Mittwoch, 5. August 2026

Tag 27 - Chaos

Der Bericht vom letzten Tag - dieses mal geordnet, akkurat und vor allem PÜNKTLICH. Warum? Weil ich ihn schreibe. Warum schreibe ich ihn? Weil Lisa sich nach den zwei konsekutiven Pleiten der vergangenen Urlaube geweigert und daher schon zu Reisebeginn abgezählt hat, wer mit dem Schreiben beginnen muss, damit der letzte Tag nicht auf sie fällt.

Daher nunmehr zunächst in der gebotenen Kürze: 2:45 Uhr klingelt der Wecker. 3:15 Uhr verlassen wir die Unterkunft. 5:00 Uhr kommen wir an der Mietwagenstation an. Und gegen 5:15 Uhr schließlich erhebt sich das Flughafengebäude Keflavíks unmittelbar vor uns. Bewusst gewählt haben wir dieses Frühaufsteher-Programm natürlich nicht so wirklich. Es gab einfach keine andere sinnvolle Verbindung.

Am Flughafen herrscht absolutes Chaos. Überall stehen unzählige Menschen, ein Durchkommen ist kaum möglich. Was ist hier nur los? Nachdem wir uns zwecks Fertigung der erforderlichen Bag-Tags zu einem der Self-Check-In-Kioske durchgeschoben haben, sind wir erleichtert, dort nur ein einziges Grüppchen vor uns zu sehen, welches dann auch noch abdreht. Fix bestätigen wir alle Bildschirm-Hinweise, die mit Bomben und Raketenwerfern zu tun haben, melden drei aufzugebende Koffer an und... "ERROR - Dieser Service ist gerade nicht verfügbar." Na toll... Lisa stellt sich also an einem neuen Kiosk an. Ich scoute derweil die anderen Terminals. Es zeigt sich leider, dass schlicht keiner der Kioske funktioniert. Überall nur enttäuschte Gesichter.

Also versuchen wir, zum regulären Check-In-Counter vorzudringen. Wo ist nur der Beginn der Schlange? Achso, der Pulk hier mittig, der sich so gut wie gar nicht bewegt, ist ja auch schon alles Schlange! Na gut, dann wird das wohl eher nix mit unserem Boarding in 90 Minuten. Nach fünf Minuten rumstehen frage ich daher eine Dame vom Bodenpersonal, was nun am besten zu tun sei. Sie weist mich darauf hin, dass zumindest die zwei Kioske ganz links wieder funktionieren würden, die wir daraufhin sofort aufsuchen.

Ich stelle mich am linken Kiosk an, weil dort nur eine Familie steht, während sich rechts schon drei Grüppchen befinden. Ein schwerer Fehler! Diese (deutsche) Familie hat nämlich offenbar ihr gesamtes bisheriges Leben als Jäger und Sammler in einer einsamen Blockhütte mitten im Schwarzwald verbracht, sodass jede einzelne der am Bildschirm zu beantwortenden Standard-Fragen für sie zu einer kaum überwindbaren Herausforderung gerät.

Zuerst die Verifikation. Ja, das geht mit dem Reisepass. Dafür muss man ihn aber auf den Scanner legen und nicht nur intensiv anstarren oder auf den Bildschirm klatschen. Zum Glück klappt es dann zumindest mit der alternativ ebenso möglichen Eingabe des Buchungscodes.

Dann die Sicherheitshinweise. Wer zur Hölle liest sich diese denn bitte aufmerksam durch anstatt einfach auf "Okay" zu klicken? Ja, Granaten sind auch verboten. Ja, natürlich darf man unterwegs nicht aussteigen. Und selbstverständlich haben offene Feuer im Flieger tunlichst zu unterbleiben.

Anschließend die Angabe, für wie viele Gepäckstücke ein Bag-Tag benötigt wird. Es entbrennt eine wilde Diskussion der Eheleute darüber, ob hierzu auch das Handgepäck zählen könnte, was mir nur für den eher unwahrscheinlichen Fall dienlich erscheint, dass dieses gestohlen wird und dem Dieb anschließend so aus den Händen gleitet, dass es zufällig auf dem Rollband des Gepäckaufgabeschalters landet. Gleichwohl befürchte ich kurz, dass der Endbeschluss lauten könnte, zur Sicherheit auch noch die aktuell getragenen Schlüppis zu taggen.

Zum Abschluss die vier-bildrige Anleitung zum Anbringen der Bag-Tags. Während alle anderen mit deren Aufploppen sofort zur Seite gehen, um den betreffenden Kiosk wieder freizugeben, bleibt diese Familie wie angewurzelt stehen und philosophiert ausgiebig über die richtige Klebetechnik. Zwischendurch geht sogar der Bildschirm wieder aus, weil zu lange keine Eingabe getätigt wurde. Nun versucht die Familie auch noch verzweifelt, ihn wieder einschalten, weil zur Funktionsweise von Klebestreifen wohl trotz allem unmöglich zu beantwortende Fragen offen geblieben sind. Es ist einfach zum Auswachsen!

Nachdem rechts von uns Leute an den Kiosk getreten sind, die zum Zeitpunkt meiner Entscheidung für das linke Terminal wohl noch ein Drei-Gänge-Menü in Reykjavík geordert haben, ist die Familie vor uns dann doch irgendwie fertig geworden, sodass nun auch wir endlich unser Glück versuchen dürfen. Nach etwa 30 Sekunden sind wir fertig. Allerdings hatten wir ja auch mehr als genug Zeit, uns alles in Ruhe anzuschauen...

Der Rest der Abfertigung verläuft nicht weniger chaotisch. An der Gepäckaufgabe wird der Zugang direkt vor uns geschlossen und auf der gegenüberliegenden Seite neu geöffnet, sodass wir wieder ganz hinten stehen. An der Handgepäckkontrolle wird mein Rucksack ausgesondert und dann auf Drogen gescreent. Und die Sicherheitsschleuse muss ich gleich mehrfach passieren, da meine Schuhe offenbar stahlbewehrt sein müssen. Niemand außer mir steht hier blöd in Socken rum!

Irgendwie aber schaffen wir es wundersamerweise trotz allem pünktlich zu unserem Gate zu kommen. Direkt nach unserer Ankunft beginnt nämlich das Boarding.

Der Flug selbst verläuft unspektakulär. Die Hälfte der Sitzzeit verbringe ich mit einem Rewatch des Lego-Movies. Einfach ein Hammer-Film mit wertvollen Zitaten für jede Lebenslage ("Wo ist mein Hoooooose?").


Den BER erreichen wir schließlich bereits 25 Minuten früher als geplant. Natürlich nützt uns das überhaupt nichts, weil es ja der BER ist. Über diesen Flughafen möchte ich eigentlich nichts mehr schreiben. Nach zwei Versuchen ist für mich klar, dass er entweder sofort wieder abgerissen oder aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht gehört.

"Läuft..." - Wenn es denn nur so gewesen wäre...

Irgendwann springen wir dann doch ins Auto und fahren endlich wieder Richtung Heimat. Wir alle? Nein, leider nicht. Sophias "alter Pudding" (letztes bekanntes Foto: siehe oben) hat aus ungeklärten Gründen beschlossen, im BER zu verbleiben und war daher bei Ankunft in Dahlen nicht mehr auffindbar. Ob unsere hoffnungsvolle Anfrage an das BER-Fundbüro daran etwas ändern wird? Falls dieses ebenso gut funktioniert wie der restliche Flughafen, müssen wir wohl eher aufpassen, dass wir nicht auch noch des "neuen Puddings" verlustig werden...

Offiziel eingestelltes Fahndungsfoto im Suchportal:

Wenn Sie diesen Affen sehen, nähern Sie sich nicht und alarmieren Sie die Polizei! Sein fast identisch aussehender Bruder ist irgendwo da draußen, verzweifelt und zu allem bereit.

Aber wie war es jetzt in Island im Vergleich zu Nordamerika?

Island hat unbestreitbar viele traumhafte Landschaften, die sich teils auch wunderbar abenteuerlich erreichen lassen. Auch Einsamkeit ist an einigen Orten durchaus noch möglich. Im Unterschied zu Nordamerika ist jedoch alles etwas kleiner - ob nun Berge, Seen oder Wasserfälle. Ausschlaggebend ist jedoch vor allem eins: Island ist leider im Unterschied zu Kanada und den USA sehr viel häufiger ungemütlich - Wind, Regen, Kälte, wolkenverhangener Himmel. Für professionelle Fotografen mag das mystische Stimmungen erzeugen. Ich will aber manchmal auch einfach nur einsam in der Sonne sitzen und die Landschaft genießen. Gerade das geht hier aber nur recht selten, weil entweder keine Sonne scheint oder der heftige Wind mich gleichwohl vor Kälte schaudern lässt, selbst wenn ich mich in fünf Schichten Kleidung gehüllt habe. Denn heftiger Wind und Regen ist wenig überraschend auch dann nicht besonders gemütlich, wenn er mir nur ins Gesicht peitscht.

Gleichwohl: Wir hatten einen sehr schönen und vor allem aufregenden Urlaub. Auch haben wir nicht nur alles gesehen, was wir uns vorgenommen hatten, sondern sogar noch ein bisschen mehr. Und allein schon für Grænihryggur, Stórurð, Sveinstindur und den Stokksnes Beach hat sich die Reise allemal gelohnt! Tatsächlich wüsste ich aktuell auch gar nichts mehr, was ich mir in Island noch anschauen sollte. Daher wird es uns wohl nächstes Jahr wieder in das "wahrhaftig gelobte Land" ziehen. Darauf freuen wir uns jetzt schon!

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