Hengifoss. Man, ist das mal wieder windig hier! Der Weg führt über Schotter (nicht schon wieder!) die ganze Zeit steil bergauf, das Ziel ist von Anfang an in Sicht und es sind natürlich auch noch einige andere Menschen unterwegs. Gar nicht nach unserem Geschmack.


Die Windböen werden nach oben hin immer stärker und sind immer wieder so heftig, dass uns die Luft wegbleibt und wir zudem kaum noch vorwärts kommen. Was für eine beschissene "Wanderung"! Sophia ist zwischenzeitlich den Tränen nahe und will partout nicht weitergehen. Die Sonne kommt entgegen aller Vorhersagen auch nicht einmal kurzzeitig heraus. Island hasst uns, eine andere Begründung haben wir dafür nicht. Trotzdem kämpfen wir uns irgendwie nach oben und das Ziel ist ... naja, nicht gerade der Oberknaller: Man kommt nicht allzu nahe an den Wasserfall heran, sondern steht stattdessen mit lauter fremden Menschen an einer unschönen Absperrung. Da war ja der Blick ein paar hundert Meter weiter vorne noch wesentlich einladender.


Bloß weg hier! Der Weg nach unten ist nicht besser: Sturm, Schotter, Wolken, keine tolle Aussicht. Es ist so windig, dass Christoph noch nicht mal seine Wanderstöcke benutzen kann, was nach dem steilen Abstieg mit schmerzenden Füßen endet. Sind wir froh, als wir endlich wieder im Auto sitzen! Wir futtern erstmal was und beobachten erneut die anderen Leute. Neben uns parkt ein Kerl, der kurz nach uns von der Wanderung zurückkehrt und sich ein interessantes Sandwich macht: Zwischen zwei Scheiben Toastbrot packt er einen großen Batzen Wurstscheiben, bestreicht sie mit Mayo oder einer ähnlichen Sauce und garniert das Ganze dann mit zwei Tortillachips. Anhand seiner Essgewohnheiten würde ich auf einen Amerikaner tippen.

Uns reicht es erstmal und wir fahren in unsere Unterkunft, wo wir essen und uns ausruhen. Nebenbei fangen wir schon mal eine Liste an, welche Ziele wir in den USA (noch)mal bereisen wollen und grübeln, was sich davon in den Sommerferien umsetzen ließe...

Christoph hat indes den Glauben an den Wahrheitsgehalt der Wettervorhersagen noch nicht gänzlich verloren und so fahren wir am Abend noch zum Stuðlagil Canyon, weil sich die Sonne dort nochmal zeigen soll. Und immerhin das: Es wird ein versöhnlicher Tagesabschluss. Zwar läuft man die zweieinhalb Kilometer bis zum Ziel wieder über Schotter, aber immerhin geht es nicht steil bergauf, es sind nur noch wenige Menschen unterwegs und die Sonne zeigt sich tatsächlich.

Das Wasser im Canyon ist wie versprochen türkisblau und wir können den Anblick relativ in Ruhe genießen. Geht doch!


Besänftigt kehren wir zum Auto und anschließend in unsere Unterkunft zurück. Morgen dann also Regentag Nummer 1 von mal sehen wie vielen und nichts vor - schauen wir mal, wie wir den Tag rumkriegen.

Montag, 27. Juli 2026

Tag 17 - Wetteranomalie

Einmal mehr erheben wir uns recht früh aus unseren Betten, eigentlich zu früh für meine stetig müden Begleiter. Der Vitamin-D-Mangel fordert seinen Tribut. Aber es nützt ja nichts: Heute muss eine ganze Menge abgerissen werden.

Erster Halt: Jökulsárlón. Die Gletscherlagune sah gestern im Vorbeifahren bei Mistwetter schon vielversprechend aus; deswegen zieht es uns heute bei gutem Wetter noch einmal zurück. Und das zum Glück! Bei unserer Ankunft treibt gerade ein riesiger strahlend blauer Eisberg im Wasser.


Auch das von den Wellen an den Strand gespülte Eis schimmert schön in der Vormittagssonne.


Anschließend geht es zum gleich daneben befindlichen Fjallsárlón. Hier treibt noch mehr Eis, aber in einem nicht ganz so pittoresken Arrangement.


Und weil wir schon einmal hier sind, fahren wir gleich noch fünf Kilometer weiter zurück und holen den witterungsbedingt zunächst ausgelassenen Múlagljúfur Canyon nach. Leider Gottes wird dessen Trail gerade renoviert. Anstelle des früher naturnahen, schmalen und spektakulären Pfads an der Schluchtkante entlang führt nun ein drei Meter breiter Weg ohne Canyonblick über nichtssagende Hügel. Zu allem Überfluss ist dieser auch noch geschottert, was nicht nur hässlich aussieht, sondern sich auch schrecklich läuft.


Wenig überraschendes Ergebnis: Die Hälfte der Touristen latscht trotz Absperrung lieber querfeldein die Flora tot statt sich diesen Trail anzutun. Hervorragende Arbeit also - der geniale Verantwortliche hat sich damit unmittelbar für ein Ministeramt in der Bundesregierung qualifiziert und wird wohl den soeben vakant gewordenen Posten von Patrick Schnieder übernehmen. Nichtsdestotrotz: Der Ausblick vom Aussichtspunkt ist unverändert toll.


Als nächstes wollen wir zum Stokksnes Black Sand Beach, finden uns aber überraschenderweise an einer Absperrung wieder und ein davor positionierter Herr in gelber Weste sucht um unsere Bestätigung, dass wir zur Filmcrew gehören. Na klar doch, echte Celebrities reisen natürlich im Dacia Duster mit 8-Jähriger auf dem Rücksitz und den Kofferraum bis oben voll mit Unrat zu ihren Drehorten?! Entsprechend verneinen wir irritiert und lassen uns stattdessen den Weg zum Strand weisen. Hier gibt es allerdings auch eine Schranke; eingelassen wird man nur mit Zugangscode aus dem nahegelegenen Viking Café. Also nun noch dort hinein, zwei Waffeln und zwei Zutrittsgenehmigungen für die Erwachsenen erworben und schon pfeifen wir 40,00 Euro leichter durch die Schranke.

Dahinter parken zwar nicht gerade wenige Fahrzeuge. Die meisten Besucher schauen sich aber glücklicherweise irgendeine hässliche Ruine aus einem Witcher-Filmset an, statt sich an den schönen Strand unmittelbar am Meer zu begeben. Gut für uns - dann steht wenigstens niemand im Bild. Noch besser aber: Kaum steigen wir aus, lässt der Wind nach und die Sonne prasselt vom Himmel. Es ist angenehm warm und der Sand weich wie Puderzucker. Spontan lassen wir die Schuhe am Auto und tollen durch die Dünen und am Meer entlang. Man kann sogar ohne Erfrierungen mit den Füßen im Wasser stehen!


Lisa darf die Zeit am Strand voll auskosten. Ich dagegen bin schon bald wider Willen Teilnehmer des infantilen Strand-Zehnkampfs, den ich nach einem fulminanten Sieg im Sandmalen und einem offenen Ergebnis im Sandsprung...


...durch eine verheerende Niederlage im Sandverstecken doch noch verliere.

Im Anschluss an einen nicht weiter berichtenswerten Spaziergang zu einem kleinen, aber übermäßig frequentierten Wasserfall steht dann eine längere Autofahrt nach Egilsstaðir an, die jedoch aufgrund der tollen Fjordlandschaft recht schnell vergeht. Dort angekommen stopfen wir ein nur mäßig bekömmliches Mahl in einem American Diner in uns hinein und fahren dann zu unserer mittlerweile fünften Unterkunft. Hier erfüllt sich Lisa noch einen Herzenswunsch: Endlich Wäsche waschen!

Sonntag, 26. Juli 2026

Tag 16 - Völlig platt

Schon morgens beim Aufstehen wissen wir, dass uns heute ein langer Tag bevorsteht. Neben einem Unterkunftswechsel sind lange Autofahrten inklusive Dirtroads und Flussdurchquerungen zu den Laki-Kratern (Lakagígar) geplant. Trotzdem starten wir morgens relativ in Ruhe, denn auch das Wetter hat natürlich wieder ein Wörtchen mitzureden. Aber legen wir erstmal los...

Bevor es auf die Hochlandstraße F206 geht, steht ein Zwischenstopp bei der Tankstelle an. Wir müssen tanken und den Reifendruck prüfen, weil das Auto diesbezüglich schon wieder was zu meckern hat. Tanken klappt beim ersten Anlauf, aber für den Reifendruck müssen wir an die zweite Tankstelle wechseln. Drei Reifen sind in Ordnung, bei einem fehlt Luft. Nun gut, einmal aufgefüllt und wir werden das weiter beobachten. Ab auf die Dirtroad, deren erste Kilometer inklusive mittlerer Furt uns schon von einem Ausflug der letzten Tage bekannt sind. Spannend ist das, was danach kommt, denn wir wissen, dass uns mindestens eine weitere mittlere Furt erwartet. Gemeinsam haben wir neulich abends gefühlt Stunden damit zugebracht, die spärlichen Infos im Internet zu sammeln, die zu dieser Flussdurchfahrt zu finden waren. Das Ergebnis: Das Ziel sieht recht lohnend aus und wahrscheinlich ist der Weg dorthin machbar. Die Straße ist nicht gerade angenehm zu fahren, aber im Prinzip kein Problem. Einige kleinere Furten schaffen wir problemlos mit unserer bewährten Taktik: Aussteigen, Wassertiefe prüfen (je nach Schwierigkeit: Augenmaß, Stochern mit den Wanderstöcken, notfalls Durchwaten mit Neoprensocken), nach Reifenspuren Ausschau halten und gegebenfalls andere Fahrzeuge beobachten. Bislang reichte uns heute unser Augenmaß, bis wir endlich vor der Hellisá stehen. Hier begegnen uns auch zum ersten Mal die Fähnchen, die von Rangern im Flussbett befestigt werden, um den optimalen Fahrtweg anzuzeigen. Sicherheitshalber kommen nun zum ersten Mal am heutigen Tage die Neoprensocken zum Einsatz und Christoph kämpft sich einmal durch das Flüsschen und zurück.

Unser Fazit: Sollte machbar sein. Also Augen zu und durch (natürlich langsam im ersten Gang), bevor ich es mir anders überlege. Klappt wie gewünscht und somit steht unserem Besuch an den Laki-Kratern nichts mehr im Wege.

Am dortigen Parkplatz angekommen, kommt der diensthabende Ranger zu uns gelaufen, während wir unsere Rucksäcke packen. Er grüßt freundlich und teilt uns mit, dass wir unser Wasser vor Ort auffüllen können. "Icelanders don't buy bottled water, our water is all save", sagt er beim Blick auf die Wasserflaschen in unserem Kofferraum. Er entfernt sich wieder und wir brauchen noch ein paar Minuten, bevor wir startklar für die kleine Wanderung sind. Gerade wollen wir uns in entgegengesetzter Richtung zum Trailhead begeben, da winkt er uns wieder zu sich. Er erklärt, dass er allen Besuchern eine persönliche Einweisung gibt. Also zeigt er uns auf der Karte, wo die Wanderwege verlaufen, welche Aussichtspunkte seiner Meinung nach am besten sind, wo wir Toiletten finden etc. Die meisten Sachen wussten wir schon, aber so konnten wir wenigstens noch die Fragen klären, die wir uns trotz Recherche nicht selbst beantworten konnten: Die weiterführende Straße ist offiziell keine Einbahnstraße, sollte aber bestenfalls als solche genutzt werden, und die dort noch zu überquerende Furt sollte für einen Dacia Duster aktuell kein Problem sein. Na wunderbar! Wir sind ja sonst eher kein Fan davon, wenn wir ungefragt angesprochen werden, aber der Typ war wirklich nett und geht in seiner Aufgabe voll auf. Nun aber ab zur Wanderung, natürlich wieder erstmal bergauf. Nach unserem Marsch auf den Schweinehügel am Abend zuvor sind meine Beine irgendwie kraftlos, aber allzu steil und lang ist der Aufstieg heute zum Glück nicht und so stehen wir recht schnell oben auf dem Hügel mit Ausblick auf die Laki-Krater in beide Richtungen.

Die geringe Chance auf Sonnenschein am frühen Vormittag war wohl doch zu gering, denn zumindest wir bekommen sie nicht zu Gesicht. Die 25 Kilometer lange Kraterreihe, die bei einem heftigen Ausbruch im 18. Jahrhundert entstand und über 100 Vulkankrater umfasst, sieht aber trotzdem cool aus. Wir folgen dem Wanderweg weiter, immer umgeben von der bemoosten Vulkanlandschaft, bis wir schließlich wieder am Auto stehen.


Da wir uns nach Auskunft des Rangers nun zutrauen, den Loop noch bis zum Ende zu fahren, machen wir zunächst Halt beim Tjarnargígur-Krater, der mit Wasser gefüllt ist. Nur ein kurzer Spaziergang vom Parkplatz aus und schon hat man einen wunderschönen Blick auf den tollen Krater und kann die absolute Ruhe genießen, die hier herrscht.


Es folgt kurz darauf die letzte unbekannte Furt, von der wir uns nicht sicher waren, ob sie für uns machbar ist. Trotz der Versicherung des netten Rangers wird zunächst alles intensiv begutachtet, bevor auch wir sie für machbar befinden und problemlos durchqueren.


Nun geht es auf der rumpeligen Dirtroad zurück in Richtung Straße, denn wir haben noch einiges vor: Die Fahrt bis zur nächsten Unterkunft wird etwa drei Stunden in Anspruch nehmen, hinzu kommen mehrere kleine Zwischenziele und essen wollen wir eigentlich auch noch. Sollte aber alles passen, wir müssen nur erstmal zur Tankstelle, denn Dustin meckert schon wieder. Gleicher Reifen, wieder merklich zu wenig Luft. So kann das nicht weiter gehen. Christoph ruft beim Autovermieter Lotus an und fragt, was zu tun ist. Wir sollen ein Foto schicken und unseren Standort mitteilen, dann vermitteln sie uns einen Mechaniker. Wir fahren also weiter und per E-Mail wird nebenbei geklärt, dass es in der Nähe unserer heutigen Unterkunft einen Mechaniker gibt, der uns erwartet. Wir düsen also, so schnell es die isländischen Straßen erlauben, in Richtung Höfn. Unterwegs verdichten sich die Wolken weiter und es fängt an zu nieseln. Als wir den Diamond Beach und den gegenüberliegenden Gletschersee passieren, auf dem große Eisschollen treiben, die schon von der Straße aus beeindruckend aussehen, ist das Wetter so ungemütlich, dass wir uns entgegen unseres eigentlichen Planes entscheiden, vorbei zu fahren. Schade, denn ich hätte sie mir wirklich gern aus der Nähe angesehen. Während ich noch darüber sinniere, ob das wohl die richtige Entscheidung war, macht es plötzlich "Klonk!" und dann "Flatsch-flatsch-flatsch-flatsch-flatsch". Wir schauen uns an und wissen sofort: Das war's mit unserem Reifen! Wir halten am Straßenrand, sind uns aber schon sicher, welcher Anblick uns erwartet...

Mist! Wieder Anruf bei Lotus mit erwartbarem, aber dennoch ernüchterndem Ergebnis: Ersatzreifen ist im Kofferraum, der Mechaniker wartet in Höfn. Auch das noch... Mitten auf der Ringstraße, die Autos rasen mit 90 km/h vorbei, kein Standstreifen, keine andere Haltemöglichkeit. Aber gut, es nützt nichts. Immerhin finden wir ein Warndreieck im Kofferraum und ich erinnere mich genau, dass wir das in der Fahrschule alle einmal zusammenbauen mussten. Also, ich erinnere mich an das "dass", nicht an das "wie". Irgendwie steht das Ding aber am Ende auf der Straße. Weiter also: Kind in sicherer Entfernung auf dem Feld parken, Kofferraum ausräumen (zur Erinnerung: Wir wechseln gerade die Unterkunft, das Auto ist also voll!), Wagenheber und Ersatzrad rausholen und los geht's. Hat man zu Hause natürlich schon mal gemacht, aber mit Mietwagen in einem anderen Land mit fremdem Werkzeug ist man erstmal verunsichert. Christoph meistert es aber wie ein Profi, während ich die herannahenden Autos beobachte und mich mit zwei Frauen aus Israel unterhalte, die angehalten und ihre Hilfe angeboten haben, die wir dann aber nicht benötigen. Es dauert auch gar nicht lange, dann ist es geschafft und wir verstauen das kaputte Rad und unseren gesamten Krempel wieder im Auto.

Entgegen der Ankündigung von Lotus handelt es sich allerdings doch um ein Notrad, sodass wir nicht umhin kommen, den Mechaniker noch in Anspruch zu nehmen, der ja eh auf uns wartet. So langsam rennt uns aber auch die Zeit davon, denn Check-in in der neuen Unterkunft ist nur bis 21:00 Uhr. Um 20:00 Uhr kommen wir endlich in Höfn an, wo wir ein paar Runden um die Werkstatthalle schleichen, doch es ist keiner da. Christoph ruft die von Lotus übermittelte Nummer an und der Mechaniker meint, er komme gleich. Während Sophia zur Ablenkung an Bauzäunen herumklettert, kommen wenige Minuten später zwei Autos auf den Hof gefahren. Wir freuen uns schon, doch die beiden beachten uns gar nicht und entladen stattdessen ihren Pickup. Okay, sollen wir sie jetzt ansprechen? Immerhin stehen sie hier an der Werkstatt und verräumen irgendwelche Reifen. Aber wir haben doch gerade telefoniert, die würden doch auf uns zukommen, oder? Kurze Zeit später klärt sich alles und ein weiteres Fahrzeug mit "unserem" Mechaniker fährt auf den Hof. Es gibt ein paar Verständigungsschwierigkeiten mit dem kaum Englisch sprechenden Isländer und er sieht auch gar nicht begeistert aus - verständlich, Freitagabend um 20:15 Uhr. Wieder räumen wir unser Auto aus und er nimmt den kaputten Reifen in Augenschein.

Sein vernichtendes Urteil: "No good!" Er macht sich auf die Suche nach einem neuen Reifen, was sich offenbar zunächst schwierig gestaltet, aber irgendwann wird er fündig und zwanzig Minuten später haben wir wieder vier passable Reifen am Fahrzeug und ein Notrad im Kofferraum. Nachdem wir mit Händen und Füßen geklärt haben, dass wir weder etwas bezahlen noch eine Unterschrift leisten müssen, fahren wir die letzten 15 Minuten zur neuen Unterkunft, wo wir uns für unsere späte Ankunft entschuldigen. Die Räumlichkeiten sehen super aus! Schade, dass wir nur eine Nacht hier bleiben.


Nach der ganzen Aufregung gibt es noch eine schnelle Portion Nudeln für alle, bevor wir völlig erschöpft in unsere Betten fallen.

Freitag, 24. Juli 2026

Tag 15 - Vom Grund zum Gipfel

Nach dem gestern eher dürftigen Tagesprogramm soll es heute endlich wieder richtig losgehen. Witterungsbedingt steigen wir zwar nicht vor 10:20 Uhr in unser Auto; geplant ist aber auch, erst zwischen 21:00 Uhr und 22:00 Uhr zurück zu kommen. So langsam gewöhnen wir uns daran, den konkreten Tagesablauf in die allmächtigen Hände der kurzfristigen Wetterprognose zu legen. Ansonsten liegen keine Restriktionen mehr vor - auch Sophias Fuß ist nur noch leicht geschwollen und daher normbelastbar.

Zunächst geht es über eine Stunde Dirtroad und einige harmlose Furten zum Rauðibotn. Nachdem das nun schon der vierte "Raudi" der Reise ist, wissen auch meine Mitreisenden sogleich, dass uns wohl wieder etwas Rotes erwarten könnte und so ist es tatsächlich auch (Rauðibotn = roter Grund). Bevor wir loslaufen, beobachten wir indes von der Parkfläche aus noch einige Jeep-Fahrer, die die eigentlich derzeit gesperrte Hólmsá zu queren versuchen - wohl eher nichts für unseren nunmehr "Dustin" getauften Dacia Duster mit 35 Zentimeter Wattiefe.


Der anschließende Weg durch grüne Hügel ist überraschend kurzweilig und idyllisch. Planmäßig bricht schon bald die Sonne durch die Wolkendecke. Außer uns ist niemand vor Ort.



Schon bald kraxeln wir den trichterförmigen Rauðibotn an der rechten Seite empor. Das ist zwar etwas anstrengend, aber überaus lohnend. Von oben genießen wir einen großartigen Blick auf die Caldera.


Nach Umrundung des Kraterrands kraxeln wir noch etwas ungelenk querfeldein den Hügel auf der anderen Seite herab und machen eine Pause an einem schicken Gletschersee, durch den die Hólmsá fließt.



Für den zweiten Programmpunkt am heutigen Tag müssen wir zurück zu dem See, der vorgestern in dichtem Nebel lag. Die Landschaft dort - soweit erkennbar - hat mich neugierig gemacht und nun müsste auch die Witterung passen. Also düsen wir zwei Stunden lang über Fels, Geröll und zahllose Furten und finden uns gegen 17:30 Uhr am Trailhead zum Sveinstindur (= Burschengipfel) wieder. Oder wie Lisa ihn nennt: den "Schweinehügel". Die Wanderung hier ist nicht lang, aber sehr steil. Auf unter zwei Kilometern Länge one-way geht es über 400 Höhenmeter hinauf - und anschließend natürlich wieder herunter. Ich bin selbst etwas erstaunt, wie hoch die Bergkuppe über uns thront. Aber angehen wollen wir es natürlich trotzdem. Drum werden erneut die Wanderschuhe geschnürt und los geht es. Schritt um Schritt kämpfen wir uns bei immer besser werdenden Aussichten die Hänge hinauf.



Gegen Ende klettert man eher unter Einsatz seiner Hände als dass man wandert. Lisa scheint das ob der zusätzlichen Anstrengung eher weniger zuzusagen. Aber der fantastische Blick vom Berggipfel in alle Richtungen ist die Mühe allemal wert, zumal die rasch wechselnde Bewölkung eine tolle Lichtstimmung zaubert.




Und noch zwei Aunahmen im heute wiederentdeckten Panorama-Format:


Allzu lange aufhalten können wir uns am Gipfel leider nicht. Zum einen schließt sich schon bald die Wolkendecke. Zum anderen wollen wir ja auch noch nach Hause. Also machen wir uns nach fünfzehn Minuten vorsichtig an den Abstieg und erreichen gegen 20:00 Uhr relativ unbeschadet den treuen Dustin. Nur Sophia ist zweimal gestürzt, hat sich aber jeweils nicht wirklich etwas getan.

Nun "bloß noch" zurück zum Feriendomizil. Eineinhalb holprige Stunden dauert es, bis wir unsere Unterkunft in der Ferne erspähen können. Dort angekommen wird eilig der angefangene Rührkuchen verdrückt, geduscht und Zähne geputzt. Anschließend fallen wir sehr müde in unsere Betten.