Gegen 0:30 Uhr ändert sich die Witterungsprognose geringfügig, aber für uns wesentlich. Die Großlage bleibt erhalten; in der Überlappungszone zwischen nördlichem und südlichem Wirbel soll aber im Bereich um Bakkagerði gegen Mittag ein wenige Kilometer breiter Streifen ohne Bewölkung und mit wenig Wind entstehen. Reicht das für einen schönen Ausflug?
Eine Überprüfung am nächsten Morgen lässt die Hoffnung wachsen. Der prognostizierte Streifen klaren Himmels ist nun noch etwas breiter; im Gebiet um Bakkagerði soll die dichte Wolkendecke kurz vor 12:00 Uhr aufreißen und sich gegen 16:00 Uhr wieder schließen. Und welche Wanderung befindet sich dort? Eben die nach Stórurð, welche gestern am störrischen Protest meiner Begleiter scheiterte!
Erfreut teile ich meine neuen Erkenntnisse mit Lisa. Sie zieht sich sofort die Bettdecke über den Kopf. Als ich Sophia am Frühstückstisch von der nun für heute angesetzten Wanderung erzähle, bricht diese sogar in Tränen aus. Ich hätte ihr doch versprochen, dass heute nichts anstehen würde. Was ist mit den Frauen in dieser Familie nur los?
Aber es hilft kein Klagen und Murren. Gegen 9:30 Uhr machen wir uns auf den Weg und erreichen circa 10:30 Uhr den Trailhead. Etwas zu früh für meinen Geschmack. Also hören wir noch ein bisschen "Harry Potter" - mittlerweile sind wir bei "Der Gefangene von Askaban" angekommen - und springen erst gegen 11:00 Uhr aus dem Auto. Der Plan ist klar: Zwei Stunden hin, eine Stunde dort, zwei Stunden zurück. Die Sonnenstrahlung dürfte dann hoffentlich verhindern, dass meine notorisch frierenden Damen trotz maximal acht Grad Celsius bibbernd die Mundwinkel hängen lassen. Ohnehin haben sich die beiden wieder in unzählbar viele Schichten Kleidung gehüllt. Lisa kommt mir mittlerweile wie eine dieser russischen Matroschka-Puppen vor: Egal wie vieler Kleidungsstücke sie sich entledigt, es ist immer noch ein weiteres darunter. Ich dagegen gehe wie stets bei kühler Witterung mit nur einer (!) Hose sowie T-Shirt, Fleecejacke und dünner Funktionsjacke.
Wir sind erst fünf Minuten auf dem wunderbar angelegten Trail unterwegs, da bricht bereits das erste Mal die Sonne zu uns durch. Die Wiesen strahlen, die Bäche plätschern, die Schafe blöken und uns begleitet schon bald ein steter Wechsel aus Vollsonne und leichter Schleierbewölkung. Außer einem etwas älteren Pärchen ein ganzes Stück weiter vorn ist sonst niemand hier. Die Ausblicke werden mit den zurückgelegten Höhenmetern immer besser.
Am Pass angekommen überholen wir das Paar vor uns. Bald schon sehen wir auch unser heutiges Ziel - lediglich ein Schneefeld und ein recht steiler Abstieg harren noch der Bewältigung.
Vorsichtig überwinden wir diese letzten Hindernisse und tauchen dann in die Welt der zusammengewürfelten Felsbrocken ein.
Mit Sicherheit das Highlight hier: Der kristallklare See im östlichen Bereich, wo wir eine wohlverdiente längere Pause machen.
Als Panorama:
Zwanzig Minuten dürfen wir den See ganz allein genießen, dann treffen weitere Besucher ein, für die wir unseren Premium-Platz räumen. Ohnehin müssen wir uns auf den Rückweg machen; als wir den Steinen den Rücken kehren, ist es bereits 14:20 Uhr. Also kämpfen wir uns den Abhang unter den lieblichen Klängen einer motivierenden Version von "Mach die Robbe", interpretiert von Sophia L., wieder hinauf, überqueren den Pass und stolpern auf der anderen Seite die Hügelkette wieder hinab.
Meine Aufgabe für den Abstieg: Eine Geschichte ausdenken und je Kapitel fünf Wörter einbauen, die Sophia mir vorgibt. Das klappt zunächst ziemlich gut. Zum Abschluss schlage ich daher vor, aus den letzten fünf Begriffen sowohl ein schlechtes als auch ein gutes Ende zu ersinnen, was begeistert aufgenommen wird. Entsprechend erzähle ich zunächst das schlechte Ende (Prinzessin wird nach fairem Prozess hingerichtet und hinterlässt ihren weinenden Raupenfreund), dann das Happy End (alle glücklich und zufrieden unter Missachtung der geltenden Rechtslage). Nur wenige Minuten danach bricht Sophia in heftiges Schluchzen aus und kann sich erst kurz vor Erreichen des Autos wieder einigermaßen beruhigen. Dass die arme Prinzessin in der ersten Version einen grausigen Tod erlitten hat, belastet sie offenkundig sehr, auch wenn das aus meiner Sicht durchaus folgerichtig und gerecht war, hat die unbelehrbare Edelfrau doch bewusst ein Delikt begangen, als dessen Strafe zu ihrer Kenntnis allein der Tod bestimmt war.
Kaum sind wir im Dacia verstaut, zieht der Himmel vollends zu. Die kurze Zeit des Sonnenscheins ist vorüber; wir haben sie optimal genutzt. Der Rest des Tages geht für Duschen, Essen machen und Chillen drauf. Im Bett liegend weint Sophia nochmal kurz wegen der schlimmen Sache mit der Prinzessin bevor sie selig einschläft. Ich sollte es wohl zukünftig lieber beim Happy End belassen.
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