Donnerstag, 16. Juli 2026

Tag 8 - Kein Geknatter

Wie angekündigt weckt Christoph uns heute um 06:30 Uhr. Und wie angekündigt scheint wirklich die Sonne. Es ist unser fünfter Tag in dieser Unterkunft und zum ersten Mal seit unserer Ankunft regnet es nicht, während wir uns hier aufhalten. Ich bin so aus dem Häuschen, dass ich erstmal raus renne, um dieses besondere Ereignis fotografisch festzuhalten.

Für weitere Spielereien bleibt allerdings keine Zeit, denn die Wettervorhersage gibt mal wieder einen engen Zeitplan vor. Wir wollen das kurze sonnige Zeitfenster am Vormittag für die kleine Wanderung zum Háifoss nutzen, die wir vor wenigen Tagen aufgrund des ungemütlichen Wetters verschoben hatten. Also schnell gefrühstückt, Sachen gepackt und die eine Stunde zum Startpunkt gefahren.

Bei unserer Ankunft die nächste Überraschung: Wir sind tatsächlich mal allein! Vielleicht sollten wir unseren Tagesrhythmus doch nochmal überdenken und in Zukunft morgens eher starten. Einer Person in unserer Runde käme das ja durchaus entgegen... Egal, jetzt heißt es erstmal Mützen auf, Wanderstöcke geschnappt und auf geht's. Um uns herum zeigt sich bereits blauer Himmel, lediglich in der Schlucht zum Wasserfall hängen noch einige graue Wolkenfetzen. Die verziehen sich aber bestimmt bald.

Die Wanderung ist herrlich. Zunächst geht es über grüne Hügel, bevor wir in die Schlucht zum Wasserfall hinabsteigen.

Pünktlich zur Ankunft am Háifoss kämpft sich endgültig die Sonne durch und zaubert uns sogar einen Regenbogen. Wer im folgenden Bild genau hinschaut, erkennt Christoph im hellgrauen T-Shirt für einen Größenvergleich.

Wir gönnen uns eine verdiente Pause und genießen den tollen Anblick dieses beeindruckenden Wasserfalls. Natürlich darf auch ein weiterer Spaziergang am Háifoss vorbei zu seinen Nachbarn, u. a. dem Grannifoss, nicht fehlen.

Wirklich ein wunderschöner Ausflug. Wir können unser Glück kaum fassen: Bestes Wetter und wir sind tatsächlich die ganze Zeit allein da unten. Da ist es auch halb so schlimm, dass Christoph zwischendurch mal kurzzeitig die Videokamera verliert; sie ist zum Glück schnell wieder gefunden. Erst als wir uns auf den Rückweg begeben, kommt uns ein erster einzelner Wanderer entgegen. Je weiter wir uns jedoch wieder in Richtung Parkplatz bewegen, desto mehr verschwindet die Sonne und desto mehr Menschen begegnen uns auch. Als wir schließlich wieder am Ausgangspunkt ankommen, tummeln sich schon reichlich Touristen dort und die Sonne hat sich wieder hinter dicken Wolken versteckt. Da haben wir doch wirklich alles richtig gemacht. Ein Hoch auf unseren unermüdlichen Reiseleiter und Wettervorhersagenchecker Christoph, der uns dieses Erlebnis ermöglicht hat (und auf die Wetterseiten selbst, die dieses Mal fast auf die Minute genau Recht behalten haben).

Nun ist es gerade mal 11:00 Uhr und was die Erkundung Islands betrifft, haben wir für heute bereits das einzige To-Do auf unserer Liste abgehakt. Da unser Brotvorrat schon wieder zur Neige geht und wir den Rest des Tages ja auch noch irgendwie sinnvoll nutzen wollen, machen wir einen Umweg nach Selfoss, wo wir im Krónan unsere Vorräte auffüllen. Nachdem Sophia und Christoph seit Tagen von nichts anderem als der Knattercola reden, findet diese nun heute doch noch den Weg in unseren Einkaufswagen. Auch wenn ich ein bisschen Angst habe, was dann genau "knattert", wenn man dieses Zeug vertilgt...

Anschließend gehen wir noch lecker im Restaurant essen, wobei meine beiden Mitreisenden sich die Wartezeit damit vertreiben, zu üben, wie man die Kellnerin auffordernd anschaut, damit sie an unseren Tisch kommt.

Ich bin hin und her gerissen, ob ich vor Lachen vom Stuhl fallen oder vor Scham im Boden versinken soll... Das Essen war jedenfalls lecker und wir wurden auch überraschenderweise nicht des Restaurants verwiesen. Also ab zurück in die Unterkunft, wo wir den Tag in aller Ruhe ausklingen lassen und Vorbereitungen für eine besondere Wanderung am morgigen Tag treffen. Achso, und die Knattercola muss natürlich noch verkostet werden! Vielleicht eignet sie sich ja als Antrieb, um morgen den Berg hinauf zu knattern, bevor einem die Puste ausgeht? Aber nein, leider (oder vielleicht doch: zum Glück) knattert da nichts beim oder nach dem Essen. Ist wohl auch besser so...

Mittwoch, 15. Juli 2026

Tag 7 - Besser als Mittelerde

Schon der Name unseres heutigen Zielareals dürfte ob seines epischen Klangbilds selbst J. R. R. Tolkien vor Ehrfurcht verstummen lassen. Tja Alter, geh' mir nach Hause mit Mordor, Númenor und Moria; jetzt kommt...


Badadabammmmmmmm!

Okay, okay, eigentlich handelt es sich dabei nur um einen erloschenen Vulkan in der Nähe unserer Wanderung, aber wie cool klingt das denn? Entsprechend versehen wir während unseres Ausflugs heute auch beständig neue Kleingebiete mit monumentalen Begrifflichkeiten. So befindet sich etwa gleich am Anfang das legendäre Pullerloch von Krakatindur™!

Aber genug davon.

Nicht Krakatindur, sondern der/die/das Rauðufossakvísl ist unser heutiges Ziel, ein Bachlauf mit eigentümlich roter Farbgebung aufgrund seines hohen Eisengehalts. Vielversprechend starten wir die Wanderung im isländischen Hochland ganz allein und bei schönem Sonnenschein. Angekündigt war ein solches Wetter nicht, umso zufriedener sind wir aber.



Dank meiner gestern perfektionierten Stocktechnik überwinden wir die ersten Kilometer wie im Fluge und finden uns schon bald am Rauðufossar wieder - einem recht hohen Wasserfall auf rotem Grund. Schick.


Dann geht es weiter nach oben, denn wir wollen heute das sagenumwobene Geheimnis der blutroten Flüsse von Krakatindur™ lüften. Entsprechend folgen wir dem Bachlauf über Stock und Stein und Schnee und Eis. Auch ein breiter Zufluss muss gekreuzt werden, was dank eleganter Sprungtechnik trockenen Fußes gelingt. Mit der Zeit wird der Wind immer stärker, aber auch der Strom immer roter. Zum Ende hin reihen sich mehrere Wasserfälle aneinander und da ist dann auch der Ursprung allen rotwässrigen Seins, das Rote Auge von Krakatindur™!

Ja gut, das Ding heißt nur Rauðauga, aber es ist tatsächlich die Quelle des/der Rauðufossakvísl und sieht wirklich super aus! Zeit für ein Päuschen bei Brot und Müsliriegel. Aber nur kurz; hier stürmt es doch schon wieder recht unangenehm. Daher brechen wir bald wieder auf und ich klappere mit meinen Stöcken wieder Richtung Trailhead. Erstmals auf dem Rückweg treffen wir auch andere Wanderer, die jedoch nicht so ein Wetterglück wie wir haben. Der Himmel verdunkelt sich nämlich zusehends. Also legen wir einen Zahn zu, um unser Fahrzeug möglichst trocken zu erreichen. Zwischenzeitlich gilt es zu raten, was Sophia mit einem Weihnachtsfilm namens "Die Goppel Moppels" nur meinen könnte (Es war "Die Muppets Weihnachtsgeschichte").

Kaum in den Dacia eingestiegen beginnt es auch tatsächlich zu regnen. Und das natürlich umso heftiger je näher wir unserer Unterkunft kommen, die offenbar im langjährigen Epizentrum des isländischen Mistwetters liegt. Aber egal - heute haben wir es doch tatsächlich geschafft, die kurze Schönwetterphase optimal auszunutzen. Und in unserer warmen Unterkunft kann es uns herzlich egal sein, dass draußen einmal mehr kein menschenwürdiges Leben mehr möglich ist.

Tag 6 - Wasser überall

Beim Aufwachen heute Morgen zeigt sich vor unserer Unterkunft das altbekannte Bild: Regen und Wind. Wieder einmal besteht die Tagesaufgabe also darin, einen wenn schon nicht sonnigen, dann doch wenigstens trockenen Flecken auf der Regeninsel zu finden. Angeblich könnte es mit einer Wanderung in Þakgil klappen, also schwingen wir uns nach dem Frühstück ins Auto und fahren etwa zwei Stunden nach Südosten. Zwischenzeitlich klart das Wetter zwar tatsächlich ein wenig auf. Je mehr wir uns jedoch der Küste nähern, desto wolkiger und nebliger wird es. Als wir schließlich auf die Dirtroad zum Ziel abbiegen, umgibt uns recht dichter Nebel, der es unmöglich macht, die Kuppen der umliegenden Hügel auszumachen. Wir fahren die 14 Kilometer lange Dirtroad etwa bis zur Hälfte, doch das Wetter bessert sich kein bisschen. Da die Wanderung auch mit schönen Ausblicken aufwarten soll, macht das bei diesem Wetter natürlich wenig Sinn und wir sparen uns das lieber für einen schöneren Tag auf. Also doch Plan B: Kurze Pullerpause im Hinterland und ab zurück auf die Hauptstraße in Richtung kleinerer Ziele, die uns nicht ganz so wichtig sind, dass wir dafür unbedingt gutes Wetter brauchen.

Zunächst kurzer Zwischenstopp am Black Sand Beach, an dem sich mal wieder jede Menge Touristen tummeln. Wenn man sich ein bisschen von den charakteristischen Basaltsäulen entfernt, kann man jedoch einen halbwegs ungestörten Strandspaziergang machen.



Als nächstes stehen mal wieder Wasserfälle auf dem Plan. Die Einfahrt zum sehr touristischen Skógafoss lassen wir erstmal links liegen und fahren ein paar hundert Meter weiter zum Parkplatz vor dem Kvernufoss. Auf dem kurzen Spaziergang zum Wasserfall fällt uns wieder auf, was wir schon in den vergangenen Tagen häufiger beobachtet haben: Alle anderen Touristen gucken hier immer sehr griesgrämig und sprechen auch kaum miteinander. Daran, dass man sich hier gegenseitig nicht grüßt, wie wir es sonst von Wanderungen in Nordamerika kennen, haben wir uns ja inzwischen gewöhnt. Aber warum gucken die alle so unglücklich? Liegt es am Wetter? An der nordischen Mentalität? Sind sie enttäuscht von den jeweiligen Zielen? Wir werden das weiter beobachten, aber bestimmt 95 Prozent der uns entgegen kommenden Wanderer haben ganz offensichtlich keinen Spaß an ihrem Ausflug.

Wir allerdings schon, weswegen wir (wenn auch nur kurz) den Kvernufoss bestaunen.


Der Vollständigkeit halber statten wir auch dem Skógafoss noch einen Besuch ab, aber der ist nicht ganz nach unserem Geschmack - einfach zu viele Menschen.

Wir brauchen wohl doch wieder Ziele abseits der Hauptstraßen. Also geht es weiter in Richtung einer Dirtroad, an der weitere Wasserfälle auf uns warten. Kurz vor Ende des Asphalts begegnet uns allerdings mal ein ganz neues Hindernis: Pferde an und auf der Fahrbahn. Etwa 10 Reiter schicken sich an, schätzungsweise 40 freilaufende Islandpferde zur nächsten Weide (so zumindest unsere Vermutung) zu treiben. Leider läuft ein Teil links und ein Teil rechts der Fahrbahn. Mittendrin statt nur dabei natürlich Spirit, der dumme Mustang: Immer kurz bevor alle Pferde auf einer Seite sind, schert er aus und rennt wieder auf die andere Seite der Straße.


Kaum haben wir dieses Hindernis hinter uns gelassen, fällt Christoph ein, dass wir vielleicht im weiteren Verlauf einen Fluss durchqueren müssen. Zunächst nehme ich an, dass er von der Wanderung spricht, aber kurze Zeit später wird mir klar, dass er damit eine Flussdurchfahrt meint. Darauf war ich mental heute noch gar nicht eingestellt. An der ersten Stelle haben wir das Glück, dass uns direkt ein Fahrzeug entgegen kommt und wir so schauen können, wie tief es ist. Sieht machbar aus. Also nochmal kurz die Basics wiederholt (4x4, erster Gang, gleichmäßig Gas geben, nicht anhalten) und auf geht's! Klappt zum Glück problemlos. Die zweite Flussquerung ist mir dann für den ersten Tag allerdings zu heikel, sodass wir einen Wasserfall auslassen und uns stattdessen ein Stück die Straße zurück zum Nauthúsafoss begeben. Hier am Parkplatz bieten sich uns unglaubliche Bilder: Der Nebel hat sich verzogen und tatsächlich lässt sich die Sonne blicken! Damit haben wir heute gar nicht mehr gerechnet und genießen den kurzen Weg zum Eingang der Nauthúsagil-Schlucht, an deren Ende sich der Wasserfall versteckt. Der Weg dahin macht richtig Spaß: Von Stein zu Stein und von einem Ufer zum anderen hüpfen wir durch die Schlucht und versuchen, trockenen Fußes deren Ende zu erreichen. Zwischenzeitlich müssen wir sogar an Ketten die Felswände hinaufklettern.


 
Schlussendlich schaffen wir es alle bis zum Wasserfall, auch wenn nur zwei von uns noch komplett trockene Füße haben.

Ein gelungenes Abenteuer! Auch auf dem Rückweg zum Auto begleitet uns noch die Sonne.


Wie besonders das ist, wird uns erst so richtig klar, als wir kurze Zeit später wieder von der Dirtroad auf die Hauptstraße abbiegen und uns erneut dichter Nebel und Nieselregen begrüßen. Wasser hatten wir heute also in fast allen erdenklichen Formen - von Regen und Nebel über das Meer und Flüsse bis hin zu Wasserfällen. Ab morgen dann bitte auch mehr von der Sonne!

Dienstag, 14. Juli 2026

Tag 5 - Landestypische Küche

Tja. Heute hat es in ganz Island bei starkem Wind und Nebel geregnet. Also nix mit wandern und erkunden. Wer mir bei solcher Witterung mit der ebenso scheinheiligen wie unsinnigen Plattitude "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung" daherkommen will, den mag doch bitte ein vom Sturm mitgerissenes Islandpferd erschlagen. Ganz ehrlich: Wer mit klarem Verstand hat denn ernsthaft Spaß daran, sich in klatschnassen Klamotten stundenlang bei zehn Metern Sichtweite Wasser ins Gesicht blasen zu lassen?

Zur Vermeidung eines Lagerkollers fahren wir gegen Mittag nach Reykjavik. Dort kaufen wir ein paar Wanderstöcke zur Entlastung meiner Knie, schauen uns die recht bekannte Hallgrimskirche an und kehren schließlich in eine typisch isländische Schankwirtschaft ein... 



Anschließend stocken wir noch unsere knapper werdenden Vorräte auf, wobei uns erneut die interessante Produktauswahl erfreut.



Und viel mehr ist auch tatsächlich nicht geschehen. Na gut, es gab später noch Buchstabensuppe zum Abendbrot. Und ich musste eine Stunde mit Sophias selbst gebastelter Papierfamilie spielen. Und ich habe Trockenübungen mit meinen neuen Stöcken gemacht. Ach lieber Wettergott, lass doch bitte morgen wieder etwas Sonne zu uns durch...

Tag 4 - Running up that hill

Heute steht uns der erste Unterkunftswechsel bevor. Also erstmal all' unsere Habseligkeiten zusammensuchen und gleichermaßen platzsparend und gut sortiert verstauen. Wir überlegen kurz, ob wir abwarten sollen, bis der alles durchdringende Nieselregen nachlässt, um alles trocken ins Auto zu bekommen, verwerfen diese Idee aufgrund ihrer Aussichtslosigkeit aber schnell wieder und stürzen uns frohgemut in das typisch isländische Wetter aus Wind und Regen - wir sind eben schon voll angepasst an die hiesigen Verhältnisse.

Wobei, ehrlicherweise können wir uns längere Wanderungen bei dieser Witterung noch immer schlecht vorstellen, weswegen wir heute mal wieder ein paar Umwege in Kauf nehmen. Gegen Mittag steigen wir nach längerer Fahrt aus unserem Gefährt, um uns am Sigöldugljúfur Canyon ein wenig die Beine zu vertreten. Das türkisfarbene Wasser bildet einen tollen Kontrast zu dem dunklen Gestein. Die vielen Wasserfälle und die moosbewachsenen Hänge komplettieren das Bild einer sehr lebendigen Schlucht inmitten der Einöde. Nur die Sonne fehlt leider.


Nach einem entspannten Spaziergang am Canyonrand entlang machen wir einen Zwischenstopp an der gestern bereits besuchten Tankstelle, um uns im angeschlossenen Restaurant ein Mittagessen zu gönnen. Wenig überraschend trauen wir uns nicht an typisch isländische Speisen heran, sondern bleiben bei den altbewährten Pommes - wahlweise nur mit Ketchup oder mit Burger dazu.

Als nächster Halt auf dem Rückweg steht mit dem Háifoss mal wieder ein Wasserfall auf dem Programm. Leider zeichnet sich schon auf dem Weg dahin ab, dass die versprochene Wetterbesserung hier wohl nicht eintreten wird. Was umso ärgerlicher ist, da auf dem Hinweg am Vormittag hier ein ganz klein wenig Sonnenschein zu erahnen war - allerdings war für den Nachmittag noch weiter aufklarender Himmel vorausgesagt, was sich nun leider als Fehlinformation herausstellt. Vor Ort begrüßen uns der altbekannte Nieselregen und vor allem starker Wind. Da der Wasserfall selbst und vor allem der Wanderweg dahin einen guten Eindruck machen, belassen wir es bei einer kurzen Fotosession vom Aussichtspunkt aus und heben uns die vielversprechende Wanderung für einen anderen Tag auf.

Was nun? Wir müssen improvisieren und nach intensiver Befragung aller Wettervorhersagen und Regenradare und Abwägung aller noch offenen Ziele in der Region entscheiden wir uns für eine längere Fahrt auf einer Dirtroad zu einem bunten Vulkankrater. Nachdem wir inzwischen schon einige Zeit im Auto unterwegs waren und Sophias Musikmix (Taylor Swift, zwei vereinzelte Lieder von Shakira und noch viel mehr Taylor Swift) so langsam nicht mehr hören können, übernimmt Christoph die Aufgabe des DJs und so düsen wir zu den mystischen Klängen von Kate Bushs "Running up that hill" durch die wieder karger werdende Umgebung, die am ehesten an eine Mondlandschaft erinnert - sehr passend. Die Dirtroad überrascht uns kurz vor dem anvisierten Parkplatz mit einer sehr rauen Streckenführung, sodass wir uns entscheiden, das Auto sicherheitshalber einige hundert Meter früher abzustellen. Tatsächlich scheint hier im Bergland aber mal die Sonne und wir machen uns an die Besteigung des Rauðaskál-Kraters.


Jeder, der schon mal so einen sandigen Krater hinaufgeklettert ist, weiß, wie anstrengend das sein kann. Christoph hatte uns für heute eigentlich Erholung versprochen, aber diese rückt gerade in weite Ferne. Aber wer den Ausblick will, der muss eben nach oben. Meine Taktik dieses Mal: Konzentriert auf den Boden schauen und einen Fuß vor den anderen setzen, bis man einmal "Running up that hill" im Kopf durchgesungen hat, dann Pause machen und wieder von vorn. Nach relativ kurzer Zeit sind wir alle oben und könnten den tollen Ausblick genießen... Aber halt, da ist er ja wieder: der orkanartige Wind, der hier auf jedem Berggipfel pfeift und vor allem Sophia die Laune vermiest. Also suchen wir uns einige hundert Meter weiter ein windgeschütztes Plätzchen hinter Felsen - zwar kein besonderer Ausblick, aber dafür ein glücklich seinen Müsliriegel verzehrendes Kind. Anschließend dürfen Christoph und ich kurz zum Kraterrand gehen, um ein paar Fotos zu machen, bevor wir die Flucht vor dem Wind antreten.



Froh über diesen gelungenen Tagesausklang fahren wir zu unserer neuen Unterkunft für die kommenden sieben Nächte, die sich als voller Erfolg entpuppt. Für Sophia das Größte: Es gibt ein Schlafzimmer mit Doppelstockbett (unten Doppelbett, oben Einzelbett), sodass sie über uns schlafen kann. Ob wir das auch so praktisch finden, muss sich erst noch zeigen...

Sonntag, 12. Juli 2026

Tag 3 - Der Sonne hinterher

Reise ich in die USA, kann ich mir meine Reiseziele nach Ort und Zeitbedarf frei zusammenstellen. Reise ich nach Kanada, gilt das ebenso; ich muss mir aber zusätzlich einen kleinen Zeitpuffer für den Fall schlechten Wetters zurechtlegen. Reise ich nach Island, kann ich mir eine auch nur halbwegs stringente Planung eigentlich komplett sparen. Stattdessen muss ich entweder ausgesprochen gut im Daumen drücken oder aber bereit sein, den raren Sonnenflecken endlos viele Kilometer hinterherzujagen. Denn die Chance, an einem bestimmten Ort in Island zu einer bestimmten Zeit zumindest einigermaßen passables Wetter zu haben, ist einfach verschwindend gering. Jedenfalls sagen mir das übereinstimmend ganze sieben Wetterseiten und zwei Regenradare, die ich nach nur zwei Tagen hier allesamt dauerhaft geöffnet habe und alle 20 Minuten frequentiere.

Und was verheißen mir diese Online-Ressourcen für meine heutigen Ziele? Es wird regnen. Und es wird windig. Und kalt wird es natürlich auch. Genau dort, wo ich bin, und zumindest 80 Kilometer rundherum und das den ganzen Tag und morgen auch und eigentlich immer. Dass an dieser Prognose durchaus etwas dran sein könnte, wird mir schon beim morgendlichen Blick aus dem Fenster klar: Es nieselt, so weit das Auge nur blicken kann. Es ist stürmisch. Und warm sieht es freilich auch nicht gerade aus...

Was also tun? Bloß weg hier - aber mit Plan und Bedacht. Unter eingehender Wertung und Wichtung aller Wetterprognosen meines umfassenden Datenpools ermittle ich am Früstückstisch eine Wahrscheinlichkeit von 82,7 Prozent, dass der einzige Ort in Island ohne Regen am heutigen Tage wohl Landmannalaugar sein wird - und dies auch nur zwischen 14:00 und 18:00 Uhr.

Also lassen wir uns Zeit und starten erst gegen 11:00 Uhr zum 140 Fahrkilometer entfernten Tal der "warmen Quellen". Nach nur einer Stunde Fahrt warnt uns unser noch immer unbenanntes Fahrzeug vor Druckverlust im Reifen, was sich aber an der nächsten Tankstelle erfreulicherweise als Fehlmeldung herausstellt. Tatsächlich ist in allen Reifen viel zu viel Luft! Also lasse ich überall etwas ab und alle sind wieder glücklich. Eine mäßig spektakuläre einstündige Dirtroad-Fahrt später stehen wir dann auch schon bei bestem Wetter am vordersten der Landmannalaugar-Parkplätze. Ich bin einfach ein Wetter-Ass!

Was ist hier geplant? Die Besteigung gleich zweier Erhebungen: Den Bláhnúkur und den Brennisteinsalda.

Wir entscheiden uns, das steilste Stück an den Anfang unserer Tour zu legen, und kraxeln recht zügig 350 Höhenmeter den erstgenannten Hügel hinauf. Immer im Blick: Die gelbschimmernde und schneegesprenkelte Bergwelt.




Oben angekommen vertilgt Sophia ihre mitgebrachten Brote derart schnell, dass ich mich genötigt sehe, ihr die Hälfte meines eigenen Proviants zu überlassen, um schlechter Stimmung vorzubeugen. Dann ein paar Fotos von der Aussicht...



...und schon geht es wieder nach unten mit Blick auf den als nächstes zu besteigenden Brennisteinsalda.


Unten angekommen offenbart sich jedoch zunächst ein kleiner Planungs-Fauxpas: Wir stehen ratlos an einem nicht trockenen Fußes zu querenden Schmelzwasserfluss. Auch eingehende Sondierungen stromabwärts bleiben leider erfolglos. Neoprensocken haben wir für solche Fälle zwar tatsächlich mitgenommen. Die sind aber mangels Kenntnis von einer möglichen Flussquerung sicher im Auto verstaut. Es bleiben also nur zwei Optionen: Barfuß bzw. mit Wechselsocken durch den Fluss oder zurück über den Bláhnúkur. Da letzteres noch weniger verlockend erscheint, ordne ich schließlich erstgenannte Variante an und quere zunächst testweise allein und anschließend nochmal mit Sophia auf den Armen die frostigen Fluten. Anschließend bekreuzige ich mich dreimal, hatte ich mich doch schon mit Sophia in den Armen ein urlaubsgefährdendes Bad im Schmelzwasser nehmen sehen. Lisa folgt fröstelnd nach.


Nachdem die Füße wieder trocken sind, besteigen wir schließlich den Brennisteinsalda. Auf halber Höhe sieht man schön den Bláhnúkur, auf dem wir vor zwei Stunden noch standen.


Den Restweg hätten wir uns sparen können. Oben angekommen pfeift der Wind derart stark, dass man schon Schwierigkeiten hat, einfach nur stehen zu bleiben. An eine gemütliche Pause ist nicht einmal im Ansatz zu denken.



Stattdessen versuchen wir den Berg so schnell es nur irgendwie geht wieder zu verlassen, wobei ich es auf einer Eispassage nur mit viel Glück und Mühe verhindern kann, mich der Länge nach schmerzhaft hinzuschmeißen. Erneut bekreuzige ich mich.

Es folgen sodann noch recht zähe drei Kilometer Rückweg durch Matsch, Schnee und Regen und gegen 19:30 Uhr stehen wir ziemlich fertig wieder am Auto. Jetzt müssen wir ja nur noch nach Hause... Zweieinhalb Stunden lang... Und davon eine Stunde auf einer Dirtroad... Und das bei mittlerweile dichtem Nebel.... Das wird ja ein Klacks!