Mittwoch, 16. Juli 2025

Tag 6 - Browning, Perle des Nordens

Langsam und gemächlich ziehen wir in zwei Kayaks unsere Kreise über den in der Sonne glitzernden Swiftcurrent Lake. Vor uns türmen sich die imposanten Felsmassive der Many Glacier Area auf, als wollten sie das strahlende Blau des Schäfchenwolken-Himmels durchstoßen. Am Seeufer äßt friedlich eine Elchkuh, während lieblich singende Vögelchen über uns hinwegfliegen und bunte Fischlein unter uns hindurchtauchen.

So oder so ähnlich wäre es wohl gekommen, wenn uns nicht stattdessen eine massive Regenfront heimgesucht hätte, die den zuvor sommerlichen Temperaturen ein jähes Ende bereitet. Statt 25 Grad Celsius und Sonnenschein heißt es nun 5 Grad Celsius und Dauerregen. Da sich dieser Wetterumschwung bereits seit einigen Tagen angekündigt hatte, hatten wir auch den gebuchten Kayakausflug bereits storniert und uns stattdessen auf ein Verschanzen im Wohnmobil eingestellt.

Und so kam es dann auch.

Bis 8:30 Uhr bleiben wir dick eingemummelt im Bett. Dann heizen wir den Camper warm, um zu frühstücken, Rummikub zu spielen und Blogbeiträge zu verfassen. Anschließend entscheiden wir uns dazu, 40 Minuten oneway nach Browning zu fahren, um einerseits etwas Zeit zu verbummeln und andererseits unsere zur Neige gehenden Pebbles-Vorräte aufzufüllen. Auf dem Weg dahin wird auch noch problemlos gedumpt.


Zu Browning lässt sich wenig Gutes sagen. Tatsächlich ist es die hässlichste US-Stadt, die ich je gesehen habe - und ich habe so einige gesehen. Es scheint mir das Ghetto Montanas zu sein. Zerschlissene Fassaden, verrostete Industrieanlagen, freilaufende Hunde, schwer erträgliche Gerüche, einfach alles hier schreit nach Verzweiflung. Unsere Pebbles hatten sie zum Glück trotzdem. Auf dem Rückweg ist uns allerdings fast noch ein Straßenköter in den Camper gerannt. Und einen Elch haben wir wenig später auch am Straßenrand gesehen.

Und das war dann auch schon im Wesentlichen alles, was heute passiert ist. Zurück am Campground noch eine Runde Skip.Bo - das frustrierendste Kartenspiel der Welt - und etwas Mathe mit Sophia nachholen; anschließend dann Abendbrot essen.


Achja, geduscht habe ich auch noch. Ist bei 5 Grad Celsius im unbeheizten Duschhaus aber ebenfalls nicht gerade der Knaller.

Zum Glück soll das Wetter morgen wieder besser werden. Drei gelangweilte und frierende Menschen auf engstem Raum scheint mir eine explosive Mischung zu sein...

Tag 5 - Im Frühtau zu Berge

05:15 Uhr, der Wecker klingelt. Christoph checkt noch ein letztes Mal den Regenradar. Verschlafen erkundige ich mich, wie es aussieht. Antwort: "Unverändert." Gut - das bedeutet, dass ich noch etwa 10 Minuten habe, bis ich aufstehen muss. Der Regen soll am Nachmittag einsetzen, also heißt es früh starten und rechtzeitig zurück sein. Aber nicht nur die angekündigte Schlechtwetterfront erschwert uns die Urlaubsplanung im Glacier National Park. Bereits vor Monaten haben wir erfahren, dass ausgerechnet in diesem Sommer in der Many Glacier Area gebaut wird. Wie nicht anders zu erwarten ist das genau das Gebiet des Nationalparks, in das wir wollen, da dort einige der schönsten Wanderungen zu finden sind. Nun darf man aber leider aufgrund der Bauarbeiten gar nicht erst selbst hineinfahren, sondern ist auf Shuttle-Busse angewiesen, die erst gegen 8:00 Uhr starten. Es sei denn, man hat eine Reservierung für eine Übernachtung in dem sauteuren Many Glacier Hotel, das bereits Jahre im Voraus ausgebucht ist, oder eine anderweitige Aktivität hier gebucht. Christophs nächtelanger Recherche sei Dank haben wir für schlappe 50 $ einen Returntrip bei einem Bootsanbieter reserviert. Gedacht ist dies wie folgt: Man wandert die Strecke zum Grinnel Glacier nur hinzu komplett und lässt sich rückzu die Hälfte des Wegs per Bootsfähre transportieren. Das klappt freilich nur dann, wenn man auch zum richtigen Zeitpunkt am Anleger steht und seine Reservierung vorweisen kann. Ob wir diese Möglichkeit wirklich nutzen werden, steht daher zum Zeitpunkt unserer Buchung noch in den Sternen, aber allein die Reservierung sollte es uns ermöglichen, selbst mit dem Wohnmobil bis zum Hotelparkplatz zu fahren und unsere Wanderung zu starten. So umgehen wir zum einen den Shuttle-Bus und können zum anderen sogar noch früher starten, da die Selbstfahrer bereits um 7:00 Uhr eingelassen werden.

So kommt es nun, dass wir mal wieder verdammt zeitig in unseren Urlaubstag starten. Fix angezogen und hastig das Frühstück runter gewürgt, schon düsen wir die ca. 30 Minuten bis zum Einlass in die Many Glacier Area. Unsere ausgedruckte Mailbestätigung der Bootsfahrt ist ausreichend und die nette Rangerin lässt uns sogar schon reichlich 10 Minuten vor 7:00 Uhr passieren. Kurze Zeit später stellen wir unser Wohnmobil auf dem großen Parkplatz des Hotels ab - von dem angekündigten "extremely limited parking" ist hier glücklicherweise noch nichts zu spüren.

Wir begeben uns auf die Wanderung in Richtung Grinnell Glacier, wohlwissend, dass die letzten Kilometer des Trails zum Gletscher wegen Schnee, Eis und Bären gesperrt sind. Für einen schönen Ausblick auf den unterhalb des Gletschers liegenden Grinnell Lake sollte es aber reichen. Wir laufen zunächst durch den Wald am Swiftcurrent Lake entlang. Es ist bewölkt und noch recht frisch, aber sehr idyllisch. Als nächstes kommen wir zum Lake Josephine, an dessen Ufer entlang wir schließen langsam die Berge erklimmen, immer mit Blick auf den See.


Es dauert auch nicht lang, bis der Grinnell Lake in Sicht kommt, der die für Gletscherseen so typische Färbung in Türkis aufweist. Herrlich anzusehen und sogar die Sonne kommt mal kurz raus.



Kaum dass wir uns zu einer verdienten Pause niedergelassen haben, erscheint auch schon ein freches Eichhörnchen und bemüht sich, dem Seepanorama mit Kunststückchen die Show zu stehlen. Sehr unterhaltsam!


Anschließend gehen wir noch das letzte Stück bis zur Absperrung, das sich aber nicht wirklich lohnt, da wir den besten Ausblick schon bei unserer Pause hatten. Also machen wir uns auf den Rückweg, wobei Sophia so langsam die Lust verliert. Zum Glück haben wir ja unsere tolle Bootsreservierung in der Hinterhand und stellen ihr daher in Aussicht, dass sie nicht den gesamten Weg nochmal zu Fuß zurücklegen muss. Was wir dabei übersehen: Das Boot hält am Ende des Josephine Lake nur alle zwei Stunden und als wir dort ankommen, ist es natürlich vor 15 Minuten abgefahren. Wir machen noch eine kleine Denkpause (abermals mit Eichhörnchenbegleitung),...

...entscheiden dann aber gemeinsam, dass wir doch lieber den Rest des Weges laufen. Mit ein paar Rollenspielen und ansonsten ohne weitere Vorkommnisse kommen wir etwa 90 Minuten später wieder am Wohnmobil an und sind kaputt, aber zufrieden. Angesichts der sehr spärlichen Ausstattung des Dorfes unweit unseres Campingplatzes entscheiden wir uns spontan, im Many Glacier Hotel zu essen. Immerhin ist es wie erwähnt sehr preisintensiv und ständig ausgebucht, das muss ja einen Grund haben. Sagen wir es so: Das Essen ist sicherlich nicht der Grund, solange man nicht auf sehr trockenes Hähnchenfleisch steht, das man nur mithilfe eines quietschsüßen, vermutlich ausschließlich aus Wasser und künstlichen Aromen bestehenden Mocktails herunterwürgen kann. Und bitte wer kommt auf die Idee, Nudeln mit Käse aus der Kinderkarte über und über mit Pfeffer zu bestreuen? Ich weiß ja nicht, was die amerikanischen Kinder so essen, aber bei Sophia waren sie damit natürlich völlig an der falschen Adresse. Aber was soll's, wir hatten eine tolle Wanderung und dank des mittelmäßigen Essens wussten wir am Abend wenigstens unser Toast mit Frischkäse nebst Karotten und Gurken wieder zu schätzen.

Am Campingplatz angekommen erfährt Christoph via Internet-Recherche übrigens, dass am heutigen Nachmittag der Trail nach dem Einsatz eines "Schneeräum-Kommandos" komplett freigegeben wurde. Selbiges haben wir auf dem Rückweg wohl gesehen, aber nicht einordnen können: Es bestand aus zwei schlanken Frauen mit je einer Schaufel, die uns entgegenkamen... Sei's drum - bei dem am Nachmittag einsetzenden Wetter hätten wir ohnehin nicht am Gletscher sein wollen!

Dienstag, 15. Juli 2025

Tag 4 - Grenzerfahrung

Nach einem leckeren Frühstück unweit der eindrucksvollen, weil mehrschläuchigen Sewer-Hose-Konstruktion unseres Campsite-Nachbarn starten die Vorbereitungen für die heute geplante Einreise in das unlängst wieder "great again" gewordene Land der Tapferen und Freien.

Schritt 1: Entsorgung aller verbotenen Reiseartikel. Au revoir, liebe "Pink Lady"-Äpfel, "I can't believe it's not Butter"-Margarine und Baby-Möhrchen. Chips, Pebbels und Schoko-Rosinen - ihr dürft natürlich bleiben.

Schritt 2: Richtige Antworten auf potentielle Fragen der Zollbeamten wiederholen. "Sind Sie denn jetzt ein ausländischer Geheimagent? Nein, immer noch nicht." "Wer ist der geilste Präsident aller Zeiten? Donald J. Trump, he has all the cards." "Wie schätzen Sie die Amtszeit seines Vorgängers Joe Biden ein? So sad..."

Sodann folgt eine gut halbstündige Fahrt durch wunderschöne Waldlandschaften bis wir schließlich am Chief Mountain die Landgrenze zur USA erreichen. Ein grimmig blickender Grenzbeamter winkt uns zu sich und bittet um Passvorlage. Dem komme ich freilich infantil grinsend und übertrieben höflich nach, soll doch jeglicher Zwist hier tunlichst vermieden werden. Grantelbart indes verzieht keine Miene und erfragt streng Einreiseziel und -dauer, was ich pflichtschuldig mit "Glacier National Park" und "seven days" beantworte. Anschließend geht es nach drinnen zum Fotoabgleich sowie zur Abgabe der Fingerabdrücke und schon weiß Grantelbart genau, auf welchem US-Campground ich wann vorhabe zu übernachten, ohne dass ich ihm dies je mitgeteilt hätte. Der Bund deutscher Datenschutzbeauftragter wäre empört. Glücklicherweise war es das dann aber auch schon. Einer - durchaus möglichen - Durchsuchung des Campers entgehen wir.

30 Minuten später erreichen wir ihn dann bereits, den Glacier National Park. Geplant sind heute die St. Mary Falls, die Virginia Falls und der Sun Point am St. Mary Lake. Da die betreffenden Trailheads indes leider nur mit Fahrzeugen bis zu 21 Fuß Länge angefahren werden dürfen, sind wir auf den Park-Shuttle angewiesen, was jedoch überraschend gut funktioniert. Unser kürzlich erworbenes Bären-Spray muss die Fahrt allerdings im verschlossenen Hauptfach des Rucksacks verbringen. Allein letztes Jahr soll es 11 "Fehlzündungen" mitten im Shuttle gegeben haben!

Den Spaziergang zu den Wasserfällen verbringe ich dann damit, die wunderschöne Berglandschaft zu bewundern und nebenbei an Sophias obligatorischem Rollenspiel mitzuwirken. Glücklicherweise stelle ich mich dabei aber so dumm an, dass bald nur noch Lisa gefragt ist und ich mich stattdessen in so intensiven Bärenspray-Ziehübungen verlieren darf, dass selbst Lucky Luke neidisch wäre. Dahingehend dauert es gefühlt auch nicht allzu lang, bis wir erst die St. Mary...


...und kurz darauf die Virginia Falls erreichen.


Auf dem Rückweg entscheiden wir uns ob der noch frühen Stunde dafür, direkt zum Sun Point weiterzulaufen anstatt uns dort hinshutteln zu lassen. Eine offenbar sehr gute Entscheidung, denn so geht nun endlich Lisas lang gehegter Wunsch in Erfüllung, einen Elch in freier Wildbahn zu sehen! Da unten steht doch tatsächlich die Mama im Wasser - das Baby liegt schwer erkennbar versteckt am Ufer.


Und von nahem:


Anschließend relaxen wir noch unweit des Bootdocks am erfrischend kühlen Seewasser,...


...bis wir schließlich unsere Tour am Sun Point komplettieren.


Ein wirklich toller Tag!

Tag 3 - Beeren und Bären

Fazit nach der ersten Nacht im Camper: Unser Bett ist überraschend bequem und Sophia ganz stolz auf ihr eigenes Schlafgemach oben im Alkoven. Ziemlich zeitig frühstücken wir draußen, wo es schon angenehm warm und noch ganz ruhig ist. Selbst die Ziesel schlafen noch - bis auf eines:


Gegen halb 8 starten wir direkt vom Campingplatz aus zu unserer ersten Wanderung in Richtung Bertha Falls. Erst geht es am überaus windigen Seeufer entlang, bevor wir den Berg nach oben klettern. Hier hat offensichtlich in den vergangenen Jahren mal ein Waldbrand gewütet, denn die größeren Bäume sind alle verbrannt. Doch die Strauchschicht ist schon gut nachgewachsen und wir entdecken einige Pflanzen, die wir auch in unserem Garten gepflanzt haben. Vor allem aber wachsen hier Unmengen von Beerensträuchern: Von Himbeeren über Johannis- und Heidelbeeren bis hin zu Aroniasträuchern ist alles zu finden. Wenn man sich hier mal verirrt, hält man es auch ohne Proviant gut ein paar Tage aus... Die Sonne scheint, wir sind fast allein unterwegs und haben einen tollen Ausblick auf den Upper Waterton Lake. Es ist eine wunderschöne erste Wanderung und wir fühlen uns nun so richtig im Urlaub angekommen.



Die Bertha Falls sehen ebenfalls hübsch aus, auch wenn sich die Sonne gerade hinter Wolken versteckt.


Nach knapp 8 Kilometern sind wir wieder am Campingplatz und packen alles zusammen. Zum einen, weil wir ohnehin den Nationalpark noch weiter erkunden wollen und das zu Fuß zu weit wäre, zum anderen, weil wir um 11 Uhr auschecken müssen, obwohl wir noch eine weitere Nacht auf diesem Campingplatz verbringen werden. Wie das geht? Nun ja, ich habe beim Buchen des Campingplatzes das Kunststück vollbracht, mich am richtigen Tag zur richtigen Uhrzeit mit mehreren Geräten gleichzeitig in die virtuelle Warteschlange einzureihen, mit etwas Glück recht frühzeitig dran zu sein, um mir noch einen der begehrten Stellplätze direkt am Wasser zu sichern, nur um diesen dann blöderweise nur für eine Nacht zu buchen, obwohl wir zwei Übernachtungen gebraucht hätten. Immerhin habe ich es noch früh genug gemerkt, um eine weitere Nacht reservieren zu können, nur eben auf einem anderen Teil des großen Campingplatzes, sodass wir heute auf jeden Fall umziehen müssen.

Geplant ist als nächstes ein Abstecher zum Red Rock Canyon. Hier gibt es zwei Parkplätze, von denen einer wohl bereits voll und daher direkt die Zufahrt gesperrt ist. Wir drehen mehrere Runden auf dem anderen Parkplatz, finden für unser großes Gefährt aber keine freie Nische. Da wir es nicht eilig haben, suchen wir uns einen Stellplatz am Straßenrand ein paar Kilometer zurück und spielen erstmal eine Runde Karten. Beim zweiten Versuch drehen wir so lange unsere Runden, bis endlich ein Parkplatz frei wird und wir uns auf den kleinen Spaziergang begeben können. Leider scheint das hier das Ausflugsziel für alle zu sein, die zu faul zum wandern sind. Dementsprechend voll ist es und macht auch nicht so richtig Spaß, obwohl sich der kleine rote Canyon durchaus sehen lassen kann.

Was die Menschen dazu veranlasst, ausgerechnet an einem derart überfüllten Platz ihre Füße in den Fluss zu tauchen, wo es doch hier so viele Seen und Flüsse gibt, die auch teilweise ohne Anstrengung zu erreichen sind, wird sich uns wohl nie erschließen. Jedenfalls suchen wir möglichst schnell wieder das Weite, werden dabei aber lustigerweise noch von einem Hirsch überholt.


Auf dem Rückweg hat sich am Straßenrand eine Traube von Autos und Menschen gebildet. Der Grund ist schnell gefunden: Zwei Bären tummeln sich in einiger Entfernung am Hügel. Wir suchen einen Parkplatz fürs Wohnmobil und beobachten mit dem Fernglas die zwei Bären, die sich von all den Gaffern überhaupt nicht stören lassen und ungeniert Liebe machen.



Nächster Tagesordnungspunkt: Die Besteigung des Bear's Hump. Nach einer weiteren Runde Karten machen wir uns auf den Weg, die reichlich 200 Höhenmeter zu überwinden, um hoffentlich nochmal einen tollen Ausblick genießen zu können. Der Aufstieg ist ganz schön anstrengend, lohnt sich aber auf jeden Fall. Windig ist es allerdings auch: Christoph hat sogar Angst, dass ihm die Brille aus dem Gesicht geweht wird.


Den Abend lassen wir auf dem gleichen Campingplatz ausklingen, nur dieses Mal ohne Blick auf den See, dafür mit tierischen Besuchern.

Samstag, 12. Juli 2025

Tag 2 - Im Reich der Ziesel

Leider erwache ich bereits 2:30 Uhr und muss daher zunächst drei Stunden damit überbrücken, mich hin  und her zu wälzen, ins Dunkle zu stieren und meine Handyspielfertigkeiten auszubauen. Gegen 5:30 Uhr verlautbart Sophia dann dankenswerterweise, bereits wach zu sein, sodass allgemeine Aufbruchsstimmung einsetzt. Nach kurzer Morgenhygiene geht es mithin ins hoteleigene Frühstückslokal, wo meine nimmersatten Reisebegleiter jeweils einen riesigen Pancaketeller verschlingen, was mit überaus stolzen 65 CAD zu Buche schlägt.


Anschließend wird noch ausgiebig die hässliche Holzpferdeattrappe vor dem Restaurant beritten ("Vorwärts Amadeus!")...


...und etwas UNO gespielt, wobei sich die anwendbaren Regeln auf wundersame Weise laut Sophia je nach Spielverlauf in einer für sie vorteilhaften Weise ändern. Schließlich erscheint kurz vor 8:00 Uhr unser Taxifahrer, dem ich sofort seinen formschönen Rauschebart neide, mit welchem sich meine kläglichen Fusseln im Gesicht leider in keiner Form messen können. Während der Fahrt brilliere ich dafür mit bemerkenswert souveränem Smalltalk, was auch meinen in Folge ehrfürchtigen Mitreisenden nicht verborgen bleibt.

Bei Fraserway angekommen werden wir trotz unseres verfrühten Erscheinens sofort von einer deutsch sprechenden Dame in Empfang genommen und zügig abgefertigt. Die Inaugenscheinnahme des Wohnmobils verläuft ebenfalls sehr erfreulich, weil dieses überaus praktisch aufgeteilt und vor allem nigelnagelneu ist. Einzig ein defektes Fliegengitter zeigt sich kurz nach der Abfahrt, was aber nach schneller Kehrtwende innerhalb kürzester Frist von einem freundlichen Mitarbeiter behoben wird. Schwierig war es nur, Lisa zu überzeugen, überhaupt umzudrehen, weil sie nicht als typisch "pingelige Deutsche", sondern lieber als "coole Socke" mit kaputtem Fliegengitter und zahllosen Mückenstichen in Erinnerung bleiben wollte. Insgesamt jedenfalls kann ich Fraserway bisher nur empfehlen: Neue Fahrzeuge, schnelle Abfertigung und guter Service - volle drei Biberzähne!

Nach dem obligatorischen Großeinkauf bei Walmart - diesmal nebst neuer Hose für Sophia, weil wir ihr aus unerklärlichen Gründen nur wenig wetterfeste Exemplare eingepackt haben - geht es dann auch schon Richtung Waterton Lakes National Park. Auf halber Strecke machen wir Stop bei Tim Hortons, der klassischen Fast-Food-Kette hier in Kanada. Lisa und Sophia finden es wohl ganz gut, meine Gedärme sagen aber ganz klar, dass die dort Verwendung findenden Zutaten gut siebenundzwanzig Jahre zu lang vor sich hingemodert haben. Vom Personal ganz zu schweigen...

Trotzdem erreichen wir irgendwie unser Ziel, wo wir überraschend erfahren, dass der Parkeintritt heute umsonst ist. Ein Grund dafür ist nicht ersichtlich, aber warum auch nicht? Im Park reicht die Zeit heute nur noch für einen kurzen Abstecher am Driftwood Beach, wo sich Sophia an den bunten Steinen im Wasser und wir uns an der schönen Umgebung erfreuen.


Dann düsen wir weiter zum Campingplatz, an welchem wir sogleich von unzähligen Nagetieren umschwirrt werden, die lautstark ihren Unmut über unser Erscheinen kundtun ("Fiep! Fiep!") und von Sophia als "Ziesel" identifiziert werden. Ob das wirklich stimmt, mag dahingestellt bleiben; passend finde ich es allemal.

Schließlich geht es am Abend nochmal kurz an den namensgebenden (Upper) Waterton Lake bevor wir in unsere Betten sinken. Ein erfolgreiches Einschlafen stellt sich indes als Herausforderung dar, wird Camping hier doch überraschenderweise mit äußerst lautstarken musikalischen Darbietungen zelebriert. Deswegen also wurden wir bereits am Eingangshäuschen ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, Lärmbelästigungen zu melden!

Tag 1 - Altbekannt und doch neu

Endlich geht es wieder los! Ein paar Sachen bleiben "wie immer": Wir drei reisen für mehrere Wochen mit dem Wohnmobil durch Nordamerika. Was dieses Mal anders ist: Wir werden uns die meiste Zeit in Kanada statt den USA aufhalten und wir sind erstmalig auf die deutsche Ferienzeit angewiesen. So kommen wir auch endlich in den "Genuss" der Flugpreise in den Sommerferien. Das nervt schon mal, aber wir nutzen das gleich aus für eine weitere Neuerung: Wir fliegen in der Business Class. Klingt dekadent und ist es wohl auch, aber da dank der Ferienzeit die Flugpreise schon für die Holzklasse so hoch waren, war der Aufpreis für die Business Class (zumindest für den Hinflug) verhältnismäßig überschaubar, sodass Christoph das mal ausprobieren wollte.

Los geht's also von Leipzig nach Frankfurt. Nach kurzem Zwischenstopp in der Lufthansa Lounge, wo man theoretisch kostenlos frühstücken könnte, wir uns hingegen mit ein paar Gummibärchen begnügen, ...

... steigen wir in das kleine Flugzeug, in dem die Business Class darin besteht, dass jeder von uns eine Zweierreihe für sich hat. Das ist mit Kind natürlich Quatsch, denn erwartungsgemäß will Sophia neben mir sitzen, sodass sich ein anderer über die freie Zweierreihe neben uns freut. Aber immerhin - und damit hatten wir nicht gerechnet - bekommen wir direkt etwas zu essen.

Und es schmeckt sogar! Bevor ich mich versehe, sind wir schon wieder im Landeanflug. Auch eine interessante Taktik: Die Flugzeit einfach mit Essen rumkriegen.

Ohne weitere Probleme starten wir pünktlich von Frankfurt in Richtung Calgary. Das Platzangebot ist wirklich super und es kommt für mich noch besser: Sophia hat festgelegt, dass sie während des ersten Fluges neben mir sitzt und während des zweiten Fluges neben Christoph. Sobald wir also die Flughöhe erreicht haben, darf ich mich auf den Platz hinter den beiden setzen und in Ruhe lesen. Auch auf dem langen Flug gilt die Devise: Die Reisenden werden erstmal ausgiebig mit Essen beschäftigt. Das Drei-Gänge-Menü nimmt einige Zeit in Anspruch und schmeckt ganz passabel. Den restlichen Flug vertreiben wir uns mit Lesen, Filme gucken, Musik hören und Sophia schläft zwischendurch sogar noch ein bisschen.


Außerdem ist es immer wieder interessant, andere Fluggäste zu beobachten. Der Mann neben mir verschläft nahezu den gesamten Flug und ist nur zum Essen wach. Diese Zeiten nutzt er dann aber auch intensiv, verputzt alles bis auf den letzten Krümel, nimmt jede Getränkerunde mit und lässt sich erstmal zwei Weine zur Verkostung einschenken, bevor er sich für einen entscheidet. Die Frau auf der anderen Seite des Ganges dagegen pausiert ihren Film etwas 15 Minuten vor Schluss und damit vermutlich mitten im Finale, um erstmal 2 Stunden zu schlafen. Entweder besitzt sie genau die Art von Selbstdisziplin, die mir abends auf dem Sofa regelmäßig fehlt, wenn ich denke, dass ich die letzten 10 Minuten der Serie schon noch schaffen werde ohne einzuschlafen, oder aber der Film war wirklich stinklangweilig. Eine Reihe weiter vorn schaut jemand erst eine klischeebeladene und durch und durch vorhersehbare Liebeskomödie und startet anschließend irgendeinen Teil von "Shrek". Da war ich doch halbwegs überrascht, als ich später bemerkte, dass auf dem Platz gar keine Frau saß, wie von mir fälschlicherweise angenommen, sondern stattdessen ein hünenhafter Kerl. So viel also zum Thema Klischees...

In Kanada angekommen klappt alles recht unkompliziert. Die Einreise haben wir vorher per App vorbereitet, die Koffer sind alle angekommen und wir fahren mit dem Taxi zum Hotel. Gut, der Taxifahrer war ein bisschen verwirrt und tollpatschig, aber am Ende hat er unser Hotel doch noch gefunden und die Koffer, die nach seiner rasanten Fahrt beim Öffnen des Kofferraums ungehalten auf den Asphalt purzelten, haben den Sturz ebenfalls unbeschadet überstanden.

Im Foyer des Hotels befindet sich zu Sophias großer Freude ein Holzpferd, das selbstredend sofort bestiegen wird, während sie einen Vortrag über die Eigenheiten des Westernreitens hält. Beim Einchecken ins Hotel erhalten wir zu unserem Missfallen ein weiteres Kuscheltier überreicht: Nach dem Kuscheltier in Form eines Flugzeuges, das wir im Flieger bekommen haben und von dem Christoph nach wie vor der Meinung ist, dass es einen Fisch darstellt, komplettiert nun also noch ein lustig aussehender Biber unsere Reisegruppe.


Schließlich essen wir in der hoteleigenen Bar zu Abend und schaffen es tatsächlich, bis 21 Uhr wach zu bleiben. Während Christoph und mir schon die Augen zufallen, hört Sophia noch ein Hörspiel, dessen Abschlusssong mich einige Zeit später aus dem Schlaf reißt und mir auf ganz unangenehme Art und Weise im Ohr bleiben wird. "Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt" - was ist das überhaupt für ein blöder Titel?

Mittwoch, 19. Juni 2024

Tag 54 - Bye bye Vegas!

Nach 54 Tagen voller Abenteuer heißt es nun Abschied nehmen. Der morgendliche Himmel begrüßt uns gewohnt wolkenverhangen, sodass wir uns einen morgendlichen Spaziergang am Strand klemmen und lieber in Ruhe die verbliebenen Sachen zusammenpacken. Gegen um acht wird noch ein letztes Mal gedumpt und dann geht es auf zur Road-Bear-Station, wo wir wenige Minuten nach neun Uhr eintreffen.

Wie erwartet erfolgt die Rückgabe des Campers ohne bedeutende Schwierigkeiten. Lediglich für den linken Vorderreifen, der uns mit ausnehmend hoher Wahrscheinlichkeit bereits in beschädigtem Zustand überlassen wurde, wollen die Straßenbären nun 200,00 EUR abrechnen. Hier vor Ort bringt eine Diskussion ohnehin nichts, sodass wir die angekündigte Kreditkartenbelastung kommentarlos zur Kenntnis nehmen, einen heißen Kakao schlürfen und uns anschließend per Shuttle zum Flughafen bringen lassen.

Lufthansatypisch hat unser Flieger etwa eine Stunde Verspätung, sodass wir mehr als ausreichend Zeit haben, die Koffer aufzugeben, zwei Blog-Beiträge zu verfassen und Sophia mit Schokolade vollzustopfen. Gegen 15:00 Uhr dürfen wir dann das Flugzeug betreten, das sich alsbald in die Lüfte erhebt. Beim letzten Blick auf das wolkenverhangene Los Angeles überrascht mich Lisa noch mit einem markigen "Bye bye Vegas!", was ich verabsäume, mit einem "See you soon Cameroon!" zu kontern. Offenbar wusste sie tatsächlich die ganze Zeit über nicht, wo wir eigentlich Urlaub machen.

Die gut 10-stündige Flugzeit geht dann gewohnt zäh mit Filme schauen, Musik hören und Minesweeper spielen vorüber, wo ich es mittlerweile mit einer Expertenzeit von unter drei Minuten zur Meisterschaft gebracht habe. Das einzige berichtenswerte Ereignis während des Fluges ist ein erneuter medizinischer Notfall an Bord, der uns fast das Frühstück gekostet hätte. Etwa vier Stunden vor Landung liegt aus unbekannter Ursache plötzlich irgendeine Dame vor den hinteren Toiletten rum, blockiert dabei zwei Aborte und nimmt fortan bis zur Landung drei Flugbegleiter in Anspruch, die sich dazu verpflichtet fühlen, sinnlos um sie herumzustehen und sich hilfesuchend umzuschauen. Weil man aber nicht gleichzeitig beschäftigungsfrei herumstehen und Frühstück austeilen kann, wird selbiges vom restlichen Personal erst eine halbe Stunde vor der Landung bewerkstelligt, was ein hastiges Würgemahl zur Folge hat.

Sei es wie es sei. Kurz nach 12:00 Uhr Ortszeit erreichen wir schließlich Frankfurt und nachdem einige Sanitäter sich um den Notfall gekümmert haben, dürfen wir dann gegen viertel vor eins auch das Flugzeug verlassen. Hier erwarten uns die für deutsche Flughäfen typischen Busse in gewohnt unzureichender Zahl, sodass wir wie die Heringe zusammengequetscht noch zwanzig Minuten diverse Highlights der Flughafeninfrastruktur bestaunen dürfen. Verstehen tue ich es nicht. Angeblich sind wir Deutschen ja die absoluten Planungsfüchse. Aber beim Thema Flughafen ist die Idee scheinbar immer: "Rollfeld bauen wir hier hin. Flughafengebäude lieber 30 Kilometer weiter drüben, damit die Wege schön lang sind." Kenne ich so aus keinem anderen Land. Komfortabel ist sicherlich anders.

Der letzte Flug geht schließlich auch irgendwann vorüber und gegen 16:30 Uhr erblicken wir dann doch endlich Frank, der offenbar seinen ganzen Nachmittag auf den VIP-Parkplätzen unmittelbar vor dem Flughafengebäude verbracht hat und dafür nun 56,00 EUR löhnen darf. Eine Stunde später erreichen wir unser Zuhause, wo wir mit einer wunderschönen neuen Einfahrt, einem prächtig gewachsenen Garten und großflächigen Willkommensplakaten an der Haustür empfangen werden. So kommt man doch wirklich gern zurück in die Heimat!