Samstag, 1. August 2026

Tag 23 - Aber ist das noch Island?

Nach einem sättigenden Frühstück und dem abermaligen Verstauen unseres Inventars fahren wir gegen 9:00 Uhr in Richtung Westen los.

Erster Halt heute: Die Ketubjörg Cliffs. Überraschenderweise ist bei unserer Ankunft niemand sonst vor Ort und so soll es auch tatsächlich bleiben bis wir wieder gehen. Noch merkwürdiger allerdings: Es weht für isländische Verhältnisse sehr wenig Wind. Die glückliche Fügung dankbar annehmend verweilen wir ausnahmsweise etwas länger sitzend und genießen die Aussicht auf die beiden Wasserfälle, die hier in den Atlantik stürzen.



Weil sich die Küste als schick und vor allem einsam herausstellt, entschließen wir uns, anstelle der kürzeren Inlandspassage am Meer entlang zu fahren. Unterwegs stellt Sophia verblüfft fest, dass sie kein Menschenaffe, sondern ein Affenmensch sein müsse, was ich (nur) für sie bestätige. Lisa, ebenfalls darauf beharrend, ein "normaler" Mensch zu sein, stopft sich unterdessen die letzte Zimtschnecke rein.

Nach der Hälfte der Fahrtstrecke erreichen wir einen von Basaltsäulen eingerahmten Leuchtturm, schauen ein wenig zum Meer und machen ein paar Fotos. Scheinbar ist hier einfach alles aus Basalt. Wichtiger noch: Vor Ort gibt es auch ein gut gepflegtes Toilettenhäuschen (nicht im Bild).


Anschließend geht es weiter Richtung Bergárfoss, der bei Google trotz schöner Fotos schlecht bewertet ist, weil die Hälfte der Rezensenten meint, man komme wegen diesem und jenem nicht zum Trailhead. Tatsächlich kommt man ohne Weiteres hin. Man muss halt mehrere Gatter öffnen und wieder schließen; gleichwohl ist der Feldweg  ausweislich der Beschilderung eine öffentliche und keine private Straße. Einen wütend blickenden Isländer haben wir diesmal auch nicht gesehen.

Der Trail zum Bergárfoss ist nicht immer gut erkennbar, allerdings auch one-way nur eineinhalb Kilometer lang. Dann sitzen wir auch schon einsam davor, der Himmel klart auf und abermals weht kein störender Wind. Was ist heute nur los mit dem Wetter? Ist das wirklich noch Island?

Und als Breitbild-Poster:


Als letztes Ziel lockt sodann der/die/das Hvítserkur, ein markanter Doppelfelsbogen an der nordwestlichen Küste Islands. Eigentlich möchte ich meine Damen hinab zum schwarzen Strand führen, an dem sich auch Robben aufhalten sollen, aber beide verlautbaren übereinstimmend zu frösteln, kündigen mir (schon zum zweiten Mal in diesem Urlaub!) ihre Gefolgschaft auf und staksen zurück Richtung Auto. Wirklich schwierig mit diesen zwei Warmwettertouristen und Naturbanausen. Dabei weht nicht mal wirklich viel Wind - hier fährt sogar jemand mit einem Einrad rum!


So führe ich sie stattdessen in ein nahegelegenes Lokal, wo wir Hähnchensalat und frittierten Kabeljau verdrücken. Apropos Restaurants: Es heißt ja, die USA hätten keinerlei Esskultur. Island schlägt das aber wirklich noch um Längen! Fast alle Restaurants sind an Tankstellen angegliedert und haben Dönerbudencharakter. Vorne eine Theke mit Getränkedosen und Schokoriegeln, auf einer Seite ein Durchgang zu einem kleinen Lebensmittelladen, auf der anderen Seite stehen lieblos platziert ein paar Tische. Bezahlt (und häufig auch bestellt) wird an der Theke. Das ist das typisch isländische Lokal - zumindest dann, wenn man nur etwa 100,00 bis 120,00 Euro zur Beköstigung von zwei Erwachsenen und einem Kind bezahlen möchte! Italiener würden wohl verhungern, deswegen trifft man sie hier auch nicht...

Schlussendlich fahren wir noch zu unserer Unterkunft, die wir kurz nach 20:00 Uhr erreichen. Ein ungefähr vierzehn Jahre alter Junge versucht uns einzuweisen, verhält sich aber derart aufgedreht und hektisch, dass ich mich frage, ob er harte Drogen konsumiert oder nur ganz eilig zu einem Computerspiel zurückkehren möchte. Die Hütte jedenfalls ist ziemlich schick, aber etwas eng. Bald schon gelingt es mir aber, mich so auf dem Klo zu platzieren, dass ich mir keine Brandwunden mehr am daneben entlanglaufenden Heizungsrohr zuziehe.

Tag 22 - Gegen den Strom

Wie so oft richtet sich unser Tagesablauf strikt am Wetter aus. Das bedeutet heute: Erstmal ausschlafen und den Vormittag in Ruhe in unserer Unterkunft verbringen. Was sonst von den meisten Beteiligten gern angenommen wird, gestaltet sich heute ungewohnt zäh, sodass wir froh sind, als wir gegen 13:30 Uhr endlich aufbrechen können. Der morgendliche Nebel samt Regen hat sich verzogen und der Himmel hellt sich nach und nach auf.

Christoph verspricht uns einen vollgepackten Nachmittag ohne längere Wanderungen und mit steigendem Attraktivitätsgrad. Wir sind gespannt und starten nach kurzem Einkauf am Lavafeld Dimmuborgir. Auf dem Parkplatz stehen mehrere große Reisebusse und der Weg ist zum größten Teil asphaltiert. Der kleine Rundgang führt uns durch ein Feld aus bizarren Gesteinsformationen umgeben von Büschen und Sträuchern. Man kann gut nachvollziehen, warum laut isländischer Mythologie hier Elfen und Trolle leben sollen. Nach einem Blick auf das Felsentor und die Kirche geht es auch schon zurück zum Parkplatz.


Wir passieren unterwegs mehrere Gruppen aus besagten Reisebussen und schnappen Gesprächsfetzen auf. Eine Reiseleiterin erklärt den deutschen Touristen, dass es damals, als sie zum ersten Mal hier war, vor Ort noch nichts gegeben habe, da seien noch nicht einmal Wege zwischen den Formationen angelegt gewesen. Und ich denke ein wenig wehmütig, wie schön das gewesen sein muss, die eigentümliche Gegend auf eigene Faust zu erkunden, ohne Asphalt, Wegweiser und Café am Eingang. Ein älteres deutsches Paar stellt unterdessen auf dem Rückweg zum Bus fest, dass dies für heute der letzte geplante Ausstieg war. Christoph kippt beinahe aus seinen Schuhen: Es ist noch nicht mal 15:00 Uhr, endlich kommt die Sonne raus und die Bustouristen machen Feierabend? Zum Glück sind wir da ein wenig flexibler.

Weiter geht es zum nächsten Vulkangebiet. Wir werfen einen kurzen Blick in den Vitikrater mit seinem auffällig blauen See.

Wenige Meter zurück halten wir am Parkplatz für einen vier Kilometer kurzen Rundweg durch das Leirhnjúkur Lavafeld. Wieder einmal bläst uns ein ziemlich starker Wind entgegen und wir laufen leider inmitten mehrerer anderer Wanderergruppen, die alle etwa zur gleichen Zeit am Parkplatz gestartet sind. Nach wenigen hundert Metern schlagen wir daher zwei Fliegen mit einer Klappe, als wir uns entscheiden, den Rundweg entgegen dem Uhrzeigersinn zu gehen. Der Wind kommt nun immerhin von der Seite und die entgegen kommenden Touristen kreuzen jeweils nur kurz unseren Weg - schon besser! Während wir versuchen, "Stadt, Land, Fluss" im Kopf zu spielen, durchstreifen wir das Lavafeld, das ein ziemlich unwirkliches Bild abgibt. Auf der einen Seite langgezogene, schwarze Schlackeströme, auf der anderen Seite teils begrünte Hügel und bräunliche Berge, aus denen hin und wieder heißer, schweflig-riechender Dampf dringt.



Zum Höhepunkt des Tages machen wir uns nun noch auf den Weg zum Aldeyjarfoss. Hierzu geht es über eine lange, aber sehr gut befahrbare Schotterstraße und zum Schluss durch zwei Gatter und entlang einer nicht mehr ganz so schnell, aber zumindest einfach befahrbaren Dirtroad. Das Ergebnis der "schwierigen" Anfahrt zeigt sich dann sofort am Parkplatz: Nur ein weiteres Auto ist vor Ort! Die Sonne scheint auch - da kann ja nichts mehr schief gehen, oder? Leider muss man in Island aber immer mit Wind rechnen und davon gibt es am Wasserfall mal wieder mehr als uns lieb ist. Sophia möchte am liebsten sofort wieder umdrehen und im Auto warten. Wir quälen uns die paar hundert Meter bis zum Wasserfall und sind gleichermaßen entzückt und enttäuscht: Der Wasserfall mit den zu beiden Seiten aufragenden Basaltsäulen sieht einfach genial aus!



Aber der Wind... Der Wind pfeift dermaßen über die Hügel, dass man sich genau überlegen muss, wo man sich für ein szenisches Foto platziert - bloß nicht zu nah am Rand, denn man weiß nie mit Sicherheit, ob man der nächsten Böe standhalten kann. An eine gemütliche Pause und wirkliches Innehalten und Genießen ist schon gar nicht zu denken. Daher bleibt es bei einem sehr kurzen Verweilen, bevor wir uns zurück zum Auto kämpfen. Uns fällt dieses Mal besonders auf, wie wir uns alle erst wieder entspannen, als wir im stillen Wagen sitzen. Der starke Wind löst durch den permanenten Lärm und das ständige Dagegenhaltenmüssen eine richtige Stressreaktion in uns aus. Sehr schade, es sah so toll aus, aber wie so oft in Island braucht man einiges an Wetterglück (oder stahlharte Nerven), um den Ausblick in aller Ruhe genießen zu können.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft halten wir noch kurz am Goðafoss, einem bekannten Touristenhotspot, an dem um diese Uhrzeit wie erhofft nicht mehr viel los ist.

Somit haben wir den sonnigen Nachmittag und Abend ausgiebig genutzt und kehren zufrieden in unsere Unterkunft zurück. Wobei, eine Sache gibt es noch zu tun: Die beiden Fohlen auf der Koppel vor dem Haus müssen selbstverständlich beim abendlichen Toben beobachtet werden - da sind sogar Kälte und Wind plötzlich Nebensache.

Donnerstag, 30. Juli 2026

Tag 21 - Der irgendwie anders schöne Tag

Heute ist er nun endlich da. Der meteorologisch seit Langem angekündigte Regentag. Entsprechend eigentümlich fällt das Reiseprogramm aus.

Nach morgendlichem Zusammenraffen sämtlichen Equipments aus der nunmehr ehemaligen Unterkunft in Egilsstaðir steuern wir voll beladen zunächst den Parkplatz zum Dettifoss, Europas wasserreichstem Wasserfall, an. Das Wetter ist... nunja... eher bescheiden. Das führt allerdings dazu, dass Lisa erstmals während dieser Reise ihren spektakulären Regenponcho auspackt, was sich als ausnehmend unterhaltsam erweist. Das Billig-Ding aus Fernost ist, zumal auf einer Seite auch noch die Knöpfe fehlen, derart lawede, dass es im Wind permanent um Lisa herumkreiselt, immer nur dort baumelt, wo der Regen gerade nicht hinprasselt und die wenigen aufgefangenen Tropfen dann auch noch zeitnah an seine Trägerin weiterleitet, indem es sich von außen nach innen kehrt. Außerdem sieht man darin aus wie eine Mischung aus Ku-Klux-Klan-Mitglied und gerupftem Gespensterhuhn. Diese Investition hat sich also wirklich bezahlt gemacht! Achja, der Wasserfall. Den haben wir gesehen - war aber nicht allzu dolle. Besonders wasserreich heißt halt nicht zwingend besonders schön.



An der Tür der Toilette am Parkplatz dann wieder einer dieser allgegenwärtigen Marketing-Sticker für Baden-Württemberg, die wir schon an der Südküste mehrfach gesehen haben. Wer reist hier mit einem ganzen Stapel solcher Aufkleber entlang der isländischen Ringstraße? Cem, bist du es?


Nach dem kurzen Spaziergang zu den Wasserfällen reicht es uns für heute mit Outdoor-Aktivitäten ohne schützenden Unterstand. Daher beschließe ich einstimmig, den Nachmittag in einem weiter westlich gelegenen und daher hoffentlich regenärmeren Streichelzoo nahe Akureyri zu verbringen. Die Idee dahinter war eigentlich, hauptsächlich Sophia eine Freude zu machen. Als ich wenig später Lisas leuchtende Augen im Kätzchen-Spielbereich sehe, bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, wen von beiden meine Entscheidung nun glücklicher gemacht hat.



Ich wiederum habe hier tatsächlich einmal die Möglichkeit, eine dieser eher unheimlich aussehenden Nacktkatzen zu streicheln. Das habe ich mich schon länger gefragt, wie sich das wohl anfühlt. Antwort: Überraschend angenehm.


Schließlich gibt es vor Ort neben zahlreichen Hoftieren...



...auch Polarfuchswelpen zu beschauen, die tatsächlich äußerst niedlich sind. Streicheln darf man sie natürlich nicht.


Und zum Abschluss gönnen wir uns im rustikal eingerichteten Café des Streichelzoos auch noch heiße Schokolade, Waffeln und Brownie-Kuchen, was alles überraschend köstlich ausfällt.


Danach geht es in unsere neue Unterkunft, die sich als sehr gepflegt und gut ausgestattet erweist. Insgesamt also wider Erwarten trotz Regenwetter ein überraschend schöner und vor allem erholsamer Tag. Trotzdem würde ich mir für morgen dann doch wieder etwas Sonne wünschen.

Mittwoch, 29. Juli 2026

Tag 20 - Wiedergutmachung

Heute dürfen wir ausschlafen - juhu! Natürlich ist Christoph trotzdem schon früh wach und versucht ganz unauffällig, mich durch ständiges Hin- und Herwälzen und späteres Durch-die-Wohnung-schleichen zu wecken. Wer nicht weiß, wie "gut" Christoph schleichen kann, der stelle sich eine panisch flüchtende Elefantenherde vor. Gut, vielleicht ist das ein bisschen übertrieben, aber so oder so ist er nach einer Weile erfolgreich und wir finden uns alle beim Frühstück ein. Ein Regentag war vorhergesagt und wir haben uns darauf eingestellt, im Zweifel den gesamten Tag im Haus zu verbringen. Natürlich ist allen Beteiligten klar, dass das nur die Notlösung ist, falls gar nichts anderes geht. Entgegen der Vorhersagen der vergangenen Tage gibt es aber dann doch Alternativen. Zwar nur bei bedecktem Himmel, aber immerhin. Es braucht nicht viel Überredungskunst, um uns ins Auto zu lotsen - selbst Sophia ist bei der Aussicht auf einen wenig anstrengenden Halbtagesausflug motiviert.

Also geht es wieder mal eine gute Stunde auf die Straße in Richtung Wasserfallwanderung. Es dauert nicht lange, da kommen kurz Zweifel auf, ob wir unser Ziel erreichen werden. Vor uns auf der Straße steht ein langer Reisebus quer und sitzt vor den Hinterrädern auf.

Wie er das wohl geschafft hat? Ein missglücktes Wendemanöver? Wir haben jedenfalls Glück und können ihn dank einer Einfahrt knapp umrunden. Zum wiederholten Male sind wir froh, dass wir nicht mit einer kommerziellen Tour unterwegs sind, nachdem wir vor einigen Tagen auf einer Dirtroad bereits einen großen Jeep eines Touranbieters im Straßengraben liegen gesehen haben.

Für uns geht es weiter in Richtung Wanderung, zunehmend verblüfft über das helle Blau, das wir zwischen harmlosen weißen Wolken in alle Richtungen am Himmel erspähen. Eigentlich sollte es bedeckt sein und am Nachmittag regnen. Gut gelaunt starten wir daher nach kurzen Wegfindungsschwierigkeiten unsere Wanderung entlang des Laugarfell Waterfall Circle. Zunächst geht es über grüne Wiesen, die an besonders schlammigen Stellen mit langen Holzstegen überbaut sind.



Nach kurzer Zeit kommen wir an einer Schlucht an und bestaunen den ersten Wasserfall, den Kirkjufoss.


Heute früh dachten wir noch, wir würden Probleme haben, den Tag in unserem Apartment rumzukriegen, und nun sitzen wir hier allein bei bestem Wetter an einem wunderschönen Wasserfall. Island hatte wohl noch etwas wiedergutzumachen...

Weiter geht die Wanderung an der Schlucht entlang, mit wiederkehrenden Ausblicken auf den blauschimmernden Fluss.


Natürlich nennt sich der Trail nicht umsonst Waterfall Circle. Immer wieder erblicken wir Wasserfälle, die sich von den Klippen in die Schlucht hinabstürzen. Wobei, eigentlich rieseln sie aufgrund des augenscheinlich niedrigen Wasserstands eher nach unten, sehen aber dennoch schick aus. Am Ende kommen wir nochmal an ein besonders schönes Fleckchen, an dem wir eine Pause einlegen.

Als Panorama:

Wobei diese Sache mit den wohlverdienten Pausen am Zielort der Wanderung das größte Problem für uns in Island ist: Meist ist es einfach zu kalt, um sich wirklich auszuruhen und in Ruhe den Ausblick zu genießen. Selbst heute bei Sonnenschein und wenig Wind reicht die Zeit gerade mal, um schnell unsere geschmierten Brote zu verzehren, bevor wir uns erneut auf den Weg machen, um nicht zu frieren. Noch ein schneller Blick auf den Stuðlafoss Waterfall ...


... und schon geht es zurück zum Parkplatz, wo wir uns nach knapp drei Stunden und acht Kilometern glücklich auf die Sitze unseres Autos fallen lassen. Wer hätte gedacht, dass uns der heutige Tag einen so sonnigen Ausflug beschert? Dass die Bewölkung mittlerweile deutlich zugenommen hat, kann uns nun egal sein.

Wir belassen es für heute bei diesem überraschend schönen Erlebnis und kehren in unsere Unterkunft zurück. Immerhin hatten wir Sophia eigentlich einen Gammeltag angekündigt, der nun wenigstens am Nachmittag noch als solcher genutzt werden darf. Nach einiger Zeit gemütlichen Nichtstuns fahren wir noch einkaufen, tanken und gönnen uns zum Tagesabschluss eine köstliche Pizza gefolgt von weiterem Faulenzen.

Dienstag, 28. Juli 2026

Tag 19 - Timing

Es ist tief in der Nacht, der Montag hat gerade begonnen, alles schläft. Nur ein einsamer Mittdreißiger wischt noch beflissen an seinem Mobiltelefon die Wetterseiten in dem Bemühen hin und her, mehrtägiges Drinnen-Hocken durch ein gewagtes Planungskunststück zu verhindern. Zunächst ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen: Arktische Strömungen drängen unverändert Richtung Island und bringen Wolken, Niederschlag und eisige Temperaturen für den Nordosten der Insel mit sich.

Gegen 0:30 Uhr ändert sich die Witterungsprognose geringfügig, aber für uns wesentlich. Die Großlage bleibt erhalten; in der Überlappungszone zwischen nördlichem und südlichem Wirbel soll aber im Bereich um Bakkagerði gegen Mittag ein wenige Kilometer breiter Streifen ohne Bewölkung und mit wenig Wind entstehen. Reicht das für einen schönen Ausflug?

Eine Überprüfung am nächsten Morgen lässt die Hoffnung wachsen. Der prognostizierte Streifen klaren Himmels ist nun noch etwas breiter; im Gebiet um Bakkagerði soll die dichte Wolkendecke kurz vor 12:00 Uhr aufreißen und sich gegen 16:00 Uhr wieder schließen. Und welche Wanderung befindet sich dort? Eben die nach Stórurð, welche gestern am störrischen Protest meiner Begleiter scheiterte!

Erfreut teile ich meine neuen Erkenntnisse mit Lisa. Sie zieht sich sofort die Bettdecke über den Kopf. Als ich Sophia am Frühstückstisch von der nun für heute angesetzten Wanderung erzähle, bricht diese sogar in Tränen aus. Ich hätte ihr doch versprochen, dass heute nichts anstehen würde. Was ist mit den Frauen in dieser Familie nur los?

Aber es hilft kein Klagen und Murren. Gegen 9:30 Uhr machen wir uns auf den Weg und erreichen circa 10:30 Uhr den Trailhead. Etwas zu früh für meinen Geschmack. Also hören wir noch ein bisschen "Harry Potter" - mittlerweile sind wir bei "Der Gefangene von Askaban" angekommen - und springen erst gegen 11:00 Uhr aus dem Auto. Der Plan ist klar: Zwei Stunden hin, eine Stunde dort, zwei Stunden zurück. Die Sonnenstrahlung dürfte dann hoffentlich verhindern, dass meine notorisch frierenden Damen trotz maximal acht Grad Celsius bibbernd die Mundwinkel hängen lassen. Ohnehin haben sich die beiden wieder in unzählbar viele Schichten Kleidung gehüllt. Lisa kommt mir mittlerweile wie eine dieser russischen Matroschka-Puppen vor: Egal wie vieler Kleidungsstücke sie sich entledigt, es ist immer noch ein weiteres darunter. Ich dagegen gehe wie stets bei kühler Witterung mit nur einer (!) Hose sowie T-Shirt, Fleecejacke und dünner Funktionsjacke.

Wir sind erst fünf Minuten auf dem wunderbar angelegten Trail unterwegs, da bricht bereits das erste Mal die Sonne zu uns durch. Die Wiesen strahlen, die Bäche plätschern, die Schafe blöken und uns begleitet schon bald ein steter Wechsel aus Vollsonne und leichter Schleierbewölkung. Außer einem etwas älteren Pärchen ein ganzes Stück weiter vorn ist sonst niemand hier. Die Ausblicke werden mit den zurückgelegten Höhenmetern immer besser.


Am Pass angekommen überholen wir das Paar vor uns. Bald schon sehen wir auch unser heutiges Ziel - lediglich ein Schneefeld und ein recht steiler Abstieg harren noch der Bewältigung.


Vorsichtig überwinden wir diese letzten Hindernisse und tauchen dann in die Welt der zusammengewürfelten Felsbrocken ein.



Mit Sicherheit das Highlight hier: Der kristallklare See im östlichen Bereich, wo wir eine wohlverdiente längere Pause machen.




Als Panorama:


Zwanzig Minuten dürfen wir den See ganz allein genießen, dann treffen weitere Besucher ein, für die wir unseren Premium-Platz räumen. Ohnehin müssen wir uns auf den Rückweg machen; als wir den Steinen den Rücken kehren, ist es bereits 14:20 Uhr. Also kämpfen wir uns den Abhang unter den lieblichen Klängen einer motivierenden Version von "Mach die Robbe", interpretiert von Sophia L., wieder hinauf, überqueren den Pass und stolpern auf der anderen Seite die Hügelkette wieder hinab.



Meine Aufgabe für den Abstieg: Eine Geschichte ausdenken und je Kapitel fünf Wörter einbauen, die Sophia mir vorgibt. Das klappt zunächst ziemlich gut. Zum Abschluss schlage ich daher vor, aus den letzten fünf Begriffen sowohl ein schlechtes als auch ein gutes Ende zu ersinnen, was begeistert aufgenommen wird. Entsprechend erzähle ich zunächst das schlechte Ende (Prinzessin wird nach fairem Prozess hingerichtet und hinterlässt ihren weinenden Raupenfreund), dann das Happy End (alle glücklich und zufrieden unter Missachtung der geltenden Rechtslage). Nur wenige Minuten danach bricht Sophia in heftiges Schluchzen aus und kann sich erst kurz vor Erreichen des Autos wieder einigermaßen beruhigen. Dass die arme Prinzessin in der ersten Version einen grausigen Tod erlitten hat, belastet sie offenkundig sehr, auch wenn das aus meiner Sicht durchaus folgerichtig und gerecht war, hat die unbelehrbare Edelfrau doch bewusst ein Delikt begangen, als dessen Strafe zu ihrer Kenntnis allein der Tod bestimmt war.

Kaum sind wir im Dacia verstaut, zieht der Himmel vollends zu. Die kurze Zeit des Sonnenscheins ist vorüber; wir haben sie optimal genutzt. Der Rest des Tages geht für Duschen, Essen machen und Chillen drauf. Im Bett liegend weint Sophia nochmal kurz wegen der schlimmen Sache mit der Prinzessin bevor sie selig einschläft. Ich sollte es wohl zukünftig lieber beim Happy End belassen.