Freitag, 7. Juni 2024

Tag 43 - Slow motion

Mysteriöse Dinge geschehen am heutigen Morgen in unserem Wohnmobil: Die Sonne geht auf, aber alles bleibt still. Weder ein schrillender Wecker noch ein vor Tatendrang ganz ungeduldiger Christoph versuchen, hier irgendjemanden aus seinen Träumen zu reißen und aus den kuscheligen Betten zu zerren. Nein, wir haben uns heute Ausschlafen verordnet, was Sophia und mir bestens gelingt. Aber selbst Christoph bleibt artig bis halb 9 im Bett und ruht sich aus. Danach wird noch ausgiebig gekuschelt und in Ruhe gefrühstückt, bevor sich uns schließlich die Frage aller Fragen stellt: Und jetzt? Eigentlich hatten wir ja Pläne, aber diese beinhalten erneut eine anstrengende Wanderung in großer Höhe, was nach dem gestrigen Erlebnis nicht unbedingt verlockend klingt. Allzu viele Alternativen gibt es aber nicht, denn unten im Tal bei über 30 Grad wollen wir uns erst recht nicht aufhalten. Daher Christophs Vorschlag: Wir fahren trotzdem noch ein Stück bergauf zum Trailhead, aber ohne zu wandern. Soll auch so ganz schön sein und irgendwie müssen wir den Tag ja rumkriegen.

Gesagt, getan. Nur etwa 20 Minuten später finden wir uns auf dem Parkplatz zum Little Lakes Valley Trail wieder und befinden einstimmig: Ist das toll hier! So zumindest mal meine Übersetzung von Christophs "Fast schon zu kitschig!" und Sophias "Toll. Können wir Eis essen?".

Christoph erbittet sich ein wenig "Anpassungszeit" an die Höhe, wobei ich zu bedenken gebe, dass er die gestern auch zur Genüge hatte. Aber schaden wird es schon auch nicht, also verbringen wir noch etwas Zeit im Camper, bevor wir uns nach draußen wagen. Wir spazieren ein paar Meter am Fluss entlang und landen schließlich an einem Picknicktisch unweit vom Startpunkt des Wanderwegs, wo Sophia bestimmt eine Stunde im Schnee die Eiskönigin spielt. Christoph und ich versuchen derweil, unsere heutige gesundheitliche Verfassung einzuschätzen und kommen schließlich zu dem Ergebnis, dass wir doch zumindest den einen Kilometer bis zum ersten See versuchen können. Also schnell nochmal in den Wohnwagen gehüpft, aber lieber nicht zu viel mitgenommen. Erstens wollen wir keine schweren Rucksäcke schleppen, um jegliche unnötige Anstrengung zu vermeiden, und zweitens soll uns fehlender Proviant davon abhalten, doch zu weit zu gehen.

So stehen wir wenige Minuten später wieder am Trailhead und starten mit nichts weiter als drei kleinen Wasserflaschen in den Händen. Wobei "starten" hier so energisch klingt, vielmehr schleichen wir langsam den Weg entlang. Eher so Slow motion. Das macht aber nichts, denn der Weg ist wunderschön, wenn auch aufgrund der Schneeschmelze an einigen Stellen noch etwas nass. Zum Glück sind auch nur am Anfang ein paar Höhenmeter zu überwinden, bevor sich der Weg mehr oder weniger geradeaus durch die tolle Berglandschaft zieht. Regelmäßige Nachfragen zum Gesundheitszustand des jeweils anderen stehen heute fest auf der Tagesordnung, werden aber ausnahmslos jedes Mal positiv beantwortet. Schon bald finden wir einen schönen Aussichtspunkt auf den Mack Lake, wo wir gleich erstmal eine längere Pause einlegen.

Sophia ist inzwischen auch wieder bester Laune, denn Christoph hat sich breitschlagen lassen, mit ihr die Brieffreunde Giraffe und Pinguin zu spielen, die sich wechselseitig besuchen. In einer kurzen Spielpause deutet die Giraffe alias Christoph an, dass es bis zum nächsten See nur 500 Meter sind, es ja noch relativ früh ist und wir heute nichts weiter vorhaben... Ehe wir uns versehen, sind wir schon beim Marsh Lake und tauschen uns wiederholt darüber aus, dass wir uns Kanada genau so vorgestellt haben. Es ist aber auch wirklich herrlich: Die klaren Bergseen vor den schneebedeckten Gipfeln, perfekte Temperaturen irgendwo zwischen T-Shirt und dünner Jacke, Sonnenschein und Vogelgezwitscher, relativ wenige andere Hiker unterwegs - diese Wanderung ist ein echter Volltreffer!



Nach kurzer Diskussion begeben wir uns sogar noch zum dritten See, denn es sind nur 400 Meter und der Heart Lake soll der schönste von allen sein. Ich könnte mich nicht entscheiden; ich fand sie alle schön!

Nach weiteren ausgedehnten Pausen schleichen wir dann langsam zum Parkplatz zurück, wo wir nach insgesamt fast drei Stunden wohlbehalten und glücklich ankommen. Wir sind echt froh, dass wir uns doch getraut haben und vor allem, dass es geklappt hat. Kurze Essenspause im Camper, dann geht es den Berg wieder ein Stück nach unten, wo wir gleich noch dumpen, weil es am Wegesrand liegt. Heute ganz ohne Probleme wie plötzlich einsetzender Regen oder steckengebliebene Teile; das ist ja fast schon langweilig. Auch zum reservierten Campingplatz ist es nicht weit und der namensgebende Convict Lake sieht im Vorbeifahren klasse aus. Den schauen wir uns morgen in Ruhe an, ebenso wie die Duschen im benachbarten Ressort, für die wir aber immerhin schon die entsprechenden Token erstehen. Noch ein paar Runden Rummikub und ein bisschen lesen, dann reicht es für heute und wir gehen nochmal früh ins Bett - irgendwann wollen wir ja auch endlich wieder ganz fit sein.

Dienstag, 4. Juni 2024

Tag 42 - Atemlos

Nachdem sich gestern Abend meine Erkältungsanzeichen stark verdichtet haben, geht es mir heute Morgen verhältnismäßig passabel. Die Stimme ist etwas belegt und ich fühle mich leicht verschleimt. Sonst ist nix. Also fahren wir in aller Frühe zum Sabrina Lake, von wo aus wir zum Blue Lake wandern wollen. Nicht ganz so anstrengend wie gestern und wir haben ja den ganzen Tag Zeit.

Nach Ankunft am Parkplatz wird noch gefrühstückt sowie kurz bis zum Erscheinen der Sonne ausgeruht und dann geht es auch schon los. Im Schneckentempo schieben wir uns endlos langsam vorwärts, um jede übermäßige Anstrengung zu vermeiden, was auch ganz gut funktioniert. Ohne merklich erhöhten Puls schlurfen wir Schritt für Schritt unserem Ziel immer näher. Dabei warten wiederholt kleine Balancierherausforderungen auf uns, die wir zur Vermeidung nasser Füße gern annehmen.

Stets im Blick natürlich: Der pittoreske Lake Sabrina.

Dann aber kommen wir zu einer Flussquerung, die unsere heutigen Möglichkeiten übersteigt: Ein rauschender Gebirgsbach, der mit Sophia an der Hand unmöglich trockenen Fußes überwunden werden kann. Ich probiere es mehrmals mit Balancieren, brauche aber meine beiden Hände auf jeden Fall selbst. Ein Scouting nach Alternativrouten verläuft ebenso erfolglos. Der verzweifelte Versuch, mit Felsbrocken eine Brücke zu bauen, scheitert erwartbar am fast knietiefen Wasser. Und barfuß möchte ich mich heute erkältungsbedingt auch nicht durch das eiskalte Schmelzwasser zittern.

Also hocken wir uns erstmal hin und essen etwas. Währenddessen erscheinen weitere Wanderer und wir beschließen, diese zunächst bei ihren Querungsversuchen zu beobachten. Die erste Dreiergruppe überlegt recht lange und entscheidet sich dann für den ungefährlichen, aber nassen Weg auf der linken Seite. Keine Wade bleibt trocken. So also nicht. Das zweite Trüppchen aus mehreren Jugendlichen nimmt den riskanteren Weg rechts über die Stöcke. Hier wird man nur bis zu den Knöcheln nass, aber der Dicke aus der Gruppe rutscht beim Ausstieg weg und nimmt ein erquickliches Vollbad im Bach bis er von seinen Kollegen gerettet wird. Okay, darauf kann ich auch verzichten. Das dritte Hiker-Team will ich mir sparen, aber Sophia möchte unbedingt schauen, ob es von denen wieder einen aufs Fressbrett legt. Also müssen wir noch warten und enttäuscht feststellen, dass Sophias Wunsch unerfüllt bleibt.

Dann geht es zurück. Ohne das in Vorfreude auf das bevorstehende Ziel ausgeschüttete Adrenalin fühle ich mich plötzlich gar nicht mehr gut. Der Schleim in den Atemwegen hat sich weiter verdichtet und ich kann fast gar nicht mehr sprechen. Vor allem aber fällt mir trotz leichtem Abstieg und sehr langsamem Gehen das Atmen fortwährend schwerer, wobei mir zusätzlich speiübel wird. Immer öfter brauche ich daher zwingend Verschnaufpausen, wobei ich mich nach dem Sitzen kaum wieder aufrichten kann. Eigentlich sind wir hinzu nur lächerliche 2,5 km geschlichen und haben dabei läppische 60 Höhenmeter überwunden, aber der Rückweg raubt mir regelrecht den Atem, wobei mein Puls unverändert ruhig bleibt. Auf dem letzten Kilometer muss mir Lisa sogar meinen Rucksack abnehmen, damit ich nicht umkippe.

Nach schier endlosem Zeitlupenmarsch erreichen wir zur allgemeinen Erleichterung doch noch den Camper und ich lasse mich hinten aufs Bett fallen. Das bessert die Lage etwas, aber nicht viel. Erst als wir wenig später losfahren und dabei Höhenmeter um Höhenmeter verlieren, geht es mir langsam wieder besser. Auf 1.800 Meter über dem Meeresspiegel ist es dann wieder halbwegs okay. Die Vermutung liegt nahe, dass Atemwegserkrankung in Kombination mit höhenbedingt verringertem Sauerstoffgehalt auf 3.000 Metern zu viel des Guten waren.

Für heute habe ich jedenfalls genug und ruhe mich aus. Nach einem kleinen Einkauf und einer halbstündigen Fahrt zum nächsten Campground werden nur noch Filme geschaut, Rummikub-Steine malträtiert und vor allem die längst überfälligen Blog-Beiträge der vergangenen Tage geschrieben.

Hoffentlich bin ich bald wieder halbwegs auskuriert. Mit der Notwendigkeit eines Schleichgangs kann ich umgehen. Aber was soll ich denn hier bitteschön machen, wenn nicht mal ein leichter Spaziergang möglich ist?

Montag, 3. Juni 2024

Tag 41 - Bergschnecken

Heute ist es nach den letzten anstrengenden Tagen endlich mal wieder so weit, dass wir eine größere Wanderung geplant haben. Das ist nicht unbedingt weniger anstrengend, aber genau die Art von naturverbundener Herausforderung, die wir mögen. Da nehmen wir es auch gern in Kauf, dass der Wecker halb 6 klingelt. Na gut, "gern" ist vielleicht auch übertrieben, aber wir können uns dazu durchringen, uns rechtzeitig zu erheben. Ich kann nach dem Aufstehen erleichtert verkünden, dass meine Gliederschmerzen ganz und die Kopfschmerzen fast weg sind und ich mich daher in der Lage sehe, die heutige Wanderung mit ein paar Einschränkungen zumindest zu versuchen. Also ab direkt zum Parkplatz am Trailhead, der nicht unbedingt für größere Fahrzeuge ausgelegt ist, weswegen wir ja auch so früh da sein wollten. Dort angekommen stellen wir uns einfach quer über vier Parkflächen und frühstücken erstmal. Dann beim Packen der Rucksäcke die Frage aller Fragen: Brauchen wir eine Jacke? Oder zwei? Sicher ist sicher, nehmen wir mal lieber zwei für jeden mit, bevor wir dann oben auf dem Berg frieren.

Direkt am Parkplatz befindet sich ein riesiger Wasserfall, wo das Schmelzwasser aus höheren Lagen sich seinen Weg bahnt. So ist auch der Fußweg direkt am Start leicht von Wasser überlaufen, aber das sollte für uns geübte Wanderer doch kein Problem mehr sein. Allerdings gibt es zwischen Sophia und Christoph ein kleines Verständigungsproblem über den besten Weg, was dazu führt, dass Sophia erstmal direkt ins Wasser tapst. Na klasse, das geht ja gut los. Nasse Schuhe und Socken sind nicht der beste Start für eine längere Tour, zumal es doch auch kalt ist! Kurze Fühlprobe: Alles trocken geblieben. Nun aber los! 

Schon nach den ersten Metern des Aufstiegs ist klar: Die Jacken werden wir wohl nicht brauchen. Aber mit leichten Rucksäcken wandern kann ja jeder, wir suchen eben die besondere Herausforderung. Wobei, ich suche die heute eigentlich nicht, denn ich bin von der Erkältung noch ziemlich platt. Daher ist die Devise heute: Langsam den Berg hochschleichen und viele Pausen machen. Der Weg windet sich zwischen den hohen und teilweise noch schneebedeckten Felswänden nach oben und ist aufgrund unseres sehr gemächlichen Tempos auch nicht zu anstrengend.

Laut Karte beinhaltet die Wanderung zwei Flussquerungen, denen wir aufgrund des vielen Schmelzwassers etwas skeptisch entgegensehen. Die erste lässt auch nicht lange auf sich warten und unsere Bedenken bewahrheiten sich: Für uns gerade noch machbar, für Sophia allein aber trockenen Fußes nicht zu schaffen. Christoph sucht in allen Himmelsrichtungen nach Auswegen, fügt sich aber alsbald in sein Schicksal als Familienoberhaupt und trägt neben der Verantwortung nun auch das Kind. Da er mit Sophia im Gepäck schlecht von einem glitschigen Stein zum nächsten hüpfen kann, zieht er seine Schuhe aus und bewältigt den Weg barfuß. Leider hat Schmelzwasser nun mal die Eigenschaft, ziemlich kalt zu sein, sodass im Anschluss dringend Ersatz für die nicht mitgebrachten Handtücher gesucht wird. Und hier kommen unsere umsonst mitgeschleppten Jacken wieder ins Spiel, die nun doch noch benötigt werden. Naja, zumindest eine davon, die jetzt die eiskalten Füße trocken rubbeln darf.


Es geht im Schneckentempo weiter den Berg hinauf. Wir sind mal wieder froh, recht früh gestartet zu sein, denn es ist fast nichts los und die Temperaturen sind perfekt. Die zweite Flussüberquerung schafft Sophia dann auch allein und ganz ohne Steinehüpfen...

... und schon stehen wir am Lone Pine Lake. Herrlich! 

Wir sind tatsächlich allein hier oben und genießen die Ruhe, die lediglich hin und wieder von Vogelgezwitscher unterbrochen wird. Sophia erfreut sich besonders am Schnee und spielt erstmal eine Runde Minischneemannbauen. Später umrunden wir noch den See, bevor gegen Mittag immer mehr Grüppchen auftauchen, die uns anzeigen, dass es Zeit für den Rückweg ist. Der Aufstieg über insgesamt 500 Meter hat sich auf jeden Fall gelohnt. Der Rückweg sollte dann zwar hoffentlich etwas schneller vonstatten gehen als der Aufstieg, dennoch muss ich Sophias Rollenspielanfrage, ob ich nun ein Kletteräffchen oder ein Einhorn sein will, eine Absage erteilen: Ich bin heute allenfalls eine Bergschnecke. Macht aber nichts, immerhin haben wir es auf diese Weise doch noch zum See geschafft und die etwa elf Kilometer ohne Blessuren oder zu große Anstrengungen hinter uns gebracht.

Zurück am Parkplatz gönnen wir uns erstmal ein paar Löffel Eis an einem schattigen Picknicktisch, bevor wir uns zurück auf den Weg ins Tal machen, wo Essen und Tanken auf dem Plan stehen. Beim Ausstieg aus dem Auto trifft uns fast der Schlag: Warum zur Hölle ist es hier so heiß? Als wir nach 18 Uhr vom Essen kommen sind noch immer über 30 Grad und die Sonne brennt unglaublich. Wir müssen dringend hier weg und sind froh, dass die für heute Abend angepeilten Campingplätze wieder etwas weiter oben liegen. Hier ist es dann auch wirklich erträglich und wir finden problemlos noch ein schönes Plätzchen. Es könnte also eigentlich alles gut und wir zufrieden sein mit diesem Tag, allerdings kränkelt Christoph jetzt zur Abwechslung mal rum. Irgendwie ist in diesem dritten Reiseabschnitt bislang der Wurm drin... Ob das wohl so bleibt? 

Sonntag, 2. Juni 2024

Tag 40 - Die Luft ist raus

Endlich wieder in der Natur! Heute wollen wir am Vormittag bei noch erträglichen Temperaturen den Red Rock Canyon erkunden, bevor es dann gegen Mittag in Richtung Alabama Hills gehen soll. Ein unspektakuläres Frühstück später starten wir den Fahrzeugmotor und erfahren, dass wir wohl leider doch andere Pläne haben. Der Reifen vorne links ist komplett platt.

So ein Mist! Naja, dann müssen wir halt Road Bear anrufen und schauen, wie es weitergeht. Ein Blick auf das Handy verrät indes: Kein Signal. Okay, gar nicht gut. Wenn wir niemanden erreichen, stecken wir hier bei erwartbar vierzig Grad Celsius fest! Hmmmm... Nächste Idee: Einen Kilometer zu Fuß zum Visitor Center, um dort vielleicht einen Anruf tätigen zu können. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Das Visitor Center ist seit gestern für drei Tage geschlossen!

Etwa 100 Meter vom Visitor-Center-Parkplatz entfernt vermeldet mein in die Luft gerecktes Handy sodann: Ein Strich Funksignal. Juchhu! Zehn Meter weiter ist es aber leider wieder verschwunden. Also zurück zu der Stelle, wo es ging. Wo war sie nur? Ach ja, hier: Mitten auf dem glühenden Asphalt bei 30 Grad Celsius. Während Sophia und Lisa zwanzig Meter weiter im Schatten Platz nehmen, versuche ich also, möglichst regungslos Road Bear zu kontaktieren. Tatsächlich erreiche ich jemanden, der mich nach Problemschilderung auf einen Rückruf verweisen möchte, was ich mit Blick auf meine Signalsituation höflich ablehne. Also komme ich in die Warteschlange. Wie schlimm so ein fortwährend neu einsetzender Jingle sein kann, weiß man erst, wenn man ihn bei brütender Hitze auf dem Asphalt stehend zwanzig Minuten lang ertragen muss... Irgendwann habe ich aber doch wieder jemanden am Hörer, der mir Rettung in 90 bis 180 Minuten ankündigt.

Also heißt es: Warten und warten und warten, während es fortwährend heißer wird. Die ersten 60 Minuten noch draußen im Schatten; dann gehen wir zurück zum Wohnmobil. Auf dem Weg dorthin spricht uns ein weiterer Camper auf unseren linken Vorderreifen an und offeriert uns seinen Kompressor, was wir mit Blick auf den telefonisch angekündigten Reifenwechsel dankend ablehnen. Nach weiteren 90 Minuten klopft es an der Campertür. Statt des sehnsüchtig erwarteten Reparaturdienstes steht da aber wieder nur unser Mitcamper, der uns seine Luftspende nun mit Gewalt aufnötigen will. Irgendwie können wir noch eine Notfrist von einer halben Stunde aushandeln, dann aber werde er das Ding aufpumpen... Ob wir nun wollen oder nicht!

Nach weiteren zehn Minuten dann die Erlösung: Ein kleiner schwarzer Pkw, dessen Aufschrift einen Pannendienst verheißen lässt, zuckelt langsam auf uns zu. Der offensichtlich rückengeplagte Mitarbeiter schafft es in der Folge binnen weiteren fünfzehn Minuten, den von einem Nagel durchbohrten Reifen auszuwechseln, sodass wir endlich flüchten können. 

Im Seitenspiegel sehen wir noch unseren unheimlich aufdringlichen Mitcamper mit einem Kompressor in der Hand losstürzen, aber schon bald ist er in einer Staubwolke verschwunden. Das wäre doch mal eine coole Idee für einen Horrorfilm: "The Inflator - Der Pumper des Grauens - Erleben Sie, wie sich Ihr zunächst freundlich erscheinender Zeltplatznachbar in die Kompressorbestie von Red Rock Canyon verwandelt. Keine Öffnung ist vor ihm und seinem Schlauch sicher!"

Nach diesem Intermezzo kann ich heute verständlicherweise niemanden mehr für den Red Rock Canyon bei knapp 40 Grad Celsius begeistern, weswegen ich es bei einigen Fotos vom Fahrbahnrand aus belasse.



Stattdessen geht es nun in die Alabama Hills, die wir aufgrund einer unvorhergesehenen Umleitung erst nach gut zweieinhalb Stunden erreichen. Hier finden wir trotz späterer Ankunft glücklicherweise noch eine freie Site und bleiben dann auch gleich dort. Da es Lisa noch immer nicht wirklich gut geht, bleibt sie erstmal im Camper und ruht sich aus, während Sophia und ich die Umgebung erkunden. Die Landschaft sieht einfach toll aus!




Nach etwa zwei Stunden schließt sich uns dann eine leidlich erholte Lisa noch an und wir pilgern zusammen zum Moebius Arch, den wir kurz nach Sonnenuntergang erreichen.


Wer hätte gedacht, dass dieser Tag nach einem solchen Start noch so versöhnlich endet?

Tag 39 - Ein ganz normaler Tag in L.A.

Nachdem Sophia mich ab 5 Uhr morgens als Kratzstelle genutzt hat, indem sie alle möglichen mückenstichgeplagten Körperteile an mir gerieben hat, um den Juckreiz zu lindern, bin ich fast schon froh, endlich aufstehen zu können. Christoph und ich gehen noch duschen, während Sophia nun natürlich seelenruhig schläft - keine Spur mehr von Juckreiz. An die Geräusche des nahezu pausenlos direkt neben unserem Zimmer auf- und abfahrenden Fahrstuhls haben wir uns fast schon gewöhnt. Als wir auf der Suche nach dem Frühstück aus der 10. Etage nach unten fahren wollen, ist allerdings keiner der drei Fahrstühle gewillt, uns ins Erdgeschoss zu befördern. Letzten Endes fahren wir mit den Bauarbeitern mit, die in einem der Fahrstühle vielleicht irgendetwas reparieren. So genau lässt sich das nicht sagen, denn die Fahrstuhltür öffnet sich mehrmals auf unserer Etage mit den gleichen Personen und Gegenständen darin, aber weder wird dort gearbeitet, noch steigen sie auf irgendeiner Etage aus. Na wer weiß, vielleicht gehört es zu den hiesigen Renovierungsarbeiten, den Fahrstuhl 24 Stunden am Tag in Betrieb zu halten, zum Stresstest oder so. Unten angekommen dann die nächste Enttäuschung: Aufgrund der Bauarbeiten beschränkt sich das Frühstück auf eine braune Papiertüte, die man mit aufs Zimmer nehmen darf. Hat natürlich gestern beim Check-In niemand für nötig befunden, darauf hinzuweisen. Nach weiteren 10 Minuten warten, bis ein Fahrstuhl nach oben fährt, der enttäuschende Blick in die Frühstückstüte: pro Person ein Muffin, eine Miniflasche Wasser sowie ein kleiner Plastikbecher voll Apfelsaft. Wir sind ja nun nicht unbedingt reichliche Esser, aber ernsthaft: EIN Muffin? Und kein besonders großer geschweige denn nahrhafter... So fällt das Frühstück kurz aus und wir beeilen uns, das Hotel endlich zu verlassen, was natürlich auch noch mit weiteren Hindernissen verbunden ist, aber irgendwann befinden wir uns endlich auf dem Weg zum ausgewählten Walmart Supercenter.

Gründe für unsere Auswahl: Der Walmart hat als einer der wenigen den benötigten Kindersitz fürs Wohnmobil vorrätig und liegt so halbwegs auf dem Weg zu RoadBear. Der Verkehr durch Los Angeles ist die Hölle und ich bin sehr froh, dass ich nur mit dem Auto und noch nicht mit dem Wohnwagen unterwegs bin. Wir schaffen es aber durch viele Staus trotzdem irgendwann zum Walmart. Also schnell rein und den Sitz abholen, bevor wir schon einen Teil des Einkaufs erledigen wollen. Ach nein, doch nicht rein, die Abholstation ist draußen einmal um das Gebäude herum. Unsere Bestellung ist nicht auffindbar und es dauert ewig, bis ein Mitarbeiter mit dem gewünschten Sitz um die Ecke kommt. Irgendwie läuft heute nichts so richtig rund. Inzwischen ist es so spät, dass wir uns entschließen, direkt zu RoadBear zu fahren und den Großeinkauf auf später zu verschieben.

Nun kommt es zu einer absoluten Neuheit auf unseren bisherigen USA-Reisen: Christoph setzt sich ans Steuer eines Fahrzeuges! Da wir mit dem Mietwagen den Wohnwagen abholen, müssen wir danach mit beiden Fahrzeugen zu Budget düsen, um den Mietwagen abzugeben. Zwei Fahrzeuge bedeuten zwangsläufig zwei Fahrer, sodass Christoph lieber jetzt schon mal übt, während ich als "alter Hase" noch daneben sitze und schlaue Tipps geben kann. Das Problem dabei: Christoph ist ein mittelmäßiger Fahrer und ich ein ganz schlechter Beifahrer. Heute klappt das aber zur Abwechslung mal ganz gut. Seine Beteuerungen, er würde das alles viel besser machen als ich, in die Sophia unverschämterweise auch noch einstimmt, ignoriere ich gekonnt und lotse ihn souverän zur Tankstelle kurz vorm Wohnmobilvermieter. Aber auch das klappt natürlich nicht ohne Probleme: Zum ersten Mal in diesem Urlaub erwischen wir eine Tankstelle, die unsere Kreditkarten draußen an der Zapfsäule nicht akzeptiert, sodass wir mit Bargeld an der Kasse vorbezahlen müssen. In dem Bestreben, bloß nicht zu viel auszugeben, reicht der Betrag beim ersten Versuch natürlich nicht und Christoph muss nochmal rein und nochmal bezahlen. Jetzt ist der Tank aber voll.

Zwei Minuten später stehen wir kurz nach 12 bei RoadBear, wo wir erstmal Papierkram erledigen und dann die netteste und ausführlichste Einweisung in das Wohnmobil bekommen, die wir je hatten. Der Angestellte macht das richtig gut und die heiße Schokolade, die wir nebenbei trinken, ist auch echt lecker. Es kann also doch mal was funktionieren heute. Naja, zumindest fast: Christoph kippt sich natürlich noch einen Teil des leckeren Getränks über seine Hose, wobei ich mit diesem Fauxpas entgegen anders lautender Behauptungen rein gar nichts zu tun habe. Nachdem wir schließlich mit etwas Fummelei den Kindersitz auf der Sitzbank befestigt haben, geht es in Kolonne zu Budget, um den Mietwagen abzugeben. Die Station ist dann mal wieder so schlecht ausgeschildert, dass Christoph in der entsprechenden Straße allein nach der richtigen Einfahrt sucht, während ich versuche, in der Nebenstraße eine Abstellmöglichkeit für das Wohnmobil zu finden. Nachdem ich geparkt habe und wir einen dieser "Wo bist du denn? Siehst du mich winken?"-Anrufe geführt und uns gefunden haben, geben wir bei Budget das Auto ab. Wir sind ja inzwischen daran gewöhnt, dass das hier recht schnell vonstatten geht, aber dieses Mal wird nicht mal ein Blick auf das Auto geworfen. Der Kerl an der Rezeption, dem wir den Schlüssel geben, will nur wissen, ob wir das Auto hinter dem Büro abgestellt haben. Das wars. Keine Kontrolle, kein Name, keine Unterschrift, nix. Na gut, es soll uns recht sein. Wir schnappen uns das Wohnmobil und fahren dieses Mal zum Großeinkauf zu einem anderen Walmart, wo wir unsere Essensvorräte für die kommenden zwei Wochen erstehen. Nun wollen wir dringend weiter raus aus Los Angeles und den angrenzenden Vororten, wobei unser Weg gleichermaßen über stauende Freeways und Schleichwege durch Wohngebiete führt.

Inzwischen sind wir schon einige Stunden auf den Beinen, ohne Pause oder Essen und nach einem anstrengenden und langen Tag gestern. Das bekomme ich noch mehr zu spüren als meine beiden Mitreisenden: Zu meinem bereits seit gestern kratzenden Hals und den nicht zu verachtenden Kopfschmerzen gesellen sich nun auch noch Gliederschmerzen. Das kann ich gerade nicht gebrauchen! Was ich ebenso wenig gebrauchen kann: Die aufleuchtende Meldung im Camper, die mir mitteilt, dass der Reifenluftdruck vorn links zu niedrig ist. Na super, was sollen wir denn damit jetzt anfangen? Ein Anruf beim Service ergibt, dass man hier ebenfalls an vielen Tankstellen Luft aufpumpen kann. Das sollen wir erstmal machen und dann weiter sehen. Wir wollten doch einfach nur endlich raus hier und auf einem Campingplatz im Nirgendwo unsere Ruhe haben...

Aber es nützt ja nichts, spontan die Essenspläne über den Haufen geworfen und am nächsten Fastfoodladen angehalten, weil gegenüber dann eine Tankstelle ist. Sophia und Christoph stärken sich erstmal, aber ich bekomme außer ein paar Pommes nichts runter. So habe ich mehr Zeit, den Verkehr zu beobachten und festzustellen, dass es für uns mit dem Wohnmobil schwierig bis unmöglich ist, durch den dichten Verkehr auf die andere Seite des Highways zur Tankstelle zu gelangen. Also suchen wir eine andere große Tankstelle aus, die fast auf dem Weg liegt. Dort angekommen, versuchen wir herauszufinden, wie das mit dem Luft nachfüllen funktioniert. Was wir tun, fühlt sich irgendwie nicht ganz richtig an - wir benötigen vier Hände, jede Menge Koordinationsgeschick und viel Kraft - aber immerhin kommt Luft in den Reifen. Kostet natürlich auch wieder ein paar Dollar, ist ja klar. Die Meldung ist anschließend verschwunden und wir schaffen es endlich raus aus dem Einzugsgebiet von L. A. und kommen nach 19 Uhr am Campingplatz im Red Rock Canyon State Park an, wo glücklicherweise noch genügend Plätze frei sind.

Leider steht uns noch die Mammutaufgabe des Kofferauspackens bevor. Nach dem langen Tag hat eigentlich keiner mehr Lust darauf, aber im Wohnmobil ist auch nicht genug Platz, um drei Koffer rumstehen zu haben. Also machen wir uns ans Werk. Immerhin sind wir das perfekte Trio für diese Arbeit: eine krank, einer mit Rückenschmerzen und eine, die nach dem langen Tag und der vielen Fahrerei überhaupt keine Lust hat. Nach einigem Hin und Her ist aber auch diese Aufgabe bewältigt und ich kann mich endlich ein bisschen hinlegen. Die zwei Tage in Los Angeles haben uns völlig geschafft. Zwar sind wir froh, endlich den Großstadtmief hinter uns gelassen zu haben, aber die Sache mit dem Reifenluftdruck macht Christoph noch zu schaffen. Ich versuche, ihn zu beruhigen und meine, dass er das mal wieder viel zu pessimistisch sieht, aber er weist mich richtigerweise daraufhin, dass eigentlich ich die Pessimistin in unserer Runde bin. Da hat er wohl recht, trotzdem will ich nichts davon hören, dass mit dem Reifen irgend etwas sein könnte - klassische Verdrängungstaktik. Ob das mal gut geht? 

Tag 38 - Ein ganz nomaler Abend in L.A.

Ein neuer Tag, ein neuer Flug. Heute geht es zurück aufs Festland und unser letzter Reiseabschnitt startet. Einmal um die Sierra Nevada herum mit Start- und Endpunkt Los Angeles. Nicht gerade unsere Lieblingsstadt, aber für das Vorhaben recht günstig gelegen.

Den Vormittag nutzen wir noch für das Packen der Koffer. Dann geht es knapp zwanzig Meilen zum Flughafen in Lihue, die unser Jeep trotz zwischenzeitlichem Totalstreik glücklicherweise doch noch bewältigt, und schon finden wir uns im Flieger der Hawaiian Airlines wieder. Dort wird uns statt einer Snackbox mit Inhalten wechselhafter Güte der Abwechslung halber mal ein schwerlich genießbares Sandwich angeboten. Gott sei Dank haben wir aber auch Goldbären dabei!

Gegen 22:00 Uhr erreichen wir dann schießlich Los Angeles und ich frage mich, ob ich nicht doch einen anderen Startpunkt hätte wählen sollen.

Nicht nur ist dieses Krebsgeschwür menschlicher Siedlungspolitik in optischer, akustischer und olfaktorischer Hinsicht ein wahrer Leuchtturm der Abscheulichkeiten. Tatsächlich ging und geht bei uns auch immer alles schief, sobald wir auch nur annähernd in den Miefradius dieser Metropolregion geraten. So auch heute.

Kaum gelandet, ist natürlich niemand zum Andocken da, sodass wir eine weitere halbe Stunde im Flugzeug festsitzen. Als wir dann endlich den Flughafen betreten dürfen, beginnt auch schon der härteste Hike unseres gesamten Urlaubs: Terminal C 220 to Terminal B Baggage Claim. Ein Trip, den sogar Reinhold Messner niemals geschafft hat. Gefühlt läuft man etwa siebzehnmal spiralförmig durch das gesamte Flughafengelände, wobei sich In- und Outdooretappen mit unterschiedlichen Muffigkeitsgraden bis hin zur Königsdisziplin "Raucherinsel" abwechseln. Obwohl der unfreiwillige Hiker sich mit dem gesamten Arsenal der Flughafenbeförderungstechnik konfrontiert sieht (Rolltreppen, Laufbänder, Fahrstühle, Transportwagen etc.), bedarf es bei strammem Stechschritt fast einer ganzen Stunde, um das Ziel zu erreichen. Man munkelt zwar, dass es auch eine mysteriöse U-Bahn geben soll, aber hiervon wissen wir nur von Schildern, die genauso gut das Ende eines Regenbogens hätten ausweisen können. Jedenfalls bin ich fast schon enttäuscht, dass sich als großes Finale nicht noch eine Etappe Sackhüpfen oder ein Balanceakt über einen reißenden Fluss voller Krokodile anschließt. Stattdessen liegen in einem für alle frei zugänglichen Bereich unvermittelt unzählige Koffer für jedermann zur Mitnahme herum. Völlig überraschend hat sich zum Glück noch niemand an den unseren vergriffen, sodass wir das jetzt übernehmen. Also schnell die Taschen gekrallt und bloß raus hier!

Jetzt nur noch mit dem Shuttle zu Budget und das für einen Tag spontan angemietete Fahrzeug abholen. Die Shuttle-Abholstelle ist schnell gefunden und dann heißt es warten: Alamo, Alamo, Avis, Hertz, Alamo, National, Enterprise, Alamo, Hertz, völlig unbekannter Autovermieter, National, Avis, verbotswidrig haltende Puertoricaner, Alamo, National, doch da kommt er ja endlich, der Budget-Shuttle und... fährt einfach als einziger Bus leer vorbei, ohne anzuhalten. Der Fahrer hat offensichtlich einfach keinen Bock oder schlimmen Durchfall. Also geht das Spiel von vorn los. Ich erspare mir eine weitere Aufzählung der Shuttle-Busse und belasse es beim Kommentar des von mir verzweifelt um Mitnahme gebetenen Avis-Fahrers: "Go Avis next time."

Nach einer guten halben Stunde hält dann doch noch irgendein total versiffter Shuttle und nimmt uns sowie ein Potpourri zweifelhafter Großstadtgestalten mit sich, um uns nach einer weiteren halben Stunde wieder bei Budget auszuspucken. Dort schnappen wir uns relativ schnell einen Mietwagen und düsen zu unserem Hotel, wo wir kurz vor 1:00 Uhr ankommen.

Vom völlig unbeholfenen Portier bekommen wir natürlich das Zimmer direkt neben dem einzigen noch funktionierenden von insgesamt drei Fahrstühlen im obersten Stockwerk zugewiesen, sodass die ganze Nacht hindurch ein wohliges: "Schschschschschsch.... Ding!" durch unsere Schlafstätte hallt. Zum Glück sind wir viel zu fertig, um uns darüber auch noch aufzuregen. Also bloß schnell ins Bett und dann so bald wie nur irgendwie möglich raus aus Los Angeles. Wenn das die Stadt der Engel sein soll, verstehe ich endlich, was Rammstein mir sagen wollte.

Samstag, 1. Juni 2024

Tag 37 - Krabbenalarm

Unser letzter ganzer Tag auf Hawaii, den wir nochmal voll ausnutzen wollen. Wir starten morgens mit einer Fahrt zu den einzigen Wasserfällen, die man mit dem Auto erreichen kann. Dementsprechend tummeln sich auf dem winzigen Parkplatz einige Autos, wobei man sich bei den Fahrkünsten des einen oder anderen Fahrers ernsthaft fragen muss, wie er es bis hierher geschafft hat. Wir werfen einen Blick auf die Wailua Falls, aber mehr ist hier auch nicht zu tun.

Sophia will natürlich nochmal baden, sodass wir als nächstes die Lydgate Pools ansteuern. Die Pools sind nicht - wie von mir zunächst naiverweise gedacht - natürlich entstanden, sondern wurden von Einwohnern erschaffen, die es satt hatten, dass es auf dieser Seite der Insel keine Badestrände gibt. Das Wasser in dem Pool ist ganz ruhig und selbst Sophia kann fast überall stehen. So wird nochmal ausgiebig geplanscht und anschließend im Sand gebuddelt. Bei dem Versuch, einen Tunnel in den Sand zu graben, will ich ein paar vermeintliche Dreckkrümel zur Seite wischen, die sich als im Sand verbuddelte Krabbe entpuppen, die plötzlich empört an meiner Hand vorbeistürmt und mir einen gehörigen Schrecken einjagt.

Auf dem Weg zum nächsten Strand halten wir an einem Leuchtturm, zu dem wir leider nicht wandern können, da der Park aufgrund des Memorial Days geschlossen hat. Schade, aber vom Aussichtspunkt aus macht er auch was her und in der Bucht unter uns können wir zwei Mönchsrobben sehen, die sich auf den heißen Steinen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

Weiter zum Anini Beach, wo Sophia und Christoph nochmal baden und auch eine Runde schnorcheln. Schon bei der Ankunft am Strand fällt uns auf, dass hier einige Krabben unterwegs sind, die sich sofort verkriechen, sobald sich jemand im Umkreis von einigen Metern bewegt. Als ich aber ruhig auf meinem Handtuch im Schatten sitze, kommen sie in Scharen aus ihren Löchern gekrochen und huschen am Strand hin und her. Ich könnte sie ewig dabei beobachten, wie sie ihre Löcher immer tiefer buddeln, den Sand nach Essbarem absuchen und Kämpfe ausfechten.

Weiter zum letzten und wichtigsten Punkt heute: dem Haena State Park. Hier musste mal wieder ein Zeitraum reserviert werden, in dem man sich im Park aufhalten darf. Man kann entweder selbst mit dem Auto reinfahren und drei Stunden bleiben oder sich mit dem Shuttle hinbringen lassen und dann so lange bleiben, wie man möchte. Wir haben eine Reservierung fürs eigene Auto ab halb fünf, werden aber auch zwanzig Minuten früher schon eingelassen. Unweit vom Strand beginnt der Kalalau Trail, der vom hiesigen Ke'e Beach an der Na Pali Küste entlang bis zum Kalalau Valley verläuft. Aufgrund der Länge von elf Meilen oneway und der gegen Ende teilweise gefährlichen Wegführung kommt der gesamte Trail für uns nicht in Betracht, aber ein Stück weit bis zu einem schönen Aussichtspunkt wollen wir schon gehen. Es geht erstmal steil bergauf und dann immer an der Steilküste entlang durch den Regenwald. Der Weg ist herrlich angelegt und läuft sich eigentlich auch recht gut, nur das Antimückenspray müssen wir mehrfach bemühen und trotzdem kommt es hinsichtlich der Wirksamkeit gegen die blutsaugenden Biester schnell an seine Grenzen. Für die tolle kleine Wanderung und die beeindruckenden Ausblicke nehmen wir das aber in Kauf.

Bevor der Weg sich den nächsten Abhang hinunterschlängelt zu einem kleinen Strand, der laut Christophs Recherchen nicht unbedingt sehenswert ist, kehren wir um und gehen zurück zum Ke'e Beach, wo wir eigentlich den Sonnenuntergang genießen wollten. Leider ist der Himmel inzwischen recht bedeckt, aber am Strand ist es ruhig und wir sind fast allein. Wir lassen nochmal die Wellen um unsere Füße tanzen, betrachten die Na Pali Küste und verabschieden uns fürs Erste vom Meer.