Mittwoch, 22. Juli 2026

Tag 12 - Dünnes Eis

Nachdem gestern über den Tag verteilt doch einige Schritte und Kilometer zusammen gekommen sind, die Sophia trotz des angeschlagenen Fußes klaglos überwunden hat, beschließen wir am Frühstückstisch einstimmig, dass wir es heute mit einer mittleren Wanderung bei überschaubarem Höhenprofil probieren. Schon allein in der Hoffnung, auf weniger Menschen zu treffen...

Der Skaftafellsjökull soll es also sein, ein Gletscher, für dessen Besichtigung man etwa 300 Höhenmeter überwinden muss. Am Startpunkt der Wanderung befindet sich zu unserer Überraschung nicht nur ein großer Parkplatz, sondern auch ein riesiger Campingplatz. Mit "weniger Menschen" wird es also schon mal nichts, obwohl der Parkplatz selbst gegen 9:00 Uhr erst halb gefüllt ist. Ein Großteil der zu diesem Zeitpunkt belegten Stellflächen wird dabei tatsächlich von Urlaubern mit Wohnmobilen oder Fahrzeugen mit Dachzelten okkupiert, die ganz offensichtlich hier übernachtet haben. Ein Schotterplatz wäre jetzt nicht unbedingt meine erste Wahl für eine naturnahe Campingnacht, aber jeder, wie er mag. Unser Weg zum Wanderweg führt uns dann unmittelbar über den angrenzenden Campingplatz, der uns wieder einmal eindrücklich vor Augen führt, warum wir keine Lust haben, außerhalb Nordamerikas mit dem Wohnmobil zu verreisen: Zwei große Wiesen, auf denen kreuz und quer Zelte stehen, dazwischen ein Schotterstreifen, auf dem dicht an dicht die Autos der Camper abgestellt sind. Keine Chance auf ein bisschen Privatsphäre, keine privaten Sitzmöglichkeiten, überall spielende Kinder und der allgemeine Lärm, der unweigerlich entsteht, wenn sich viele Menschen auf relativ kleinem Raum begegnen. Auf der angrenzenden großen Wiese für Wohnmobile und -anhänger das gleiche Bild: Kreuz und quer stehen die Fahrzeuge, teilweise dicht beieinander. Für manch' einen mag das der Traum eines Urlaubs sein: Viele fremde Menschen kennenlernen und nie allein sein. Für uns ist das leider nichts.

Aber wir sind ja auch nicht zum Campen, sondern zum Wandern hier. Also lassen wir den Campingplatz so zügig wie möglich hinter uns und starten den sanften Aufstieg zum Aussichtspunkt. Anfangs treffen wir noch zwei kleinere und eine große Wandergruppe, die wir ob unseres eher gemächlichen Tempos passieren lassen, aber dann haben wir unsere Ruhe. Der Weg führt am Hügel entlang über Erde, Holzplanken und Steine nach oben, die Sonne lacht und das Wetter ist wirklich mild heute - super!

Oben angekommen haben wir einen schönen Ausblick auf den Gletscher. Eine Infotafel berichtet über seinen erwartungsgemäßen Rückgang in den vergangenen Jahren. Auf die Frage, ob Sophia überhaupt weiß, was ein Gletscher ist, wiederholt sie, was wir ihr vor einiger Zeit darüber erzählt haben: Es handelt sich um einen dicken Eispanzer, der über einen Kilometer hoch werden kann! Na gut, das wird hier wohl eher nicht (mehr) zutreffen. Wir genießen trotzdem eine verdiente Pause und beobachten nebenbei, wie sich ein anderes Paar bereit macht für eine Fotosession: Der Mann bringt sich ein Stück weiter oben mit seiner Spiegelreflexkamera in Stellung, während die Frau vor dem Gletscher einen passenden Spot aussucht, sich vorteilhaft positioniert und ... mit einem Gesicht wie drei Tage Regenwetter in Richtung Kamera guckt. Zunächst denken wir, es war vielleicht nur ein Testschuss, aber sie bleibt beharrlich bei diesem Gesichtsausdruck - egal, ob sie deprimiert in die Kamera oder bedrückt in Richtung Gletscher schaut. Wohl das Fotoshooting für den Deprikalender 2027 mit dem Motto: Man kann auch an unglaublich schönen Orten traurig sein! Da gefallen uns unsere Varianten aber besser:


Der Rückweg führt uns nun über die Hügelkette, wo der Wind mal wieder kräftig bläst, aber daran haben wir uns ja inzwischen gewöhnt. Wir starten unterwegs noch dem Svartivoss einen kurzen Besuch ab, an dessen Fuß sich jedoch ein Großteil der Bewohner des Campingplatzes tummelt. Familien picknicken, Kinder klettern über die Steine bis an den Wasserfall heran, um sich abzukühlen, was mir persönlich bei 18 Grad Lufttemperatur allerdings zu kalt wäre. Zum Glück schaffe ich es trotzdem, ein Foto ohne fremde Menschen zu machen, denn der Wasserfall selbst mit den Basaltsäulen drumherum macht wirklich etwas her.

Von hier aus nehmen wir den kürzesten Weg zurück zum Parkplatz, was wir schon nach kurzer Zeit bereuen, denn es ist logischerweise auch der kürzeste Weg vom Campingplatz zum Wasserfall. Unzählige Menschen sind in beide Richtungen unterwegs, als Reisegruppen, als Familien, mit Hunden und mit Kinderwagen. Zumindest gibt uns das die Gelegenheit, die Urlauber hier mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und es macht den Eindruck, dass es sich dabei hauptsächlich um isländische Familien handelt, die hier ihren Sommerurlaub verbringen. Das sollen sie gern tun, aber uns ist das trotzdem zu viel und wir sind froh, als wir im Auto wieder unsere Ruhe haben und nur noch das Hörbuch von Harry Potter (und der eine oder andere Kommentar der Mitreisenden) an unsere Ohren dringt.

Da es etwas zu früh ist, um uns schon wieder in unser Ferienhaus zu begeben, entscheiden wir uns noch für eine etwas längere Dirtroad-Fahrt, um ein paar Flussdurchquerungen für meine Statistik zu sammeln und außerdem wartet am Ende ein hoffentlich schöner Wasserfall. Die Furten überwinden wir ohne Probleme, aber bei Ankunft am Aussichtspunkt auf den Fagrifoss erwartet uns wieder mal der typisch isländische Wind. Sturm trifft es hier wohl besser, denn man hat Angst, dass einem beim Fotografieren das Handy aus der Hand gepustet wird.

So halten wir uns keine zehn Minuten am Aussichtspunkt auf, bevor wir schon wieder zurück fahren. Ist aber gar nicht schlimm: Die Strecke ist schön, wir haben ein spannendes Hörspiel, nette Gesellschaft und Gummibärchen im Auto. Mehr braucht es nicht.

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