Sonntag, 12. Juli 2026

Tag 3 - Der Sonne hinterher

Reise ich in die USA, kann ich mir meine Reiseziele nach Ort und Zeitbedarf frei zusammenstellen. Reise ich nach Kanada, gilt das ebenso; ich muss mir aber zusätzlich einen kleinen Zeitpuffer für den Fall schlechten Wetters zurechtlegen. Reise ich nach Island, kann ich mir eine auch nur halbwegs stringente Planung eigentlich komplett sparen. Stattdessen muss ich entweder ausgesprochen gut im Daumen drücken oder aber bereit sein, den raren Sonnenflecken endlos viele Kilometer hinterherzujagen. Denn die Chance, an einem bestimmten Ort in Island zu einer bestimmten Zeit zumindest einigermaßen passables Wetter zu haben, ist einfach verschwindend gering. Jedenfalls sagen mir das übereinstimmend ganze sieben Wetterseiten und zwei Regenradare, die ich nach nur zwei Tagen hier allesamt dauerhaft geöffnet habe und alle 20 Minuten frequentiere.

Und was verheißen mir diese Online-Ressourcen für meine heutigen Ziele? Es wird regnen. Und es wird windig. Und kalt wird es natürlich auch. Genau dort, wo ich bin, und zumindest 80 Kilometer rundherum und das den ganzen Tag und morgen auch und eigentlich immer. Dass an dieser Prognose durchaus etwas dran sein könnte, wird mir schon beim morgendlichen Blick aus dem Fenster klar: Es nieselt, so weit das Auge nur blicken kann. Es ist stürmisch. Und warm sieht es freilich auch nicht gerade aus...

Was also tun? Bloß weg hier - aber mit Plan und Bedacht. Unter eingehender Wertung und Wichtung aller Wetterprognosen meines umfassenden Datenpools ermittle ich am Früstückstisch eine Wahrscheinlichkeit von 82,7 Prozent, dass der einzige Ort in Island ohne Regen am heutigen Tage wohl Landmannalaugar sein wird - und dies auch nur zwischen 14:00 und 18:00 Uhr.

Also lassen wir uns Zeit und starten erst gegen 11:00 Uhr zum 140 Fahrkilometer entfernten Tal der "warmen Quellen". Nach nur einer Stunde Fahrt warnt uns unser noch immer unbenanntes Fahrzeug vor Druckverlust im Reifen, was sich aber an der nächsten Tankstelle erfreulicherweise als Fehlmeldung herausstellt. Tatsächlich ist in allen Reifen viel zu viel Luft! Also lasse ich überall etwas ab und alle sind wieder glücklich. Eine mäßig spektakuläre einstündige Dirtroad-Fahrt später stehen wir dann auch schon bei bestem Wetter am vordersten der Landmannalaugar-Parkplätze. Ich bin einfach ein Wetter-Ass!

Was ist hier geplant? Die Besteigung gleich zweier Erhebungen: Den Bláhnúkur und den Brennisteinsalda.

Wir entscheiden uns, das steilste Stück an den Anfang unserer Tour zu legen, und kraxeln recht zügig 350 Höhenmeter den erstgenannten Hügel hinauf. Immer im Blick: Die gelbschimmernde und schneegesprenkelte Bergwelt.




Oben angekommen vertilgt Sophia ihre mitgebrachten Brote derart schnell, dass ich mich genötigt sehe, ihr die Hälfte meines eigenen Proviants zu überlassen, um schlechter Stimmung vorzubeugen. Dann ein paar Fotos von der Aussicht...



...und schon geht es wieder nach unten mit Blick auf den als nächstes zu besteigenden Brennisteinsalda.


Unten angekommen offenbart sich jedoch zunächst ein kleiner Planungs-Fauxpas: Wir stehen ratlos an einem nicht trockenen Fußes zu querenden Schmelzwasserfluss. Auch eingehende Sondierungen stromabwärts bleiben leider erfolglos. Neoprensocken haben wir für solche Fälle zwar tatsächlich mitgenommen. Die sind aber mangels Kenntnis von einer möglichen Flussquerung sicher im Auto verstaut. Es bleiben also nur zwei Optionen: Barfuß bzw. mit Wechselsocken durch den Fluss oder zurück über den Bláhnúkur. Da letzteres noch weniger verlockend erscheint, ordne ich schließlich erstgenannte Variante an und quere zunächst testweise allein und anschließend nochmal mit Sophia auf den Armen die frostigen Fluten. Anschließend bekreuzige ich mich dreimal, hatte ich mich doch schon mit Sophia in den Armen ein urlaubsgefährdendes Bad im Schmelzwasser nehmen sehen. Lisa folgt fröstelnd nach.


Nachdem die Füße wieder trocken sind, besteigen wir schließlich den Brennisteinsalda. Auf halber Höhe sieht man schön den Bláhnúkur, auf dem wir vor zwei Stunden noch standen.


Den Restweg hätten wir uns sparen können. Oben angekommen pfeift der Wind derart stark, dass man schon Schwierigkeiten hat, einfach nur stehen zu bleiben. An eine gemütliche Pause ist nicht einmal im Ansatz zu denken.



Stattdessen versuchen wir den Berg so schnell es nur irgendwie geht wieder zu verlassen, wobei ich es auf einer Eispassage nur mit viel Glück und Mühe verhindern kann, mich der Länge nach schmerzhaft hinzuschmeißen. Erneut bekreuzige ich mich.

Es folgen sodann noch recht zähe drei Kilometer Rückweg durch Matsch, Schnee und Regen und gegen 19:30 Uhr stehen wir ziemlich fertig wieder am Auto. Jetzt müssen wir ja nur noch nach Hause... Zweieinhalb Stunden lang... Und davon eine Stunde auf einer Dirtroad... Und das bei mittlerweile dichtem Nebel.... Das wird ja ein Klacks!

Tag 2 - Island für Anfänger

Wie im Urlaub leider üblich, verlässt Christoph am frühen Morgen das Bett und tigert durch unser Ferienhaus. Meine Versuche, ihn zu ignorieren und einfach weiter zu schlafen, gebe ich schließlich genervt auf, als ich ihn das Haus verlassen höre. Was hat er denn nur vor um 06:30 Uhr? Nun siegt bei mir doch die Neugier und ich verlasse mein Bett und finde ihn - im Hot Tub auf unserer Terrasse!

Draußen ist es ganz schön kalt und ich habe eigentlich gar keine Lust auf ein heißes Bad am frühen Morgen. Aber irgendwie gehört das ja auf Island quasi zum guten Ton, oder? Also überwinde ich mich dann doch und muss zugeben: Es ist eigentlich ein ganz angenehmer Start in den Tag, trotz des düsteren Wetters.

Etwa zwei Stunden später starten wir unsere ersten Erkundungen im für uns vollkommen neuen Reiseland mit einer Ausfahrt zum Brúarfoss. Kurze Anfahrt und ein kleiner Spaziergang vom Parkplatz aus, aber trotzdem nur sehr wenig los - genau das Richtige für den Anfang. Und ganz hübsch anzusehen ist der Wasserfall auch.


Weiter geht es zum Faxafoss mit gleichem Spiel: Vergleichsweise kurze Autofahrt, kleiner Spaziergang, sehr wenige Menschen.


Gut, so langsam haben wir uns eingegroovt und könnten wenigstens ein bisschen Bewegung vertragen. Daher nächstes Ziel: Der Strokkur Geysir. Leider wie erwartet viele Menschen. Ganze Busladungen werden hier ausgekippt. Aber sei es drum, wir schauen uns trotzdem die heißen Quellen und den Geysir an, der zuverlässig alle paar Minuten ausbricht. Nichts, was einen vom Hocker haut, wenn man schon im Yellowstone National Park war, aber eine ungewöhnlich anmutende Erscheinung in der ansonsten sehr grünen Umgebung. Die Miniwanderung auf einen Aussichtspunkt hinter dem Geysir macht aufgrund der zum Glück noch reich blühenden Lupinen und des vereinzelt aufklarenden Himmels jedenfalls Freude.




Weiter geht es zum recht bekannten Gullfoss, dem wir in Folge der Menschenmassen nur einen kurzen Blick von oben zuwerfen und uns die "Wanderung" auf überfüllten Wegen näher heran sparen.

Jetzt haben wir aber langsam genug von diesen Zielen, bei denen man nur kurz aus dem Auto springt und einen schnellen Blick darauf wirft. Die Wettervorhersage meint, es bestehe die geringe Chance, dass in den kommenden Stunden im Bergland vereinzelt die Sonne zu sehen sein könnte. Also Aussicht auf eine längere Fahrt auf Dirtroads (hier: F-Straßen), weniger Menschen und ein lohnendes Ziel mit Wanderung bei besserem Wetter? Da sind wir sofort dabei!

Also geht es über Schotterpisten nach Hveradalir, einem Geothermalgebiet im Kerlingarfjöll-Gebirge. Die Fahrt verläuft reibungslos, aber beim Verlassen des Autos bemerken wir sofort: Hier ist es windig. Und kalt. Wir kramen erstmal alle wind- und wetterfesten Klamotten zusammen, die wir dabei haben, und mummeln uns in mehrere Schichten ein. Gemütlich ist es immer noch nicht, aber zumindest erträglich. Zunächst geht es viele Stufen bergab in die braun-gelben Hügel. Wir sind anfangs so mit dem ungemütlichen Wetter beschäftigt, dass wir den Anblick gar nicht genießen können. Und es wird nicht besser: Wir gehen in Richtung Aussichtspunkt natürlich bergauf und der lehmige Untergrund ist enorm schlammig. Trotz der provisorischen Stufen sind unsere Schuhe bereits nach kurzer Zeit durch den hartnäckig daran haftenden Matsch mindestens doppelt so schwer wie üblich und wenn man auf den Stufen zu lange innehält, kommt man nicht mehr vom Fleck, weil der Lehm einen richtiggehend einsaugt. Dazu Kälte und Wind. Kurz gesagt: Es macht nur mäßig viel Spaß.

Sophia verkündet zwischenzeitlich, dass sie Island hasst und nach Hause möchte, aber die meiste Zeit müssen wir dann doch lachen über diesen Einstand in Sachen Wanderungen auf Island. Wenigstens hat man von oben eine schöne Aussicht und ganz vereinzelt kommt tatsächlich mal die Sonne raus.


Zurück am Auto stellen sich uns zwei Fragen: Warum zur Hölle habe ich mir in den vergangenen Tagen den Stress gemacht und sämtliche zu packende Kleidungsstücke nochmal gewaschen, wenn diese doch direkt nach der ersten Wanderung aussehen, als hätten wir uns im Schlamm gewälzt? Und gibt es hier überhaupt so etwas wie gutes Wetter? Zumindest auf die zweite Frage werden wir sicherlich in den kommenden 3,5 Wochen eine Antwort finden - und ich hoffe inständig, dass diese "Ja!" lautet...

Samstag, 11. Juli 2026

Tag 1 - Geplatzte Ohrhäute

Ein neues Jahr - eine neue Reise. Und dieses mal ausnahmsweise nicht nach Nordamerika, sondern in das recht nah gelegene "Land aus Feuer und Eis". Das erfordert zwar eine nur wenig elegante Anpassung des Blog-Titels, bedeutet aber auch eine dankenswerterweise kurze Fluganreise von lediglich 3,5 Stunden. Diese wiederum nutze ich für ein kulturell wertvolles Biopic über Simbas Vater "Mustafa", welches den Zuschauer leider etwas ratlos zurücklässt. "Mustafa" wurde wohl nicht König der Tiere wegen seiner Kraft und Weisheit, sondern allein wegen seiner guten Ohren... Ganz anders übrigens als Sophia, die sich routinemäßig einmal wieder darüber beschwert, dass ihre "Ohrhäute" bei Start und Landung zu spät platzen und bis dahin schmerzen würden. Nichtsdestotrotz kommen wir alle termingerecht und wohlbehalten in Keflavik an.


Von dort aus geht es zu unserem Mietwagenanbieter Lotus, der sich vor allem durch maximale Flexibilität in der Kundenverarsche auszeichnet. Schon im Vorfeld der Reise bekamen wir kurzfristig zwei E-Mails, wonach sich der vertraglich verabredete Preis leider im jeweils dreistelligen Bereich erhöhe, weil einerseits nunmehr eine Steuer dazukomme, die Lotus nicht selbst bezahlen, sondern an seine Kunden weiterreichen wolle, und man andererseits die Inhalte der Leistungspakete eigenmächtig so geändert habe, dass die wertvollen Versicherungsinhalte jetzt nicht mehr in unserem gebuchten "Platinum-Paket", sondern im aufpreispflichtigen "Premium-Plus-Irgendwas-Quatsch-Paket" enthalten seien. Im "Platinum-Paket" ist jetzt nur noch Käse statt der von uns gebuchten Absicherung im Hochland. Das überzeugt mich kaum, aber was bleibt einem groß übrig außer zahlen oder stornieren und dann kein Auto haben? An der Mietwagenstation angekommen wird uns dann wenig erfreulich ein weißer Dacia Duster mit stolzen 104.000 Kilometern auf dem Tacho und diversen Vorschäden zugewiesen, dessen Restwert weit unterhalb der von uns zu zahlenden Vier-Wochen-Miete liegen dürfte. Nachdem ich dann bei der Umschau noch weitere größere und nicht dokumentierte Schäden finde, unter anderem herausgebrochene Verblendungen, heißt es von Vermieter-Seite nur, dass das doch egal sei, weil man sich das Auto bei Rückkehr aufgrund der von uns gebuchten Pakete ohnehin nicht anschauen werde. Ob das ein erneuter Versuch, uns zu neppen, oder aber ein Freifahrtsschein ist, werden wir wohl erst am Ende der Reise erfahren.

Jedenfalls fährt sich der Dacia trotz seines Alters bemerkenswert ruhig und trägt uns zuverlässig zunächst zum Supermarkt und anschließend in unsere erste Unterkunft. Dort angekommen wird noch das erste Viertelfinale geschaut, Abendbrot gegessen und dann geht es auch schon ab ins Bett.

Samstag, 4. Juli 2026

Tag 27 - 4.732 beinahe vergessene Schritte

Nachtrag nach ca. 11 Monaten...

Sind wir doch mal ehrlich: Die Rückreise ist weder besonders schön noch spannend. Eigentlich gibt es nichts Interessantes zu berichten, aber wenn es schon zu jedem Urlaubstag einen Beitrag gibt, darf der letzte eben auch nicht fehlen. Ich halt mich kurz, versprochen!

Entspanntes Aufstehen am Morgen und ein letztes Urlaubsfrühstück bei herrlichem Ausblick genießen.

Dann Reste zusammenpacken, problemlose Fahrt zum Wohnmobilvermieter, Shuttle zum Flughafen. Klappt alles wie am Schnürchen, was einerseits schön ist, andererseits die Wartezeiten verlängert, weil eingeplante Zeitpuffer nicht benötigt werden. Wir wollen uns mal nicht beschweren und nutzen die Zeit, um uns in Ruhe von Kanada zu verabschieden.

Nach unspektakulärem Flug mit geringer Verspätung erwartet uns beim Zwischenstopp in Frankfurt die beinahe längste Wanderung des gesamten Urlaubs: Der Weg zum Gate A56. Wir brauchen genau 4.732 Schritte bis zum Gate und bezweifeln zwischenzeitlich, dass es überhaupt existiert. Aber doch, ganz am hintersten Ende des Terminals, fernab jeglicher Einkaufsmöglichkeiten und sanitärer Einrichtungen, finden wir schließlich das bereits verloren geglaubte Gate. Lediglich eine Raucherlounge hat es noch in diesen entlegenen Teil des Flughafens geschafft. Egal, wir kommen jedenfalls irgendwie in unser Flugzeug nach Leipzig und in der Folge dann auch wohlbehalten nach Hause - todmüde, aber mit unzähligen schönen Erinnerungen an unsere Kanadareise im Gepäck.

Dienstag, 5. August 2025

Tag 26 - Der (fast) perfekte Abschluss

Bestenfalls schließt ein toller Urlaub mit einem Tag, an dem alles gelingt und alles zusammenpasst. Und ein eben solcher Tag soll uns heute tatsächlich (fast) beschieden sein. Der nahezu perfekte Abschluss dieser Reise.

5:00 Uhr morgens klingelt planmäßig der Wecker. Der stockfinsteren Nacht trotzend schlüpfen wir in unsere Klamotten, machen das Wohnmobil fahrbereit und zuckeln über 26 Kilometer Gravelroad zum Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung, dem Horseshoe Tent Ridge Trail im Kananaskis Country. An der passenden Parkbucht angekommen wird nur noch fix gefrühstückt; dann schnüren wir auch schon die Wanderschuhe.

Zunächst geht es über einen recht steilen Matschepfad durch dichten Wald bis wir eine schöne Lichtung erreichen, um die sich hufeisenförmig der von uns zu besteigende Bergrücken schlingt.



Der Weg führt uns nach links und weiter die Berge hinauf zur Baumgrenze. Dort entledigen wir uns unserer Jacken, erwarten wir doch trotz der frühmorgendlichen Temperaturen bald gehörig ins Schwitzen zu kommen. Es geht nämlich nach oben. Steil nach oben. Über nur einen Kilometer Distanz wollen 300 Höhenmeter bezwungen werden. Also steigen, kraxeln und klettern wir bei immer besser werdenden Aussichten den Felsrücken hinauf.




An einer auf dem ersten Gipfel befindlichen Wetterstation wird kurz gerastet; dann geht es weiter. Immer dem Gebirgskamm folgend laufen wir zunächst wieder nach unten und an der Grenze einer Sperrzone wegen erhöhter Grizzly-Aktivität entlang. Entgegen Lisas dahingehender Befürchtungen lässt sich aber natürlich keiner der lieben Pelzfreunde blicken. Dann beginnt ein weiterer Aufstieg, der uns nochmal ein Stück höher bis zur höchsten Erhebung der Ridge führt. Schnaufend erreichen wir diese gegen 9:30 Uhr und erholen unsere müden Knochen, die zu so früher Stunde bereits 850 Höhenmeter erklommen haben. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf die Hufeisenform des Bergrückens und den darauf verlaufenden Weg!


Sodann wird weiter gekraxelt mit immer wieder tollen Ausblicken.



Auf halbem Weg zum Abstieg begegnen wir ein paar anderen Wanderern, welche wir rasch passieren. Ansonsten werden wir hier oben ganz für uns sein. So auch auf der letzten Erhebung des Bergkamms, die einen traumhaften Blick auf das Spray Lakes Reservoir offenbart.


Kaum, dass wir uns an den Abstieg machen, verdunkelt sich der Himmel und es donnert bedrohlich. Offenbar hat es sich gelohnt, dem Wetterbericht Glauben schenkend äußerst früh aufzubrechen. Eine Stunde lang quälen wir fortan Zehen und Knie auf steilen Switchbacks bergab, wechselweise die Aussicht genießend und misstrauisch den Himmel beäugend. Kaum haben wir die Baumgrenze durchschritten, kommt auch das Mückenspray noch ein letztes Mal zum Einsatz. Hier nämlich tummeln sich wieder die lästigen Mistviecher. Der letzte Kilometer wird halb rennend, halb im Stechschritt laufend überwunden, da das Gewitter nur noch wenige hundert Meter entfernt erscheint. Tatsächlich war das ein wenig übervorsichtig, aber etwa 30 Minuten nach Ankunft im Camper setzt der Regen dann wirklich ein. Wir sitzen glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt bereits im Trockenen und mümmeln fröhlich unser wohlverdientes Mittagessen.

Sodann düsen wir weitere 30 Kilometer auf dem trotz Gravel gut befahrbaren Smith-Dorrien-Trail entlang und dann dem Highway 40 folgend wieder nach Norden. Um uns herum eine traumhafte Berglandschaft, die mal in Regen, mal in Sonnenschein getaucht wird. Plötzlich huscht rechts von mir ein brauner Fleck am Straßenrand vorbei und Lisa ruft "Bär!". Mit nur wenig gutem Zureden bringe ich sie zur Kehrtwende und tatsächlich läuft dort ein gut gelaunter Grizzly am Hang entlang und knabbert Beeren. So sicher und ungestört konnten wir einen dieser Kuschelbärchen in diesem Urlaub noch gar nicht aus der Nähe beobachten. Toll!



Zumindest bis nach etwa zehn Minuten eine Rangerette erscheint und uns zur Weiterfahrt auffordert. Wo kommen die nur immer plötzlich her? Warum wissen die stets sofort Bescheid, wenn sich ein Bär blicken lässt? Sind die Bären etwa alle gechipt? Das wäre doch mal was für eine Verschwörungstheorie...

Wir fahren jedenfalls glücklich zu unserem letzten Campground, der von den "Stoney"-Indianern geführt wird. Und wie bei Indianer-Einrichtungen leider üblich, sieht hier alles verwahrlost und zugemüllt aus. Die Wege eine zerfahrene Matschlandschaft, herrenlose Hunde, die umherirren, Autoreifen, Schrott und verfallene Bruchbuden am Wegesrand, die von zerbrochenen Träumen künden. Auch die Dump-Station ist nicht mehr als ein stinkendes und müllflankiertes Loch im Boden.


Offenbar unterscheiden sich die Stoneys da in keiner Weise von den Navajos und anderen indigenen Stämmen Nordamerikas, deren Gastfreundschaft wir bereits genießen durften. Warum nur sieht es bei Indianern immer so schlimm aus? Auch dies wird für uns auf ewig ein Mysterium bleiben. 

Egal. Dessen ungeachtet haben wir nämlich von unserer Campsite einen absoluten Traumblick auf den unter uns verlaufenden Bow River und die sich dahinter erstreckenden Rocky Mountains.


Zudem lässt sich jetzt auch die Sonne wieder blicken, sodass wir endlich unsere noch immer versiffte Zeltausrüstung trocknen und anschließend draußen Koffer packen können. Guten Internetempfang haben wir hier natürlich auch, welchen wir sogleich für den Online-Check-In nutzen. Alles fügt sich wunderbar und wir sind für unsere Abreise ausgezeichnet gerüstet. Nun muss nur noch kurz der Generator angeschaltet werden, um das Laptop für seine erwartbar längere Nutzung im Flugzeug aufzuladen und....  Brbrbrbrbbrrrrrr...... Hmm, der Generator hat wohl nun leider am letzten Tag den Geist aufgegeben; auch weitere Startversuche bleiben erfolglos. Aber naja, da gibt es nun wirklich Schlimmeres. Zumindest für Lisa und mich, die ob dieses wunderbaren Tages noch immer beseelt sind. Hoffentlich kann sich Sophia dieser Meinung auch morgen noch anschließen...

Tag 25 - Nichts passiert

Ich erwache nachts gegen halb 2 und stelle resigniert fest, dass der Generator von Knatterkönig Knattattat II. nach wie vor seine unliebsamen Geräusche von sich gibt, während rundherum alles schläft. Noch während ich ihm gedanklich gehörig die Meinung geige, schlafe ich glücklicherweise auch schon wieder ein. Das nächste verschlafene Auf-die-Uhr-schielen geschieht dann gegen um 7. Die Geräusche sind unverändert, aber inzwischen ist Christoph wach. Da heute ausschlafen angesagt ist, döse ich noch ein Stündchen. Sophia schläft sogar bis 9:00 Uhr. Dann stehen wir auf und frühstücken in aller Ruhe. Und dann... Ja, dann machen wir nix. Das Wetter soll heute verregnet bleiben und wir haben unsere letzte Wanderung auf morgen verschoben. Also lesen wir, spielen und Sophia guckt ein bisschen was auf dem Laptop. Zwischendurch starren wir aus dem Fenster und verfassen Blogbeiträge und dann lesen wir wieder...

Gegen Mittag entschließen wir uns, nochmal zurück in Richtung Canmore zu fahren. Unsere Motivation: Internetempfang, um das Wetter für morgen zu checken. Unterwegs: Regen.

Da wir sowieso nichts zu tun haben, entscheiden wir uns spontan, nach Canmore reinzufahren und nochmal in der tollen Flatbread-Pizzeria von gestern zu essen. Denn das Essen war lecker, das W-LAN ist gut und ... naja ... wir brauchen ja auch irgendwas zu tun. Und allein schon für den leckeren Brownie mit Vanilleeis lohnt sich der Ausflug. 


Danach machen wir ganz entgegen unserer sonstigen Gewohnheiten noch das Zentrum von Canmore unsicher. Erst geht's in eine Fotoausstellung mit ganz tollen Naturfotografien, wobei wir uns fragen, wie viele frostige Nächte der Fotograf wohl irgendwo einsam im Hinterland mit seinem Zelt verbracht haben muss, um irgendwann mal diesen einen glücklichen Treffer mit Bär vor Polarlichtern zu landen. Macht sicherlich auch nicht immer Spaß. Uns sind die Fotos jedenfalls zu teuer, aber an andere Stelle werden noch kleine Souvenirs erworben und dann haben wir den Nachmittag auch irgendwie rumgekriegt und fahren die Schotterpiste zurück zum Campingplatz.

Und das war's dann eigentlich schon. Kurz zeigt sich am Abend noch einmal die Sonne, damit ich wenigstens ein freundliches Foto vom heutigen Tage machen kann. Dann geht es ab ins Bett, denn morgen ist ein letztes Mal (sehr) früh aufstehen angesagt.

Montag, 4. August 2025

Tag 24 - Die Rückkehr des Knatterkönigs

Viele offene Ziele stehen auf meinem Reiseplan nicht mehr. Das letzte in der Umgebung von Banff ist der Johnston Canyon, der überall als "Muss" angepriesen wird, wenn man hier unterwegs sein sollte. Also schnüren wir bereits gegen 8:30 Uhr in der Hoffnung unsere Schuhe, durch den halbwegs frühen Start den erwarteten Menschenmassen zumindest etwas aus dem Weg zu gehen.

Geklappt hat das leider nur leidlich. Der Johnston Canyon ist auch am frühen Vormittag schon vollgepackt mit Menschen. Und zwar so vollgepackt mit Menschen, dass man am ersten Aussichtspunkt ganze fünfzehn Minuten anstehen muss, um zur Fotoposition zu gelangen!


Wenn heute noch irgendetwas anderes geplant gewesen wäre, hätte ich spätestens bei Sichtung dieser Menschenschlange kehrt gemacht. So reihe ich mich stattdessen stupide ein und erlebe hautnah die zerstörerische Gewalt, die von Massentourismus ausgeht. Überall lautes Geschrei, Gedränge und Geknipse. In wie vielen chinesischen Wohnzimmern werde ich wohl bald entgeistert von der Wand hinab starren? Ein Blick von der Reling zeigt Flaschen, Bonbonpapiere, Taschentücher und Chipstüten, die das feuchte Moos der Camyonwände bedecken. "Leave only footprints" gilt ab einer bestimmten Personenanzahl nicht mehr - stattdessen wird munter der störende Abfall in der Umgebung verteilt. Der Johnston Canyon ist trauriges Opfer seiner eigenen Popularität geworden. Warum genau, ist mir nicht einmal klar: Wasserfälle ähnlich der massiv belagerten Lower Falls gibt es in der näheren Umgebung nämlich zuhauf.


Der weitere Weg zu den Upper Falls zeigt kein merklich anderes Bild. Ein paar weniger Menschen sind unterwegs; das fällt bei der Meute aber nicht allzu sehr auf. Vor Engstellen heißt es deshalb warten. Direkt am Wegesrand erleichtert sich unterdessen ein junges Mädchen.

An der Schlange zu den Upper Falls stehend spricht uns eine offenbar ebenfalls desillusionierte deutsche Familie an und fragt nach Alternativen in der Umgebung mit erträglichem Menschenzulauf. Da sie mit zwei kleinen Kindern und einem Baby in der Trage nicht allzu lange Strecken bewältigen werden können, dürfte das schwierig werden; ich schlage ihnen aber den Hector Lake und den Peyto Lake vor.

An den Upper Falls vorn angekommen dann das gleiche Bild: ein schicker Wasserfall, dessen nähere Umgebung in Müll ertrinkt... Warum gehen solche Leute nur in die Natur und bleiben nicht einfach in ihren versifften Wohnungen, wo es niemanden belästigt, wenn sie ihren Abfall auf dem dort bereits zuhauf liegenden Unrat verteilen?

Das "Instagram-Bild":


Die ganze Wahrheit:

Sophia stört das Ganze freilich nicht. Sie spaziert fröhlich voran und stellt sich dabei vor, gegen Skelette, Goblins und Schwarze Ritter zu kämpfen. Wir hingegen sind äußerst erleichtert, als wir gegen 10:30 Uhr den Johnston Canyon wieder verlassen können.

Was jetzt? Da haben wir leider keine Ahnung. Eigentlich soll es gegen Mittag anfangen zu regnen. Das "Problem": Noch ist der Himmel weitgehend blau. Also fährt Lisa erstmal weiter nach Osten, während ich versuche, bei häppchenweisem Internetempfang einen irgendwie halbwegs sinnvollen Alternativplan zu entwickeln.

Nach einer kleinen Pebbles-Mahlzeit geht es daher an den Barrier Lake, wo wir dem Prairie View Trail ein Stück weit folgen wollen. Insgesamt verläuft dieser über knapp 11 Kilometer etwa 500 Höhenmeter nach oben, weswegen ich bei spätem Start und zeitnah erwartetem Regen nicht davon ausgehe, diesen komplett zu begehen. Mit nur drei kleinen Flaschen Wasser und zwei Müsliriegeln bewaffnet pilgern wir daher los. Statt der von mir erwarteten wiederkehrenden Ausblicke auf den See erweist sich der Trail indes als stetig steiler werdender Waldweg ohne Möglichkeit, das dichte Buschwerk zu durchblicken.


Der Nachteil hiervon: Es macht wenig Sinn, den Trail nur ein Stück weit zu gehen. Der Vorteil aber: Wir kommen sehr schnell voran und finden uns daher unversehens nach einer guten Stunde kurz vor dem Gipfel wieder, wo wir endlich einen guten Ausblick auf den See haben.


Da es nun nicht mehr allzu weit bis zum Endpunkt ist, schlage ich vor, diesen auch noch anzusteuern, wofür ich zunächst allgemeinen Beifall, im Zuge der nunmehr noch steileren Wegführung aber schon bald harsche Kritik einfahre. Gleichwohl erreichen wir den Gipfel unversehrt und genießen die gute Aussicht.


Aber wirklich nur kurz. Die Wolken um uns werden immer grauer; zudem donnert es mittlerweile bedrohlich. Also flitzen wir im Stechschritt wieder Richtung Camper, wo wir nach einer knappen Stunde im leichten Nieselregen ankommen. Lisa zetert noch etwas, sie sei auf eine so anstrengende Wanderung nicht hinreichend vorbereitet worden; dann fahren wir auch schon zurück nach Canmore und lindern ihre Empörung mit leckerer Pizza sowie Brownies an Vanilleeis.

Nun heißt es nur noch eine Campsite auf dem von uns präferierten Spray Lakes West Campground zu bekommen, den wir nach fünfzehn Kilometern Gravelroad erreichen. Schon von Weitem sehen wir das "Campground Full"-Schild, fahren aber trotzdem hinein und finden eine Overflow-Area, auf der sich bisher nur drei weitere Fahrzeuge befinden. Dann campen wir eben heute hier; zurückfahren wollen wir auf keinen Fall. 

Kaum dreißig Minuten haben wir es uns gemütlich gemacht, da klopft es auch schon an der Tür. Zwei französische Mädchen ersuchen Hilfe von einem gestandenen Campingexperten wie mir beim Anlassen ihres Generators. Gentleman wie ich bin, schwinge ich mich natürlich sofort aus unserem Wohnmobil und folge ihnen zu ihrem Fahrzeug wo mich zwei weitere Damen sehnsuchtsvoll erwarten. In maskuliner Manier reiße ich selbstbewusst ein paar Verblendungen zur Seite, klicke willkürlich irgendwelche Knöpfe und murmele dabei unverständliche Fachbegriffe. Und tada... nach fünf Minuten brummt der Generator auch schon wie ein Kätzchen. Die Mädchen sind begeistert, überhäufen mich mit Küssen und stecken mir heimlich ihre Unterwäsche zu.

Mit stolzgeschwellter Brust kehre ich zurück zu unserem Camper, wo mich das vertraute Geräusch unseres heutigen Camping-Nachbarn empfängt: "Rattatatatatatata..." Hier ist er nun, der Nachfolger unseres alten Nemesis, Knatterkönig Knattattat II. mit seinem treuen Turbogenerator "Tinitus". Eine Kippe im Mund und einen Kläffer an der Leine steht er vor seinem schwarzen Pickup und lauscht andächtig den disruptiven Klängen seiner Knattermaschine, während seine Geliebte es ihm inmitten des vor ihrem Wohnanhänger ausgebreiteten Unrats gleichtut. Unterdessen fragt mich Lisa, ob sich in der von innen an das Wohnmobilfenster gepressten Melange aus Decken, Hausmüll und Kleinkindern auch eine Leiche verbergen könnte. Dem ehemaligen Knatterkönig aus den Ruby Mountains vor etwa drei Jahren steht diese Klischeefamilie jedenfalls in nichts nach. Und sie setzt sogar noch einen drauf: Während ihr Amtsvorgänger den Generator ab 23:00 Uhr ausschaltete und dann erst wieder pünktlich um 7:00 Uhr startete, lassen die neuen Platzhirsche ihre Höllenmaschine einfach konsequent die ganze Nacht hindurch laufen. Misstrauisch und ängstlich beäugen sich die umstehenden, vom Lärm gebeutelten Mit-Camper. Doch wer wäre schon tollkühn genug, Knatterkönig Knattattat II. die Stirn zu bieten?