Freitag, 25. Juli 2025

Tag 14 - A Spark in the Dark

Oh Kanada, du mystisches Land ewiger Dunkelheit, Sehnsuchtsort aller Vampire, Pilgerstätte zum heiligen Cumulus und Inspiration für den Filmklassiker "Pitch Black - Planet der Finsternis", was ist dir heute morgen nur widerfahren?

5:30 Uhr. Noch kündet kein Warnzeichen die meteorologische Anomalie an, die uns in zwei Stunden aus unserer Vitamin-D-Mangel-bedingten Lethargie reißen wird. Vielmehr erwartet mich beim allmorgendlichen Blick aus dem Fenster das vertraute Bild undurchdringlichen Nebels, der jedwede Sicht fernab der nächstgelegenen Krüppelkiefer kategorisch unterbindet. Der bitterlichen Kälte geschuldet fahren wir zunächst ohne große Hoffnungen erneut zum Parkplatz des Peyto Lakes, um nach kurzzeitig angeworfenem Heizgebläse unser kärgliches Mahl in der hierdurch leidlich aufgewärmten Wohnkabine zu uns zu nehmen.

Beim Blick aus der Dachluke trifft mich fast der Schlag. Sollte dort oben am Himmel tatsächlich ein kleines Fitzelchen Blau schimmern? Ein Warnanruf beim Nationalen Wetterdienst sowie beim Amt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz ("Dringende Sonnenbrandwarnung!") scheidet leider mangels Netzservice aus. Also düsen wir zur Kontrolle zunächst zum Bow Lake. Auch hier das gleiche verstörende Bild. Leichtes Himmelblau, welches nur noch vom immer dünner werdenden Bodennebel in Schach gehalten wird. Wieder zurück am Peyto Lake wollen wir der Sache selbst auf den Grund gehen und begeben uns zum offiziellen Aussichtspunkt. Und hier streift mich nun etwas, von dem ich schon fast vergessen hatte, dass es überhaupt existiert, etwas, das viele kanadische Kinder nur aus Märchen der Altvorderen kennen: Sonnenlicht. Sofort mache ich mich mit Lisa und Sophia auf den Weg zu einem inoffiziellen Aussichtspunkt etwa 120 Höhenmeter den Berg hinauf und hier liegt er nun tatsächlich in all' seiner Pracht hell erleuchtet vor uns: der Peyto Lake.


Was für ein Anblick! Und was für eine Ruhe auf unserer einsamen und warm beschienenen Felskuppe. Fast dreißig Minuten lang saugen wir diesen seltenen Moment besten Wetters in uns auf, der die schier endlose Warterei auf etwas Sonnenschein vergessen lässt. Dann machen wir uns auf den Weg. Immerhin wollen wir die heutigen Lichtverhältnisse für unsere Tour entlang des Icefields Parkway nutzen.

Also auf geht es! In wilder Fahrt rauschen wir nordwärts, vorbei am bereits gestern besuchten Mistaya Canyon sowie an der Raststätte Saskatchewan River Crossing und Richtung Gletscherfelder. Hier wollen wir einen Bergrücken erklimmen, der Blicke auf einen der Gletscher zulässt. Während wir so brausen, nimmt die vormals farbenfrohe Landschaft langsam wieder das uns vertraute, klassische Kanada-braungrau an. Was ist passiert? Die Wetteranomalie hat ihr Ende gefunden. Statt ihrer spüren wir nun wieder den matschigen Blick dichter Haufenwolken auf unserer Seele lasten. Sei es drum: die Parker Ridge wird gleichwohl bezwungen und zum Dank begrüßt uns oben sofort ein kleiner Regenschauer. Dank Butterkeks ist Sophia gleichwohl bester Laune.




Während der Wanderung werde ich einmal mehr einer weiteren Anomalie Gewahr, die mir während der vergangenen Tage schon so manches Rätsel aufgegeben hat. Die gesamten kanadischen Rocky Mountains sind voller Inder. In den USA sind indische Touristen ein seltenes Kuriosum, hier gibt es keine größere Bevölkerungsgruppe. Überall Inder! An allen Aussichtspunkten und Tankstellen, in jedem Geschäft und Restaurant. Sogar die Bedienungen sind offenkundig indisch mit Kopftuch und Bindi. Wenn die Umgebung nicht wäre, könnte man sich in Mumbai wähnen. Aber warum? Ist Calgary - Neu-Delhi eine vergünstigte Flugverbindung? Ist Lake Louise ein Wallfahrtsort für Hindus? Hat ein berühmter indischer Influencer in Banff gestreamt? Es ist mir schlicht unbegreiflich. Am ehesten könnte ich mir noch vorstellen, dass Inder die unbarmherzige Sonnenglut in ihrem Land leid sind. Dann bietet sich natürlich ein Land als Reiseziel an, in dem so gut wie nie ein Sonnenstrahl die Erde berührt...

Noch immer ob der Geheimnisse dieser Welt grübelnd geht es weiter Richtung Norden. Lisa meint, sie habe soeben direkt am Straßenrand einen Bären gesehen, der mir in meiner Trance entgangen sei. Wahrscheinlicher ist indes, dass die unentwegt melancholische Witterung Halluzinationen bei Lisa hervorgerufen hat. Unterwegs machen wir jedenfalls noch einen kurzen Stopp an den Athabasca Falls, die man nicht unbedingt gesehen haben muss,... 

...und erreichen schließlich das waldbrandgeplagte Jasper. So viele verbrannte Bäume habe ich noch nie gesehen. Das Feuer des vergangenen Jahres muss wahrhaft kolossale Ausmaße erreicht haben. Überall völlig verkohlte Gehölze; am Rande der Stadt sind mehrere triste Containerdörfer für diejenigen aufgebaut worden, die alles in den Flammen verloren haben. Zwar sieht man mangels Blattwerk nun die Wildtiere besser - als solche zeigen sich indes nur lahme Weißarschhirschkühe, sodass auch dieser Umstand nicht wirklich als Vorteil durchgehen kann.

In der Stadt angekommen nutzen wir sogleich den wieder möglichen Internetzugang, um gespannt die Wetterlage zu studieren. Und siehe da: Es soll regnen. Morgen Mittag und Nachmittag und Abend und übermorgen den ganzen Tag. Na super - alles andere wäre ja auch überraschend, nachdem wir heute schon die üblichen Sonnenstunden für den ganzen Juli abgegriffen haben. Blöd nur, dass wir die kommenden zwei Tage eine Kanufahrt Richtung Spirit Island geplant haben... Lange überlegen wir hin und her, ob wir uns mit entsprechender Ausrüstung nicht doch hinauswagen sollten. Am Ende siegt aber doch die Vernunft. Zweimal je fünf Stunden mit zitterndem und schreiendem Kind auf offenem Wasser, um unser Ziel dann im dichten Regen kaum erkennen zu können, klingt einfach nicht sonderlich verlockend. Dazu die gute Chance, sich hierdurch eine böse Erkältung zuzuziehen. Wir sagen den Kanutrip also schweren Herzens ab und stopfen uns aus Frust beim Italiener voll.

Anschließend fahren wir noch auf den Campingplatz, duschen und versuchen uns dann an einer Neuplanung der kommenden Tage. Kaum, dass die Sonne bei milden Temperaturen hinter den westlichen Bergketten versunken ist, klart der Himmel plötzlich auf - uns erwartet wohl eine sternklare Nacht...

Tag 13 - Wenigstens nicht nur Regen

So unbeständig das Wetter hier in den Bergen auch sein mag, einer Sache sind sich die Wetterfrösche seit Tagen sicher: Heute wird es den ganzen Tag lang regnen! Dementsprechend steht auch für uns schon seit Tagen fest, dass heute nicht viel passiert. Nachts bin ich schon mehrfach vom Trommeln des Regens auf unserem Dach aufgewacht und daher einigermaßen überrascht, dass ich am Morgen davon gar nichts mehr vernehme. Ich döse noch eine ganze Weile vor mich hin, bevor ich Christoph gegen halb neun frage, wie es denn draußen aussieht. Die überraschende Antwort: Es schneit! Ernsthaft? Ja, es stimmt wirklich...



In den vorab studierten Reiseberichten war zwar häufig die Rede von viel Regen, weswegen unser Reiseplan ja auch hier und da Regentage und andere Alternativen vorsieht, aber von Schnee hat nun wirklich keiner berichtet. Es ist dann auch ein bisschen unwirklich, wie wir am 22. Juli beim Frühstück in unserem Camper sitzen und draußen unentwegt dicke Flocken vom Himmel fallen. Sommerurlaub mit Schneefall, das hatten wir auch noch nicht... Irgendwann geht der Schnee wieder in Regen über, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob das wirklich besser ist. Der Plan für den heutigen Tag sieht jedenfalls einen Campingplatzwechsel und ansonsten nur Zeitvertreib drinnen vor. Der Wechsel auf den sechs Kilometer weiter nördlich gelegenen Platz klappt ohne Probleme, da wir direkt zur üblichen Check-out-Zeit um 11:00 Uhr dort vorfahren. Hier kann man nämlich nicht reservieren, sondern es gilt first-come, first-served. Auf unserem neuen Plätzchen im Wald machen sich Christoph und Sophia an die zweite Matheeinheit, während ich über den Campingplatz zum angrenzenden See spaziere.


So schlecht ist das Wetter eigentlich gar nicht: Es hat aufgehört zu regnen und man kann im Gegensatz zu gestern sogar hier und da ein blaues Himmelfleckchen entdecken. Während Sophia ihren versprochenen Film auf dem Laptop schauen darf, verziehen sich die Wolken tatsächlich zusehends und wir wagen uns am frühen Nachmittag nochmal mit dem Wohnmobil auf die Piste.

Erst ein kurzer Abstecher zu einem Aussichtspunkt auf den Waterfowl Lake...


...dann machen wir uns auf den einen Kilometer langen Spaziergang zum Mistaya Canyon. Leider wieder sehr touristisch hier und wir sind schon auf dem Parkplatz genervt von den vielen Menschen. Die Laune lassen wir uns aber heute nicht verderben, nachdem das Wetter so überraschend mitspielt. Schnell ein paar lahme Im-Weg-Rumsteher überholt (Warum müssen ausgerechnet die langsamsten "Wanderer" immer zu dritt nebeneinander laufen und bekommen nichts um sich herum mit?), schon geht es besser voran. Allerdings fällt uns auf, dass auf solchen überlaufenen Wegen immer verhältnismäßig viele Leute schlecht gelaunt aussehen, während einsame Wanderer auf anstrengenden Trails meist freundlich grüßen und zufrieden mit sich und der Welt zu sein scheinen. Ob die anderen also doch auch genervt sind, wenn so viel los ist? Oder liegt es daran, dass viele davon mit Flipflops und Kinderwagen losziehen auf Wegen, die dafür einfach nicht ausgelegt sind? Man weiß es nicht... Der Anblick, wie die Wassermassen in den Canyon rauschen, ist jedenfalls beeindruckend und wir freuen uns über ein bisschen Bewegung im Sonnenschein.



Um morgen - bei angekündigtem Superwetter - nicht unnötig Zeit mit organisatorischem Kram verschwenden zu müssen, fahren wir noch weiter nach Saskatchewan River Crossing. Ich hatte mir ein kleines Dorf vorgestellt, aber eigentlich ist es eher wie eine deutsche Autobahnraststätte: Giftshop, Minimarkt und Restaurant in einem mit angeschlossener Tankstelle und ein paar Bungalows. Aber eben die einzige Einkaufs- und Tankmöglichkeit weit und breit, sodass wir beides nutzen. Zusätzlich gibt es sogar kostenloses WiFi, was hier oben nicht zu verachten ist, wo man doch ständig darauf hingewiesen wird, dass es über mehrere hundert Kilometer weder Telefon- noch Internetempfang gibt. Wir nutzen das also kurz, um die neuesten Entwicklungen von zu Hause zu erfahren (Warum gehen Sachen im Haus eigentlich immer dann kaputt, wenn man selbst nicht vor Ort ist?), während wir etwas Warmes essen. Nun hoffen wir, dass das Wetter morgen hält, was es verspricht, damit wir alles nachholen können, was wir in den vergangenen Tagen witterungsbedingt aufgeschoben haben... 

Donnerstag, 24. Juli 2025

Tag 12 - Take it O'leave it

Frühmorgens verlassen wir den Campground im Kootenay National Park. Unser Plan ist es, wenigstens noch etwas brauchbares Wetter mitzunehmen, bevor es am Nachmittag zu regnen anfangen soll.

Erstes Ziel ist der Olive Lake, an dem ich das Hammer-Wortspiel "Take it O'leave it" ersinne, von dem sich meine Reisebegleiter unverständlicherweise schon bald äußert genervt zeigen werden. Passend zur Witterung ist die Redewendung allemal.


Anschließend geht es weiter zum Marble Canyon, in dem sich Schmelzwasser einen schmalen Pfad tief in den Fels gegraben hat. Nicht schlecht, aber auch nicht der Oberknaller, zumal Kanadier im Gegensatz zu US-Amerikanern offenbar genauso paranoide Sicherheitsfanatiker wie wir Deutschen sind. Überall Zäune, Absperrungen, Sicherheitsgeländer und anderer Kram, der ein offenbar "europäisches Verständnis" vom mündigen Bürger und der vielbeschworenen Eigenverantwortung offenbart. Sei es drum; wenigstens ist heute nicht allzu viel los hier.


Anschließend geht es weiter zum Kootenay Valley Viewpoint, der in tiefen Wolken hängt und daher ungesehen passiert wird, und schließlich zum Icefields Parkway. Auch hier aber: Dichte Nebelwolken, die kaum einen Blick auf die umliegende Bergwelt zulassen. Schade drum, aber vielleicht haben wir an einem der Folgetage noch etwas mehr Glück.

Heute soll es ungeachtet der mäßigen Wetterverhältnisse jedenfalls zum Hector Lake gehen. Der vorgesehene Parkplatz ist leider für Wohnmobile ungeeignet, sodass wir unseres erst einen knappen Kilometer weiter zum stehen bringen können. Kein Problem: Laut meiner Handy-Karte gibt es einen Verbindungspfad von hier zum offiziellen Hector-Lake-Trail. Also Gepäck geschultert und auf geht's! Nach zwanzig Minuten durch den dichten Nadelwalddschungel müssen wir allerdings aufgeben. Der vermeintliche Verbindungspfad führt lediglich zu einer atemberaubenden Fäkalierstätte und endet kurz darauf im Unterholz. Also müssen wir wohl oder übel der Straße zurück zum richtigen Trailhead folgen und von dort aus loswandern. Nach dem deswegen stressigen Start am Fahrbahnbrand macht der Weg aber wirklich Spaß. Zahlreiche Matsch- und Wasserlöcher laden zu spannenden Klettereinlagen ein, die nicht immer gut ausgehen - vor allem nicht für mich...


Für unsere Mühen entschädigt werden wir am Hector Lake, der im dichten Nebel mysteriös schimmert.


Noch besser: Wir sind fast vollkommen allein hier. Nur kurzzeitig stört ein französisch-sprechendes Frauenpärchen mit zwei angeleinten Frettchen (!) die Ruhe, indem sie sich ohne Anlass laut schreiend über das Gesehene austauschen, obwohl sie direkt nebeneinander stehen. Bald schon aber finde ich an den beiden Gefallen, weil sie sich so dermaßen übertrieben verhalten, dass meine eigentlich bemüht überzogenen Franzmann-Parodien ("Isch bin ein Franzmös, Madame.") im Vergleich dazu absolut abstinken. Offenbar gibt es tatsächlich Franzosen, die permant unprovoziert "C'est magnifique!", "Oui, oui, oui, oui, oui!" und natürlich in Allerweltssprache "oooooooooooooohhh" kreischen. Nur die armen Frettchen tun mir leid.


Anschließend geht es zurück zum Wohnmobil und dann auch schon zum Campground am Silverhorn Creek. Unsere Site ist eine der schönsten der ganzen Reise, wovon wir aber witterungsbedingt nicht allzu viel haben.


Am Abend fahren wir dann nochmal zum Peyto Lake, obwohl das Wetter hierfür nicht ausgelegt ist. Sophia braucht aber unbedingt nochmal etwas Auslauf, damit es heute keine Toten im Camper gibt. Der See sieht schon toll aus; wir hoffen aber, ihn in den Folgetagen nochmal bei Sonnenschein sehen zu dürfen.

Tag 11 - Das ist Kanada!

Kurz vor 8 Uhr schlage ich die Augen auf und kann kaum glauben, dass ich wirklich so lange schlafen durfte. Keine Ahnung, wie lange Christoph schon wach ist, aber aktuell vertreibt er sich die Zeit mit einem Handyspiel und sieht ganz zufrieden aus. Einige Zeit später erwacht auch Sophia und wir frühstücken in aller Ruhe.

Dass wir uns heute so viel Zeit lassen, liegt nicht etwa daran, dass wir von der Regenwanderung gestern so geschafft sind. Aber ja, so gesehen kommt uns der entspannte Start in den Tag schon sehr gelegen. Der eigentliche Grund ist aber, dass heute ein langer Fahrtag ansteht, der keine morgendliche Eile erfordert. Es geht zurück nach Kanada und unterwegs werden gleich noch ein paar wichtige Dinge erledigt.

Stopp Nummer eins: Wäsche waschen. Vier Wochen kommen wir mit unserer Ausstattung an Klamotten leider nicht hin, sodass schon vor Reiseantritt klar war, dass wir zwischendurch irgendwo werden waschen müssen. Heute bietet sich das an und Christoph hat entlang unserer Strecke eine Münzwäscherei ausfindig gemacht, bei der wir sogar mit Karte zahlen können, sodass die lästige Geldtauscherei in Quarters entfällt. Wäre auch schön doof, wenn wir auf direktem Wege in Richtung Kanada noch US-Dollar abheben müssten, nachdem wir nun eine Woche hier bargeldlos ausgekommen sind... Jetzt werden jedenfalls kurzerhand die dreckigen Kleidungsstücke auf zwei Waschmaschinen verteilt, diese angeworfen und dann heißt es erstmal, sich die Zeit zu vertreiben. Wir nutzen direkt das zur Verfügung stehende WiFi, während Sophia unzählige Runden von einer Maschine zur anderen läuft und uns berichtet, wie viele Minuten es jeweils noch dauert.


Nach einer halben Stunde ist es Zeit für den Trockner, was sich leider unerwartet schwierig gestaltet. Zwar haben alle Waschmaschinen und Trockner einen Münzeinwurf, einen Kartenleser haben hingegen nur ausgewählte Geräte. Blöderweise sind alle Trockner, die für uns in Frage kommen, gerade besetzt. Einer wäre zwar frei, aber da geht der Kartenleser nicht. Wir vertrödeln also fast eine weitere halbe Stunde damit, darauf zu warten, dass irgendwann eine Maschine fertig wird. Gleichwohl müssen wir letzten Endes doch fremde Sachen aus einem der Trockner herausnehmen, die seit Ewigkeiten getrocknet sind, aber einfach nicht abgeholt werden. Irgendwann haben wir das ganze Prozedere zum Glück hinter uns gebracht und es geht mit ausreichend frisch gewaschenen Schlüpfern weiter in Richtung Norden.

Nächster Zwischenstopp: Einkaufen. Nachdem die Ortschaften der vergangenen Tage hinsichtlich Einkaufsmöglichkeiten spärlich ausgestattet waren, können wir heute endlich wieder in einem großen Supermarkt einkaufen. Das war auch nötig. Eine Stunde später sind die Vorräte im Wohnmobil wieder aufgefüllt und wir haben sogar das beste Wasser (Arrowhead) und genießbares Brot (was die Amerikaner halt so Brot nennen) bekommen.

Nach einer längeren Fahrtstrecke, auf der Christoph hinten bei Sophia sitzt und mit ihr Hörspiele hört, kommt die Grenze in Sicht und wir sind gespannt, wie die Kanadier den Grenzübertritt auf dem Landweg handhaben. Auch hier guckt der Grenzbeamte streng und ist nicht zu Späßen aufgelegt. Wir werden gefragt, wie lange wir in den USA waren, wann wir Kanada wieder verlassen und ob unsere Flüge bereits gebucht und bezahlt sind. So weit, so gut. Haben wir irgendwas in den USA gekauft, das wir in Kanada lassen? Haben wir Waffen oder Munition dabei? Oder Pfefferspray und andere Waffen zur Selbstverteidigung? Nein, nein und ne... Obwohl? Während ich überlege, ob mit der letzten Frage nicht auch unser Bear Spray gemeint sein könnte, das wir ja immer noch dabei haben, hat Christoph diese schon verneint und wir dürfen passieren. An das Bärenspray hat er nicht gedacht und wir sind uns nicht sicher, ob wir es offiziell hätten mitnehmen dürfen. Aber egal, hat ja alles geklappt.

In der Ferne sieht man, wie es an verschiedenen Stellen in den Bergen um uns herum regnet und es dauert auch nicht lang, da fahren wir durch einen dicken Regenschauer. Christoph kommentiert das mit einem "Das ist Kanada!", wobei er nicht besonders begeistert klingt. Seit Tagen beobachtet er argwöhnisch das Wetter in den kanadischen Gebieten, die wir demnächst noch bereisen werden - und sieht dabei seiner Meinung nach viel zu viel Regen. Wir werden uns wohl überraschen lassen müssen, was das Wetter für die kommenden Tage für uns bereithält.

Wir halten bei einem urigen Pub, um etwas zu essen. Er sieht von außen nicht gerade einladend aus, aber die Bewertungen waren gut. Wir öffnen die Tür und betreten einen ziemlich dunklen Raum. Uns gegenüber sitzt ein einsamer älterer Mann, der uns überaus argwöhnisch beäugt. Der Tresen ist verlassen, ein frei laufender Hund kommt uns entgegen... Okaaaaay. Kurz überlegen wir, den Laden postwendend wieder zu verlassen, aber da der Hund sich friedlich wieder verkrümelt, setzen wir uns an einen der vielen freien Tische und werden kurze Zeit später von einer sehr freundlichen Frau bedient und bekommen auch ein recht leckeres Essen - natürlich begleitet von einem nicht ganz ernst gemeinten "Das ist Kanada!".


Am Campingplatz angekommen, regnet es erstmal in Strömen ("Das ist Kanada!") und wir erholen uns lesend, malend und spielend von der anstrengenden Fahrerei. Nachdem wir uns den ganzen Tag kaum bewegt haben, plädiere ich für einen abendlichen Spaziergang, sobald sich die Sonne wieder zeigt. Kaum haben wir das Wohnmobil verlassen, werden wir von Mücken belagert und können innerhalb weniger Minuten alle einige juckende Hautschwellungen vorweisen. Mit welchen drei Worten wir das lachend kommentieren, dürfte nun klar sein. Also wenn das wirklich typisch Kanada ist, dann können die kommenden Tage ja heiter werden...

Sonntag, 20. Juli 2025

Tag 10 - Party-Sonne

Unser letzter Tag im Glacier National Park. Da ist natürlich noch einmal ein Knaller eingeplant, auf den ich meine Mitreisenden bereits gestern mit einer absolut empowernden Motivationsrede ("SEID IHR BEREIT ZU LAUFEN BIS DIE FÜẞE BLUTEN?? - JAAAAAAAA!!!!) eingestimmt habe. Vorgesehen ist der Highline Trail vom Logan Pass zum Loop-Trailhead, 20km oneway, 300 Höhenmeter nach oben, 900 nach unten. Der Wetterbericht sagt "partly sunny", mithin einen Sonne-Wolken-Mix voraus - perfekt!

5:15 Uhr stehen wir auf, 6:15 Uhr an der Shuttle-Haltestelle, 6:55 Uhr im Shuttle und 7:55 Uhr am Logan Pass. Alles läuft nach Plan. Nur die Sonne scheint noch etwas schüchtern zu sein.


Naja, flitzen wir erstmal los; es wird sicher bald aufreißen. Eine Stunde später - leichter Nieselregen setzt ein; von Sonnenschein noch immer keine Spur. Sophia will wissen, wann jetzt endlich die "Party-Sonne" kommt. Da habe ich mich mit "partly sunny" wohl missverständlich ausgedrückt...


Auch am Haystack Butte keine Besserung.

Und dann - dichter Nebel:



So wird das wohl nichts mit den atemberaubenden Ausblicken. Setzen wir uns halt erstmal hin für einen kleinen Snack. Kaum sitzen wir, fängt es an zu regnen. Erst etwas, dann immer mehr. Sophia will immer noch wissen, wann die "Party-Sonne" kommt. Statt ihrer setzt nun aber immer stärkerer Regen ein. Bald schon sind wir trotz unserer Funktionsjacken klitschnass. Kilometerstand auf meinem Handy: Neun - umdrehen macht also auch keinen Sinn mehr. Stattdessen suchen wir kurz Zuflucht unter einem Baum, um dem fröstelnden Kind mein Zweitpaar Wandersocken über die Hände zu ziehen.


Hier gibt es sogar Internet. Der Wetterbericht will von unserer Situation aber nichts wissen; demnach ist es "partly sunny" mit zehn Prozent Regenchance. "Wo ist denn nun die Scheiß-Party-Sonne?" fluchschluchzt Sophia. Das frage ich mich allerdings auch - hier jedenfalls nicht. Was es hier gibt, ist strömender Regen, durchnässte Kleidung und etwa neun bzw. zehn Kilometer Entfernung bis zum Start- bzw. Endpunkt der Wanderung. Laut meiner Karte kommt in drei Kilometern Entfernung immerhin ein kleines Chalet. Also Zähne zusammenbeißen und ab durch den Monsun. Nach einer knappen Stunde kommen wir dort durchgeweicht an und klappern uns durch die beschlagene Tür. 

Viel besser hier drin, wenn auch sehr voll. Die Jacken werden an Wäscheklammern aufgehängt; dann setzen wir uns erstmal an einen Tisch in der Ecke des Raums. Warum die Fenster bei den Temperaturen offen sein müssen, erschließt sich mir nicht. Naja, dann bestellen wir uns zum Aufwärmen halt heißen Kakao, steht ja vorn an der Tafel. Aber schade, schade, Schokolade - laut Verkäuferin ist gerade heute kein heißes Wasser verfügbar! Ihr bizarres Angebot, doch gleichwohl das wasserlösliche Kakaopulver zu erwerben, schlage ich aus. Sodann bemühen wir uns darum, irgendwie die wichtigsten Kleidungsstücke an einem kleinen Öflein zu trocknen, dies freilich mit bescheidenem Erfolg.

Meine Strümpfe jedenfalls sind mittlerweile nicht mehr zu retten. Hätte ich doch wenigstens noch ein zweites Paar trockene Wandersocken! Dieses aber fühlt sich nach seiner "offlabel"-Nutzung als Kinderhandschuhe ebenfalls wie ein benutzter Waschlappen an. Es nützt doch alles nichts - wir müssen hier raus und wieder los! Daher werfen wir uns nach einer knappen Stunde die unverändert nassen Jacken sowie - brrrrrrr - die durchweichten Rucksackträger über und machen uns daran, die letzten sechs bis sieben Kilometer zu bewältigen. Ist das kalt hier draußen!

Nach etwa 20 Minuten scheint Gewöhnung oder Gleichgültigkeit einzusetzen. Jedenfalls frieren wir nicht mehr. Der Regen hat auch aufgehört. Dem Delirium nahe finden wir sogar Gefallen an einem Hähnchen mit witzigen Augenbrauen.

Warum hat der nur sowas? Während ich noch darüber sinniere, schlägt Lisa Alarm: Bär! Und nicht nur einer - eine Grizzly-Mama mit zwei kleinen Jungen läuft etwa zehn Meter rechts von uns über eine Lichtung! Adrenalin schießt ein, das Bärenspray ist schon in meiner Hand und wird entsichert. Wir gehen langsam zwanzig Meter zurück, die Bären immer fest im Blick. Unterstützung haben wir diesmal keine; nur wir und die Bären. Und was machen die? Sie gehen weiter in unsere Richtung...

Also müssen auch wir weiter zurück, um eine Kurve herum. Jetzt sehen wir die Bären nicht mehr. Manchmal raschelt es rechts, manchmal knackt es links. Wir schauen so gut es geht in alle Richtungen; Sophia steht in der Mitte und meint, dass wir zum Glück gut ausgestattet sind, da wir Bärenspray dabei haben. Ich bin mir da nicht so sicher...

Nach etwa fünf Minuten hören wir Stimmen hinter uns. Kurz darauf erscheinen drei weitere Wanderer, denen wir in der Hoffnung auf Unterstützung von der Bärenmama erzählen. Die erhoffte Hilfe bleibt indes aus. Die Ankömmlinge fragen stattdessen uns, was nun zu tun sei. Na, hier bleiben bis es dunkel wird jedenfalls nicht! Also tasten wir uns langsam vorwärts. Ich ganz vorn mit Bärenspray, dann Lisa und Sophia und ganz hinten unsere vermeintlichen Unterstützer. Was hat der alte Ranger in der gleichen Situation vor drei Tagen nochmal gemacht? "Bear, bear, bear, bear!" gerufen und Steine ins Gebüsch geworfen. Steine werfen scheint mir jetzt nicht die optimale Strategie zu sein, also beschränke ich mich darauf, mich langsam und "Bear, bear, bear, bear!" rufend voranzutasten. Immer wieder spähen Lisa und ich abwechselnd bergauf und bergab. Von der Bärenmama ist aber nichts mehr zu sehen. Nach etwa 150 Metern entspannen wir uns wieder und gehen normalen Schrittes weiter - das Bärenspray bleibt aber von nun an im Anschlag.

Die letzten drei Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Mir schmerzt der Rücken, Lisa die Fußsohle, Sophia muss aufs Klo. Wie zum Hohn kommt nun auch die Sonne endlich raus.

Irgendwann - Lisa glaubte schon nicht mehr daran -kommen wir dann doch taumelnd am Loop-Trailhead an und danken dem Schöpfer dafür. Noch besser: Ohne jede Wartezeit können wir ein Shuttle besteigen und zurück zum Visitor Center düsen. Hier unten nun: bestes Kaiser-Wetter.

Das bedeutet also "partly sunny". Oben regieren Sturm und Frost; unten steppt die "Party-Sonne". Das hätten wir gern vorher gewusst.

Heute geht jedenfalls nichts mehr. Lisa und Sophia essen noch ein Eis; ich hau mich hinten auf die Pritsche. Der Glacier National Park hat uns auf jeden Fall absolut umgehauen - mal auf die eine, mal auf die andere Art und Weise. Umso gespannter sind wir auf das, was uns in Kanada erwartet. Die nächsten Tage werden es sicherlich zeigen.

Tag 9 - Sophia-darf-entscheiden-Tag

Der Tag beginnt mit einer Seltenheit: Wir dürfen ausschlafen! Da wir meist gegen 22:00 Uhr einschlafen, erschöpft sich das Ausschlafen für Christoph gegen 6:00 Uhr. Ich schlafe etwa eine halbe Stunde länger und Sophia erwacht dann auch kurz nach 7:00 Uhr. Wir lassen uns (für unsere Verhältnisse) viel Zeit bei Morgenroutine und Frühstück. Nach einem Zwischenstopp bei der Dump Station, um unsere Tanks zu leeren und Frischwasser aufzufüllen, fahren wir die kurze Strecke zum Parkplatz. Spätestens jetzt bei den letzten Vorbereitungen zum Aufbruch bereut Christoph es mal wieder, dass er uns gesagt hat, wir hätten heute Morgen keinen Stress und könnten uns Zeit lassen. Er steht nämlich nach zwei Minuten startklar vorm Camper, während Sophia in aller Seelenruhe ihre Wanderschuhe verschnürt und sich anschließend gewissenhaft mit Sonnencreme einschmiert. Ich sehe auch keinen Grund, sie zur Eile anzutreiben - es ist nahezu 10:00 Uhr und so oder so sind schon einige Menschen unterwegs, da kommt es auf zehn Minuten mehr oder weniger auch nicht an.

Wir schaffen es schließlich dennoch ohne Streit, endlich zu unserer heutigen Wanderung aufzubrechen. Am Ufer des Two Medicine Lake befindet sich eine Station der Boat Company, bei der wir für den heutigen Tag - mal wieder - ein One Way Return Ticket gebucht haben. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen haben wir dieses Mal aber tatsächlich geplant, das Ticket auch in Anspruch zu nehmen. Das Häuschen lassen wir dennoch links liegen, haben wir doch unsere Reservierung bereits in der Tasche.


Wir begeben uns auf den South Shore Trail. Die nördliche Seeumrundung ist wegen Bären gesperrt, aber so weit wollen wir ohnehin nicht gehen. Die Sichtung von Bären oder Elchen wäre natürlich durchaus willkommen, aber bitte mit Sicherheitsabstand. Der Weg führt indes erst viel später am Seeufer entlang. Für den Moment laufen wir durch dichten Wald. Das Wetter ist perfekt, nur eine Gruppe amerikanischer Wanderer, die etwa gleichzeitig mit uns losgeht und sich nur minimal schneller bewegt als wir, nervt etwas. Den kleinen Vorsprung, den sie hier und da gewinnen, verlieren sie alle paar Minuten wieder dadurch, dass sie irgendwelche völlig unspektakulären Pflanzen fotografieren. Ansonsten ist allerdings erfreulich wenig los und unsere drei unfreiwilligen Wegbegleiter verlieren wir dann doch irgendwann. So können wir den schönen Waldweg in Ruhe genießen.


Zwischendurch sorgen diverse Matschstellen und eine kleine Hängebrücke für ein wenig Abwechslung.


Am Ende der Wanderung kommt dann auch der See wieder in Sicht.



Wir haben an dieser Stelle die Möglichkeit, die Wanderung noch um ein paar Kilometer zu verlängern oder uns für das Boot anzustellen, das uns zum Ausgangspunkt zurückbringen soll. Sophia darf heute entscheiden und natürlich möchte sie Boot fahren. Wir stellen uns also am Bootssteg an und während das Boot gerade anlegt (gutes Timing!), kramen wir unsere Reservierung heraus und stellen fest, dass man sich an dem Häuschen am anderen Ufer nach Vorlage seiner Reservierung Tickets hätte ausstellen lassen sollen. Upsi. Mit der ersten Tour passen ohnehin nicht alle Wartenden ins Boot und Christoph bringt noch schnell in Erfahrung, dass sie uns auch nur aufgrund unseres eilig aus dem Reisehefter gerissenen Zettels mitnehmen. Warten müssen wir trotzdem auf die Rückkehr des Bootes in etwa 30 Minuten und nutzen die Zeit zur Vertilgung unseres Proviants. Eine halbe Stunde später dürfen wir dann doch aufs Boot und werden zurück zum anderen Ufer gefahren, was wir langweilig finden, Sophia aber Spaß macht.

Wieder am Wohnmobil angekommen machen wir uns direkt auf den Weg zum nächsten Campingplatz für die kommenden beiden Nächte im westlichen Teil des Glacier National Park. Christoph sucht uns fürs Abendessen ein kleines Lokal raus, das Pizza im Angebot hat, da Sophia sich diese gewünscht hat. Was Sophia nicht wusste und wir erfolgreich verdrängt haben: Die Amerikaner haben keine Ahnung, wie man leckere Pizza macht. Hier lautet die Devise beim Belegen schlicht: Je mehr, desto besser. So ertrinkt die Pizza Margherita quasi in Tomatensoße, den Teig darunter muss man erstmal suchen. Passend dazu gibt es Plastikbesteck, Plastikbecher und (immerhin) Pappteller. Wir gehen ja zu Hause nun auch nicht unbedingt in feine Restaurants, aber in solchen "Lokalen" zu essen, widerstrebt mir hier immer wieder. Es scheint aber auch gar nichts anderes zu geben... Auf dem Weg zur Toilette entdeckt Sophia noch den angeschlossenen Souvenirladen und da wir gerade Zeit haben, erstehen wir für absolut unverschämte Preise noch eine Handvoll Mitbringsel.

Am Campingplatz angekommen, verbringen wir noch eine sehr entspannte Stunde am Lake McDonald, bevor wir den Abend mit einem riesigen Eis und einer lang herbeigesehnten Dusche ausklingen lassen.


Freitag, 18. Juli 2025

Tag 8 - Shuttle mies, dann Paradies

Gegen 7:20 Uhr stehe ich mit zwanzig anderen armen Teufeln an der Haltestelle am Visitor Center des Glacier National Parks und warte auf den Bus. Was uns alle eint? Ein fahrbarer Untersatz mit einer Gesamtlänge von jeweils mehr als 21 Fuß, welches eben deswegen auf der den Nationalpark durchlaufenden Going-to-the-Sun-Road nicht verkehren darf. Einzige halbwegs realisierbare Alternative, die dort befindlichen Trailheads dennoch anzusteuern: Ein wenig komfortables, konsequent überfülltes Shuttle, auf das man schon mal eine gefühlte Ewigkeit warten darf.

Während ich so an der Haltestelle abhänge - Lisa und Sophia frühstücken noch im Wohnmobil -, verdunkelt sich leider der ursprünglich blaue Himmel immer weiter, sodass ich bald von Cappie auf Mütze wechseln muss und ein baldiges Eintreffen des Busses herbeisehne, um unser heutiges Ziel vielleicht doch noch kurz bei Sonne genießen zu können.

Wenige Minuten nach 8:00 Uhr ist es dann endlich so weit: Unsere indianische Busfahrerin düst heran! Leider beginnt sie aber nicht etwa mit dem unverzüglichen Einsortieren der Besucher, sondern mit sinnlosem Smalltalk und ein paar Knaller-Scherzen, was das vornehmlich amerikanische Publikum durchaus goutiert. Ich dagegen wünsche mir nur, dass das Gerede doch endlich mal sein Ende finden könnte, zumal die Busfahrerin eine ausgeprägte Zahnquatscherin, also eine dieser seltsamen Personen ist, die beim Reden permanent beide Lippen zurückziehen, damit man ihr Gebiss in seiner ganzen Großartigkeit bestaunen kann.

Irgendwann geht es dann doch los und ich muss nur noch den typisch hohlen Ami-Smalltalk im Bus über mich ergehen lassen. Dieser ist eigentlich stets gleich aufgebaut und daher leicht zu erlernen, aber schwer zu ertragen. Abschnitt 1: Ouvertüre (Frage oder Anstoß für Belanglosigkeit). Part 2: Belanglosigkeit. Part 3: Ausruf des Erstaunens oder des Beglückwünschens. Dann wieder von vorn. Ein paar Beispiele: "Where are you from? - I am from Ohio. - Oh, wow!" "How many nights do you stay here? - Four Nights. - Cool, that's awesome!" "I had eggs for breakfast. - I like eggs. - Oh my goodness!" Das eine Stunde lang auszuhalten, erfordert schon viel Selbstbeherrschung. Wenigstens zeigt sich während der Fahrt auf meiner Seite ein Grizzly, den ich im Vorbeirauschen kurz auf einem Schnappschuss verewigen kann.


Gegen 9:00 Uhr erreichen wir den Logan Pass, von dem aus es losgehen soll. Statt "los" geht es aber erstmal auf's Klo, weil Sophia halt dorthin muss. Anschließend können wir aber endlich starten und unfassbarerweise reißt tatsächlich nach wenigen Minuten der wolkenverhangene Himmel auf und wird uns für die nächsten zweieinhalb Stunden strahlenden Sonnenschein schenken.


Hier oben ist es wunderschön. Blühende Bergwiesen, schroffe Bergwipfel, unzählige kleine Bächlein und vor allem unfassbar viele putzige Tierchen. Neben zahlreichen Squirrels kreuzen vor allem immer wieder Murmeltiere unseren Weg. Manche sind grummelig,...


...andere friedlich,...


...und wieder andere posieren gern am Aussichtspunkt.


Das Einzige, was stört, sind die vielen Touristen, sodass wir uns dafür entscheiden, auf einem Seitenweg einen der Bergrücken zu erklimmen, was sich als fantastische Entscheidung herausstellt. Zum einen laufen hier lauter Bergziegen herum,...



...teils sogar mit Nachwuchs.



Zum anderen sind wir hier ganz für uns und  haben daher das Privileg, diese traumhafte Landschaft einschließlich des surreal schönen Hidden Lake in völliger Einsamkeit genießen zu können. Besser geht es wirklich nicht!



Auf dem Rückweg setzt dann ein leichter Nieselregen ein, der uns aber nicht weiter stört. Wir haben gesehen, was wir sehen wollten. Nicht so toll dagegen: Nach der Wanderung wieder auf den blöden Shuttle warten zu müssen, um sich dann zusammengepfercht auf einem Stehplatz knapp eine Stunde wieder nach unten schippern zu lassen. Wenigstens ist der Busfahrer diesmal angenehm still.

Sodann geht es noch kurz einkaufen, wobei wir bei mittlerweile strömendem Regen zum Wohnmobil zurückrennen müssen, und schließlich Richtung Two Medicine Area des Glacier National Parks. Den Plan, unterwegs nochmal essen zu gehen, verwerfen wir, nachdem sich herausstellt, dass alle Restaurants mit verzehrfähigen Speisen geschlossen und alle geöffneten Restaurants nur Ungenießbares anzubieten haben. Stattdessen gibt es wieder leckere Nudeln mit Ketchup, gefolgt von ein paar Spielen im Camper. Morgen geht es dann an den Two Medicine Lakes weiter - zumindest laut Wetterbericht soll sich die Sonne dann wieder zeigen...